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"Das ist der Tarif, billiger könnt ihr uns nicht haben"

Wo sollen sich die Geisteswissenschaften in der sich ändernden Landschaft des Wissens positionieren? Zwei anerkannte Vertreter des “geisteswissenschaftlichen Establishments” der Schweiz geben Antwort.

Der Computer ist ein enorm einflussreicher “Output” wissenschaftlich-technischer Forschung, welcher die Welt der vergangenen Jahrzehnte entscheidend beeinflusst hat. Gibt es ein “geisteswissenschaftliches” Forschungsresultat mit ähnlicher Bedeutung?

Sitter: Diese Frage vergleicht Äpfel mit Birnen. Der Computer ist ein Hilfsmittel zur Problemlösung. Er ist ein technisches Produkt. Die Geisteswissenschaften sind Reflexions- und nicht Produktionswissenschaften.

Also sollte es gar keine “Produkte” der Geisteswissenschaften geben?

Sitter: Es gibt Produkte, beispielsweise Bücher. Dies hat auch eine wirtschaftliche Bedeutung, denken Sie an das Verlagswesen. Dies ist aber eine sekundäre Wirkung, die primäre Wirkung ist die Reflexion. Es gibt aber auch Denkmodelle, die entscheidenden Einfluss auf die heutige Zeit haben. Ich verlasse jetzt zwar den engeren Rahmen der Geisteswissenschaften, doch denken Sie an das ökonomische Modell: Es gibt kaum einen Bereich, auch nicht in den Naturwissenschaften, der sich nicht ökonomischen Denkmustern stellen muss. Keine andere Theorie tritt derzeit so absolutistisch auf und wird auch so wahrgenommen. Das ist kein Produkt im Sinn eines Computers, doch wirtschaftlich wie sozial von enormer Bedeutung.

Herkommer: Ich will hier zwei weitere Beispiele einer direkten gesellschaftlichen Wirkung von geisteswissenschaftlichem Wissen anfügen: Denken Sie zum einen an die Neugestaltung der historischen Mitte Berlins. Hier fliesst das Know-how der Architekturgeschichte, der Kunstwissenschaft, der Stadtarchäologie in die entsprechenden Arbeiten ein. Zudem wird eine neue Identität entwickelt: Das Alte soll tradiert und mit dem Neuen verbunden werden. Das ist eine typisch geisteswissenschaftliche Aufgabe, die derzeit in Berlin quasi materialisiert wird. Denken Sie zum anderen an die Berner Bildersturmausstellung, die sechs Monate dauerte und 60'000 Besucher anzog. Das zufällige Zusammentreffen dieser Ausstellung mit dem Kulturkampf afghanischer Fundamentalisten gegen uralte Buddhastatuen hat die Brisanz der Thematik noch verschärft. Solche Veranstaltungen verändern das Leben vieler Leute, indem sie neue Horizonte öffnen.

Mit diesen Beispielen untermauern Sie die Forderung der heutigen Forschungsförderung, Wissenschaft müsse Nutzen bringen...

Sitter: Die von uns angeführten Beispiele sind für diese Fragestellung ohne Belang, weil diese Form von Nutzen von den Entscheidungsträgern gar nicht als solcher erkannt wird.

Herkommer: Wir müssen hier den Begriff der utilitas weiter fassen. Es ist doch von einem ungeheuren Nutzen, neue Perspektiven wahrzunehmen und sich selber im Kontinuum der eigenen Vergangenheit zu situieren. Lexika und Wörterbücher, Grossprojekte der Geisteswissenschaften, sind in diesem Zusammenhang übrigens nicht zu unterschätzen.

Sitter: ... Projekte wie das historische Lexikon der Schweiz eines ist, an dem über 600 Leute arbeiten – sind Netzwerke. Sie entstanden, lange bevor man den Begriff in der heutigen Form brauchte. Geisteswissenschaften spielen eine wichtige Rolle bei der Bildung von Identität. Diese Leistung wird als selbstverständlich betrachtet, gleichsam konsumiert und für gesellschaftliche Projekte in Anspruch genommen. Ihr Anteil am Bruttosozialprodukt lässt sich allerdings nicht berechnen.

Herkommer: Ich frage mich, weshalb die Medien diese Seite der Geisteswissenschaften nicht stärker gewichten.

