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„Gesundheit“ – Wurzeln eines Leitbegriffs der Medizin

„Die Schaffung und Erhaltung von Gesundheit ist das oberste Ziel der Medizin!“ – kaum jemand würde dem widersprechen. Doch dieser Anspruch kann leicht zu einer Überforderung der Medizin führen, denn im Gesundheitsbegriff verbergen sich weitreichende normative Forderungen. Ein Blick auf die Geschichte des Gesundheitsbegriffs zeigt zudem dessen Wandelbarkeit auf. Soll Gesundheit eine Leitvorstellung der Medizin sein, muss man sich über die kulturellen Bedingtheiten wie die normative Tragweite des Gesundheitsbegriffs im Klaren sein.

Es gibt bei weitem nicht nur gesunde Körper. Einstellungen können gesund sein, ebenso wie politische Systeme oder Überzeugungen. Im alltäglichen Sprachgebrauch ist „gesund“ oft ein Synonym für „gut“ und „richtig“ und bringt damit die unvermeidbare normative Komponente dieses Begriffs zum Ausdruck. Der Zustand des Gesundseins lässt sich nicht einfach mit einem Test feststellen, sondern er ist verquickt mit individuellen Lebensvorstellungen wie auch kulturell geprägten Leitideen über die Organisation einer Gesellschaft. „Gesund“ ist damit ein spannendes, vielleicht aber auch gefährliches Wort, denkt man etwa an die Bewertung des Unerwünschten als „ungesund“ in totalitären Systemen.

In der Medizin wiederum wird heute oft gefordert, dass man sich von der Fixierung auf die Krankheit lösen solle. Die Forderung nach Gesundheit geht einher mit der Förderung der Präventionsmedizin und einem generellen Wellness-Boom. Damit wird die Medizin an die Tatsache erinnert, dass sie keine rein naturwissenschaftliche Disziplin ist, deren Aufgabe die Überwindung der Krankheit ist. Vielmehr soll sie auch der Gesundheitserhaltung dienen und Beistand bei chronischen Erkrankungen und beim Sterben bieten.

Gesundheit in der Antike

Ein historischer Blick auf die Entwicklung des Gesundheitsbegriffs macht dabei deutlich, wie wandelbar die mit „Gesundheit“ verbundenen Vorstellungen sind, wobei wir uns im nachfolgenden Überblick auf den westlichen Kulturkreis beschränken. In der Antike geschah das ärztliche Handeln innerhalb eines universalen kosmologischen Schemas von Elementen, Qualitäten, Säften, Organen, Temperamenten und Tages-, wie Jahreszeiten. Gesundheit stellt einen Zustand der Balance dieser Dimensionen der Natur dar, Krankheit wiederum ist das Resultat einer unangemessenen Dominanz einer der Dimensionen. Gesundheit ist damit nicht primär das Resultat eines optimal funktionierenden Körpers, sondern der harmonischen Einbettung des Individuums in die Ordnung des Kosmos.

Die Therapie eines krankhaften Zustandes fällt entsprechend aus: An oberster Stelle steht die so genannte Diätetik, erst dann folgt das Medikament und an letzter Stelle die Chirurgie – was angesichts der Gefahren, die solche Eingriffe damals mit sich bringen, nicht erstaunt. Die Diätetik sucht nach Ausgewogenheit in den folgenden sechs Bereichen: Licht und Luft, Essen und Trinken, Bewegung und Ruhe, Schlafen und Wachen, Ausscheidungen, sowie Affekte. Die Medizin wiederum ist gemäss der Definition des antiken Arztes Galen die Wissenschaft von der Gesundheit, der Krankheit und der Neutralität. Neutralität meint damit einen Zustand zwischen Gesundheit und Krankheit, womit der Ambivalenz des Gesundheitsbegriffs Rechnung getragen wird.

Vom Sinn der Krankheit

Im Mittelalter werden Gesundheit und Krankheit in einen göttlich geprägten Sinnzusammenhang gestellt. Die in der Leidensgeschichte Christi personifizierte Rolle des Schmerzes als notwendiger Bestandteil eines Weges hin zur Hoffnung auf eine umfassende Heilung der Seele gibt der Krankheit einen neuen Sinn. Schmerz müsse akzeptiert, nicht aber geliebt werden, meinte der Kirchenvater Augustinus.

Vollkommene Gesundheit ist für das irdische Leben demnach ein unrealistisches Ziel. Vielmehr ist Gesundheit eher die Fähigkeit, Krankheit und Leid auszuhalten als das Freisein von Krankheit. Im Gegensatz zur antiken Vorstellung kommt es im Mittelalter auch zu keiner Verknüpfung zwischen sinnlich-sittlicher Vollkommenheit mit körperlicher Gesundheit. Nicht nur ist Krankheit immer negativ, auch Gesundheit ist nicht immer positiv. Gesundheit kann gefahrvoll sein, Krankheit kann heilsam sein. Wahre Gesundheit wird zu einer Jenseitsangelegenheit, zu einem Resultate der Errettung der Seele durch göttliche Gnade.

