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Die Entwicklung der Bioethik: Entscheiden über Leben und Tod

Geburt, Krankheit und Tod sind ewige Begleiter des Menschen. Die damit verbundenen moralischen Probleme haben trotz unserer hochentwickelten Medizin paradoxerweise noch zugenommen. Unter dem Stichwort „Bioethik“ wird heutzutage versucht, Antworten auf hochemotional diskutierte Themen wie Abtreibung uns Sterbehilfe zu geben.

Es ist kein Zufall, dass sich die eidgenössischen Räte in der derzeit laufenden Herbstsession gleich mit drei Themen herumschlagen, die sich unter dem Oberbegriff „Bioethik“ diskutieren lassen: Der Ständerat debattierte vergangene Woche die Frage, mit welchen Mitteln der menschlichen Fortpflanzung nachgeholfen werden darf. Gestern hat der Nationalrat über die Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs befunden. Und noch in dieser Woche wird er über die Einführung einer Mutterschaftsversicherung debattieren. Alle drei Debatten werden hart und leidenschaftlich geführt, was eins deutlich macht: je besser die Fähigkeit einer Gesellschaft wird, Einfluss über Geburt und Tod zu gewinnen, desdo umstrittener scheint die Moral zu werden.

Waren Anfang und Ende des menschlichen Lebens einst göttliche Fügung, verlangen wir heute Geld für Geburt, wir wollen das Recht auf Kinder wie das Recht, Föten zu töten, wir schreien angesichts der Krankheit nach dem den Einsatz sämtlicher Mittel der modernen Medizin und doch auch danach, dass der Arzt unseren Leben ein Ende bereitet, wenn das Leiden schier grenzenlos wird.

Widersprüche finden sich da noch und noch: Beharren Feministinnen bei der Abtreibung auf das Selbstbestimmungsrecht der Frau, wird dieses bei der Ablehnung der Leihmutterschaft ignoriert. Konervative beharren auf der strikten Trennung zwischen „töten“ und „sterben lassen“, können diese aber nur schwer begründen. In Umfragen bekräftigt die Bevöälkerung den Wunsch nach einer „bedarfsgerechten Medizin“, wenn aber das eigene Kind betroffen ist, soll jede noch so hoffnungslose (und teure) Therapie angewendet werden.

„Bioethik“ heisst die Antwort der „Moral-Experten“ angesichts der verwirrenden Debatte, welche sich um die Entscheide über Leben und Tod dreht. Generell versteht man darunter die Beschäftigung mit allen ethischen Fragen, die mit menschlichen Eingriffen auf Zeugungs-, Lebens- und Sterbeprozesse zu tun haben. Darunter fallen auch Fragen der Ökologie, der Tierethik und der Bevölkerungsethik. Im Zentrum steht aber die Medizin, die vor allem in diesem Jahrhundert einen beispiellosen Fortschritt verzeichnet hat.

Heute hat man Mittel in der Hand, die viele ethischen Probleme überhaupt erst entstehen liess: Frühgeborene, die einst starben, lassen sich unter hohem finanziellen Aufwand am Leben erhalten - mit welchem Risiko von Spätfolgen? An Maschinen angeschlossene Menschen erwecken den Eindruck von Schlafenden - und doch ist deren Hirn tot. Soll man abstellen? Tausende warten auf lebensrettende Organe. Wie werden die wenigen, die zur Verfügung stehen, verteilt? All diese Fragen sollen nicht den Eindruck erwecken, die moderne Medizin habe mehr Probleme geschaffen als gelöst. Sie hat unsere Möglichkeiten erweitert, mit dem Preis, vor mehr Entscheidungen zu stehen. Dies stellt übrigens nicht nur ethische Probleme, sondern auch emotionale: Jeder kann heute in die Situation geraten, den Entscheid über den Tod eines nahestehenden Menschen fällen zu müssen.

Es ist aber nicht nur die moderne Medizin allein, welche zur Entwicklung der Bioethik geführt hat. Wichtig war auch die Erfahrung des Nationalsozialismus, wo sich zeigte, dass Ärzte zu Schrecklichem fähig sind: An Kriegsgefangenen wurden tödliche medizinische Versuche durchgeführt. „Unnütze Mitesser“ wie Geisteskranke wurden dem „Gnadentod“ (Euthanasie) zugeführt. Diese Geschehnisse führten 1946/47 zum Nürnberger Ärzteprozess und zur Formulierung des Nürnberger Kodex, der ersten international anerkannten Leitlinien für die medizinische Forschung - ein Meilenstein in der Entwicklung der Bioethik.

Mit den Erfahrungen des Nationalsozialismus und weiteren, später bekanntgewordenen Fällen von medizinischen Versuchen an Menschen, bröckelte auch die moralische Autorität des Arztes. Damit einher geht die wachsende Vielfalt an Werten und Lebensstilen in der westlichen Welt, was auch eine Voraussetzung für die Entwicklung der Bioethik ist.

Mit welchen Themen beschäftigt sich nun die Bioethik. Man kann zwei Bereiche unterscheiden: Zum einen die „klassischen Themen“ Abtreibung und Sterbehilfe bzw. Selbstmord, die in praktisch allen Gesellschaften seit Jahrtausenden diskutiert werden bzw. mit starken Tabus belegt sind. Zum anderen die Themen, die sich aus der Entwicklung der modernen Medizin ergeben haben. Im folgenden ein (sehr kurzer) Überblick, wobei der Schwerpunkt auf die abendländische Zivilisation gelegt wird:

  • Abtreibung: Die Abtreibung war bis zur Entwicklung der modernen Verhütungsmethoden die gebräuchlichste Form der Geburtenkontrolle in praktisch allen Gesellschaften, bei denen eine solche überhaupt eine Rolle gespielt hat. Die jüdisch-christliche Tradition hat Abtreibung mit einem starken Tabu versehen, wobei man zumindest im Christentum zumindest früher liberaler war, als heute. Es ging um die Frage, wann der Fötus seine Seele erhält, denn erst danach ist Abtreibung im christlichen Sinn Mord. Vor allem die Frauenbewegung hat sich in diesem Jahrhundert für die Liberalisierung der Abtreibung stark gemacht - dies unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht.