Vielleicht, weil die Geisteswissenschaften den Eindruck erwecken, sich – gerade auch, was politische Einmischung betrifft – seit den 60er und 70er Jahren gleichsam eingeigelt zu haben. Ziehen sich die Geisteswissenschaften in die Organisation von Ausstellungen und die Produktion von Wörterbüchern zurück? Fehlt ihnen die öffentliche Streitlust?

Sitter: In deutschen Feuilletons finden derzeit intensive Debatten über die Folgen der Gentechnologie oder die Ausrichtung der Bildungspolitik statt. Zugegeben, wir haben heute keine Frankfurter Schule, keinen Marcuse oder Horkheimer mehr.

Herkommer: Auch die Frage nach der Aufarbeitung der Vergangenheit zeigt deutlich, dass durchaus eine öffentliche Debatte stattfindet – welche übrigens auch die Geisteswissenschaften selbst betrifft, wie z.B. bei der Debatte um die Vergangenheitsbewältigung der Germanistik. Hier muss aber ein grundsätzliches, relativierendes Element genannt werden. Die Geisteswissenschaften sind Reflexionswissenschaften, die Orientierungswissen bereitstellen. Ein schneller, unkritischer Zugriff auf den Markt macht da wenig Sinn.

Wie beurteilen Sie demnach die Behauptung, die Geisteswissenschaften steckten in einer Krise?

Sitter: Bei den Geisteswissenschaften gibt es Optimierungsbedarf. Wo nicht? Aber die Rede von der Krise ist ein Cliché. Es bekommt durch Wiederholung nicht mehr Substanz. Man öffne die Augen: Die Ergebnisse der Mittelalterforschung haben seit Jahren Konjunktur. Museen - Kunst, Geschichte, Archäologie, fremde Kulturen u.a. - werden die Türen eingerannt. Kultur-Reiseführer finden grossen Absatz. Literaturbeilagen, Feuilletons werden verschlungen. Die Produkte der Geisteswissenschaften werden so selbstverständlich konsumiert, dass man gar nicht beachtet, wer sie zubereitet hat. Vom Boom der Philosophie in Cafés und auf Strassen ganz zu schweigen, ebenso von der intensiven MItarbeit von Ethikerinnen und ihren Kollegen in zumeist interdisziplinären Beratungsgremien. Die Krise liegt nicht bei den Geisteswissenschaften, sondern in den Weltbildern jener, die sie, durch ihre utilitaristische Brille geführt, so undifferenziert diagnostizieren.

Man bekommt aber oft den Eindruck, dass jene Geisteswissenschaftler, die sich exponieren, von ihren Kollegen sofort scheel angesehen werden. Haben die Geisteswissenschaften Angst, sich zu verkaufen?

Sitter: Wer bestimmt denn, was man verkaufen kann? Ich will damit nicht zu einer pauschalen Medienkritik ausholen und sage nur, dass bestimmten Medienvertretern offensichtlich zu klar ist, was interessiert und was nicht...

...Interesse kann man ja auch schaffen. Warum gibt es beispielsweise kaum philosophisch-ethische Ausbildungssequenzen über wichtige Fragen wie Gentechnik oder Tierethik, die so “verkauft” werden, dass die Ausgebildeten beispielsweise Pharmafirmen oder einschlägige Verbände und Organisationen beraten könnten?

Sitter: Das ist eine gute Idee. Man könnte sich sogar überlegen, ob es nicht eine PR-Agentur für Geisteswissenschaften geben sollte, welche solche Projekte aufzieht.

Herkommer: Ich bin da skeptisch; möglicherweise wollen Pharmariesen oder Banken eben auch einen riesigen philosophischen Auftritt. Und da fliegt man dann eben lieber für teures Geld den Sloterdijk ein...

Und doch bleibt die Kritik, warum Sie an den Unis kaum etwas in Richtung “Marketing für den eigenen Nachwuchs” unternehmen...Haben Sie nicht Angst, dass Ihnen in Bereichen wie Erwachsenenbildung, Weiterbildung oder Kommunikationsberatung ziemlich rasch die Felle davonschwimmen? Da wird doch ein einträglicher Markt ohne die “Fachleute” von der Uni aufgebaut.