Säkularisierung der Gesundheit

Das Aufkommen der Neuzeit kann als ein Prozess der Säkularisierung betrachtet werden. Damit einher geht, dass die für das Paradies vorbehaltene Gesundheit wieder Gegenstand des irdischen Lebens wird. Schaffung und Erhaltung der Gesundheit wird damit aber nicht nur eine Aufgabe des Einzelnen – unterstützt durch ärztlichen Beistand –, sondern auch ein Problem für den Staat. Die Utopien der frühen Neuzeit von Thomas Morus und Francis Bacon umfassen deshalb auch Vorschläge für eine staatliche Gesundheitspolitik. Im 18. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Aufklärung, beginnt denn auch eine staatliche Gesundheitspolitik im modernen Sinn. Deren Ziele charakterisiert der Ausspruch des amerikanischen Aufklärers Benjamin Franklin „Health is Wealth“. Die philosophische Strömung des Utilitarismus bestimmt zunehmend die Vorstellung von Lebenszielen („Streben nach Glück“) und von Gesundheit. Der 1794 erschienene, weit verbreitetes „Gesundheitskatechismus“ von Bernhard Christoph Faust lässt zudem auf eine Renaissance der antiken Vorstellung der Diätetik schliessen.

Das 19. Jahrhundert mit seinen enormen Fortschritten in den Naturwissenschaften und dem damit verbundenen Aufkommen einer naturwissenschaftlich fundierten Medizin hat eine weitere Begriffsverschiebung zur Folge: Die Bekämpfung der Krankheit wird zum primären Ziel der Medizin und Gesundheit ist das Resultat dieses erfolgreichen Kampfes. Diätetik verliert ihren umfassenden Sinn und wird auf Diät des Essens und Trinkens reduziert.

Das ausgehende 19. Jahrhundert wiederum zeigt gleichsam sehr aktuell anmutende Krisensymptome: Eine ausserordentlich erfolgreiche Naturwissenschaft und Technik sieht sich mit dem Problem konfrontiert, auf aufkommende Sinnfragen keine Antworten geben zu können. Für die Medizin hat dies eine erneute Reflektion des Gesundheitsbegriffs zur Folge. Dies kommt in der Bemerkung des Philosophen Karl Jaspers zu Ausdruck, wonach Gesundheit und Krankheit nie nur Seinsurteile, sondern auch Werturteile ausdrückten.

Moderne Facetten der Gesundheit

Die heutige Debatte um dem Gesundheitsbegriff präsentiert sich sehr vielfältig. Ausdruck dieses Pluralismus ist die Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wonach Gesundheit der Zustand des vollständigen physischen, geistigen und sozialen Wohlbefindens darstellt. Diskutiert wurde in den 1990er Jahren sogar den Einbezug der „spirituellen Gesundheit“ in diese Definition. Die Gefahren einer solchen Ausweitung des Gesundheitsbegriff sind heute wohlbekannt (vgl. auch mit dem Interview mit Anton Leist in dieser Ausgabe des „Thema im Fokus“). Trotzdem ist „Gesundheit für alle“ (so die auf der WHO-Konferenz von Alma Ata 1978 formulierte Zielsetzung) weiterhin eine Leitvorstellung der internationalen Gemeinschaft.Die Idee einer „Gesundheit für alle“ muss sich aber den vielfältigen Facetten des Gesundheitsbegriffs bewusst sein:

  • Der körperliche Aspekt von Gesundheit: Wenn eine lebenswichtige Funktion unseres Körpers ausfällt oder beeinträchtigt wird ist dies unzweifelhaft eine Beeinträchtigung der Gesundheit. Die Behandlung solcher Probleme bleibt eine Kernaufgabe der Medizin. Als Problem stellt sich hier die Frage nach den Grenzen des medizinischen Eingriffs.

  • Die sozialen Voraussetzungen von Gesundheit: Diese betreffen zwei unterschiedliche Aspekte: Zum einen sind die Möglichkeiten, den Körper gesund zu halten, unter¬schiedlich verteilt, zum anderen stehen auch die Mittel der Medizin, den Körper wieder gesund zu machen, nicht allen im gleichen Umfang zur Verfügung. Diese Formen von Ungleichheit verdienen besondere Beachtung. Andererseits stossen Gleichheitsvorstellungen auch an Grenzen, ist doch individuelle Gesundheit auch eine Folge von persönlichen Lebensentscheidungen und –gestaltungen. Auch im Bereich Gesundheit stellt sich die Frage nach dem Mass der akzeptierten Ungleichheit.

  • Gesundheit als begrenztes Gut: Ökonomie ist die Lehre, mit begrenzen Mitteln haushalten zu können. Der moralische Imperativ von „Gesundheit“ darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch für dieses Ziel nicht unbegrenzt viele Mittel zur Verfügung stehen.

  • Der kulturelle Hintergrund von Gesundheit und Krankheit: Was als Gesundheit und Krankheit gilt, unterliegt auch kulturellen Gegebenheiten. Gerade moderne Krankheiten wie Magersucht und Stress fundieren in kulturell geprägten Leitvorstellungen.

  • Die lebensphilosophische Komponente von Gesundheit: Gesundheit hat schliesslich auch viel mit dem Erleben des eigenen Körpers und dem Schaffen einer eigenen Biografie zu tun. Eine der grossen Herausforderungen der heutigen Zeit dürfte es demnach sein, diese Grenzen der eigenen Zuständigkeit für die persönliche Gesundheit bestimmen zu können.

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