Herkommer: Vielleicht mag der gut ausgebildete Uni-Abgänger auch nicht jener Trivialisierung Tribut zollen, nach welcher der Markt verlangt. Der Markt will mehr wissen, um besser verkaufen zu können. Wir wollen mehr wissen, um besser verstehen zu können. Diese Spannung ist nicht so leicht aufzufangen. Wenn etwa ein Faksimile-Verlag eine neue Edition herausbringt und möglichst schnell den wissenschaftlichen Begleitband dazu haben will, so ergeben sich aus der Komplexität der Sache objektive zeitliche Bedingungen, die keine Marktlogik einfach so über den Haufen werfen kann...

...sind Geisteswissenschaftler zur Langsamkeit verdammt?

Herkommer: Ja. Aber wir wollen auch nicht einfach so mithasten...

...aber Ihre Studenten müssen das doch! Heute gehen Firmen an die ETH und holen dort ihre Kader ab. Ein Germanist dagegen, der mit 28 – wenn’s gut geht – sein Studium abgeschlossen hat, sieht sich mit sogenannten Kommunikationsprofis konfrontiert, die ihm bezüglich Jobchance ohne weiteres den Rang ablaufen. Via Fachhochschulen kommen junge Leute heute schneller zu einer Ausbildung, welche zudem auch gefragt ist.

Herkommer: Hier sprechen Sie das schwierige Problem der Langzeitstudien an. Wir haben reagiert und den Studienplan so konzipiert, dass man nach zehn Semestern seinen Abschluss machen kann.

Es geht ja nicht allein um die Länge des Studiums. Ein Werkstudent, der in einer Werbeagentur arbeitet und deswegen länger studiert, ist sicher fit für das Berufsleben. Wie steht’s aber mit unzeitgemässen inhaltlichen Konzepten?

Sitter: Jetzt reden wir über die Zukunft der Hochschulen, und da betone ich, dass Studium und Berufsausbildung nicht vermischt werden sollten. Der Blick auf die Berufsqualifikation ist nicht das erste Anliegen der Universitäten. An den Unis wird Wissenschaft betrieben.

Dazu eine Anschlussfrage: Warum hat kaum ein Doktorand der Geisteswissenschaften je die Chance, eine akademisch-wissenschaftliche Karriere einzuschlagen? Stellen in diesem Bereich sind rar. Streben Sie mehr und dafür billigere Professuren an?

Sitter: Die Universitäten stehen derzeit vor dieser Frage. Die Qualifikation für die Forschung sollte indes nicht das einzige Ziel eines geisteswissenschaftlichen Studiums sein. Es soll jedoch Forschungserfahrung vermitteln.

Herkommer: Ein geisteswissenschaftliches Studium muss für geschichtliches Denken qualifizieren. Es soll sensibilisieren gegen den totalitären Absolutheitsanspruch des Status Quo. Es soll einüben in die Phänomene des unvermeidlichen Wechselspiels zwischen der Sehnsucht nach Dauer und der Konfrontation mit Veränderungen. Dieses Wissen qualifiziert nicht nur für die Forschung, sondern auch für viele andere Berufe – und nicht zuletzt für ein bewusstes Leben.

Die Fähigkeit zur geschichtlichen Relativierung ist für alle vernünftigen Menschen wichtig. Worin besteht denn das spezifisch Geisteswissenschaftliche an ihr?

Sitter: Ich bestreite, dass das in den Naturwissenschaften oder gar in der Medizin so klar ist. Bevor wir aber zum Verhältnis zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften kommen, möchte ich doch festhalten, dass Geisteswissenschaftler durchaus ihren Weg ins Berufsleben finden. Sie sind in den verschiedensten Tätigkeitsgebieten anzutreffen.

Trotzdem: In vielen Bereichen, z.B. der tertiären Bildung, zeichnet sich eine Tendenz ab, dass man, salopp gesagt, lieber Sozialarbeiter mit Zusatzausbildung statt Akademiker für hochkarätige Posten auswählt.

Herkommer: Solche Entwicklungen machen uns durchaus auch Sorgen. Ich persönlich glaube, dass dies mit dem Verlust eines allgemein anerkannten Bildungskanons zusammenhängt. Nehmen wir ein Beispiel: die Figur des Meister Eckhart ist sicher zentral für ein tiefergehendes Verständnis europäischer Kulturgeschichte. Doch Meister Eckhart kann man nicht an einem Wochenendkurs aufbrechen. Und dann kommen gewisse Bildungspolitiker und meinen deshalb: Meister Eckhart ist Luxus. Wir Geisteswissenschaftler müssen solchen Entwicklungen entgegentreten und einmal klar sagen: Unter einem gewissen Tarif laufen diese Sachen nicht! Wenn Ihr uns noch haben wollt, dann ist das der Preis.

Sitter: Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass man uns in der jetzigen Form nicht mehr will und dass für sehr viele Menschen jene Bildungsinhalte, welche uns wichtig sind, nicht mehr von Belang sind...

...oder Sie selber nehmen einen Teil der Öffentlichkeit nicht ernst. Das “universitäre” Argument, dieses oder jenes sei nicht mehr seriös und gehöre nicht an eine Uni, hört man allenthalben. Haben die Geisteswissenschaften ein Problem damit, Bedürfnisse wahrzunehmen, die in der Kommunikationsgesellschaft an sie gerichtet werden?

Herkommer: Wir müssen Bedürfnisse der Öffentlichkeit erkennen, sollten aber auch mit gewissen Seriositätskriterien darauf reagieren – sonst betrügen wir die Leute. Jeder will schliesslich, dass Chirurgen uns perfekt operieren. Von den Medizinern erwarten wir das Optimum, doch die Geisteswissenschaften sollen ihre Ansprüche herunterschrauben? Das Ethos des Wissenschaftlers ist unteilbar.

Worin besteht Ihrer Ansicht nach der Kern des geisteswissenschaftlichen Wissens, welches man auch von Naturwissenschaftlern verlangen sollte?

Sitter: Notwendig wäre eine geschulte Aufmerksamkeit gegenüber den vielfältigen Phänomenen der Kultur. Dies bedingte die Fähigkeit, Probleme nicht allein unter dem Blickwinkel ihrer raschen Lösbarkeit anzusehen. Ein Problem soll als solches erstmal verstanden werden. Vertrautheit mit erkenntnistheoretischen Positionen ist eine wichtige Voraussetzung dazu. Umgekehrt braucht jeder Geisteswissenschaftler naturwissenschaftliches Wissen, wenn er mit dieser Welt zu Rande kommen will.

Herkommer: Jeder Naturwissenschaftler sollte die Geschichte seines Faches und den Wandel der entsprechenden Fragestellungen kennen. Er sollte vorbereitet sein, die gesellschaftlichen Folgen seines Tuns zu bedenken.


Beat Sitter-Liver: Generalsekretär der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) und Professor für Philosophie an der Universität Freiburg.

Hubert Herkommer: Mitglied des Forschungsrates des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF) und Professor für Germanistik an der Universität Bern.


Was sie erforschen würden

Bei der Vergabe der Forschungsschwerpunkte wurden die Geisteswissenschaften kalt übergangen. Doch was würden Hubert Herkommer und Beat Sitter-Liver erforschen, wenn sie beliebig viel Geld zur Verfügung hätten? Sie verweisen auf jüngst in der SAGW stattgefundene Gespräche, an welchen Forschungsschwerpunkte für 2008 skizziert wurden. Einige Muster der insgesamt 18 Vorschläge des Arbeitspapiers:

  • Globalisierung und Macht: Analyse der Verschränkungen und Spannungen zwischen globalen, kontinentalen, nationalen und regionalen Machtstrukturen von Wirtschaft und Gesellschaft. Erforschung wirksamer direkter oder repräsentativer Demokratie-Institutionen in supranationalen Organisationen und gegenüber multilateralen Vereinbarungen.

  • Das sogenannte Gute – das sogenannte Volkswohl: Worauf gründet sich das Konzept des “Guten“ heute, nachdem religiöse Begründungen weitgehend an Legitimationskraft verloren haben? Wie lassen sich Individual- und Sozialethik verbinden?

  • Kunst und Wissenschaft: Inwiefern dient die Kunst der Erkenntnis und in welchem Verhältnis stehen ihre Erkenntnisse zu denen der Wissenschaft? Inwiefern folgt die Wissenschaft ästhetischen Prinzipien?

  • Das europäische Geschichtsdenken: Historisch-systematische Aufarbeitung seiner literarischen und künstlerischen Zeugnisse unter besonderer Berücksichtigung ihrer gesellschaftspolitischen Relevanz.

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