  • Sterbehilfe/Selbstmord: In der christlichen Tradition waren Selbstmord und die meisten Formen der Sterbehilfe tabuisiert. Das Leben galt als Geschenk Gottes und es war Gott allein überlassen, dieses wieder zu nehmen. Die offenkundigen Schwächen dieses Argument (wie erkennt man Gottes Wille?) und das Aufkommen des Liberalismus haben seit dem 19. Jahrhundert die Meinung gefestigt, dass Sterbehilfe wie Selbstmord in bestimmten Fällen moralisch gerechtfertigt werden kann. Ein zentrales Thema ist heute die Unterscheidung zwischen „töten“ und „sterben lassen“. Die meisten Bioethiker halten diesen Unterschied nicht für begründbar, währendem die Ärzteschaft auch heute darauf beharrt. Aktive Sterbehilfe wird denn auch (wie die Beihilfe zum Selbstmord) durch die ärztlichen Standesregeln verboten.

  • Medizinische Forschung: Die Nazi-Missbräuche haben, wie schon erwähnt, beim Aufkommen der Bioethik eine wichtige Rolle gespielt. Der in Nürnberg formulierte Kodex erklärte als erstes Prinzip die freiwillige Zustimmung der Versuchsperson als unbedingte Voraussetzung für Forschung am Menschen. Heute wird dieses Prinzip „informed consent“ genannt, d.h. jede Versuchsperson muss sein Einverständnis nach angemessener Aufklärung über den Zweck des Experiments geben. Diskutiert wird heute insbesondere, ob Forschung auch bei Menschen erlaubt sein darf, die in Versuche nicht einwilligen können (z.B. geistig Behinderte, Alzheimerkranke). Die Frage stellt sich bei jener Forschung, die den Betroffenen selbst zugute kommen kann.

  • Grenzen der Apparatemedizin: Die Mittel der modernen Medizin stellt neu die Frage nach einem „würdigen Tod“: Ab welchem Zeitpunkt ist es sinnvoll, Frühgeborene am Leben zu erhalten. Wann dürfen lebenserhaltende Maschinen abgestellt werden? Beide Fragen sind heiss diskutiert.

  • Fortpflanzungsmedizin: Seitdem 1978 das erste Retortenbaby geboren wurde, hat die Fortpflanzungsmedizin immer ausgereiftere Methoden entwickelt, um dem Kinderwunsch nachzuhelfen. Die Lage in diesen Bereich ist für so manchen Bioethiker widersprüchlich und auch unklar: Warum ist Samenspende erlaubt, Eispende aber nicht? Warum soll Leihmutterschaft verboten sein? Wie steht es um den Kinderwunsch von lesbischen und schwulen Paaren? Welche Form von vorgeburtlicher Untersuchung soll erlaubt sein? Warum muss man Klonen verbieten?

  • Gen-Medizin: Auch die Möglichkeit der modernen Gen-Medizin birgt eine Reihe ethisch relevanter Fragen: Welche Eingriffe ins Erbgut sind gerechtfertigt? Was darf man mit Gentests herausfinden und was nicht?

  • Verteilgerechtigkeit: Die Begrenztheit der Ressourcen betrifft auch die Medizin. Besonders deutlich wird dies bei der Organtransplantation, wo der Bedarf an Organen längst nicht gedeckt ist. Mit welchen Kriterien soll man Organe verteilen? Ein weiterer Punkt betrifft die Kosten der Spitztenmedizin: Dürfen finanzielle Überlegungen bei der Frage, welche Therapie gerechtfertigt ist, wirklich keine Rolle spielen? Wie reagiert man auf das krasse Ungleichgewicht zwischen der westlichen Medizin und der Medizin in der Dritten Welt?


Diese Aufzählung macht eins deutlich: Schier unzählige moralische Fragen warten auf Antwort, wobei diese natürlich davon abhängen, welcher ethischen Grundwerte und -normen man vertritt. Auch hier ist die Vielfalt beeindruckend: Die katholische Morallehre sieht so ziemlich alles anders als die analytische Ethik amerikanischer Prägung. Die Sittenlehre des deutschen Philosophen Immanuel Kant kollidiert mit den Prinzipien eines „Nützlichkeitsethikers“ (Utilitaristen) wie der englische Philosoph John Stuart Mill. All das lässt die Hoffnung auf die allgemeingültige Antwort verblassen.

Dieser Grundgedanke ist zentral für die liberale Demokratie westlicher Prägung: Man muss akzeptieren, dass widerstrebende Vorstellungen von Moral existieren. Man muss gleichzeitig die sozialen Voraussetzung schaffen (z.B. allgemeine Bilduung, Vermeidung von Armut), dass sich Menschen möglichst frei für eine dieser Auffassungen entscheiden können. Der Wert der persönlichen Autonomie wird dabei zentral, wobei der Staat erst dann mit Gesetzen eingreifen darf, wenn die Autonomie der anderen gefährdet wird. Der liberale Staat akzeptiert also einen Bereich der persönlichen Moral, in welchen er sich nicht einzumischen hat. Wenn er Abtreibung liberalisiert, heisst dies nicht, dass er dies moralisch billigt. Der liberale Staat unterscheidet zwischen der Frage, ob etwas rechtlich erlaubt und ob etwas ethisch richtig ist.

Diesen Grundgedanke des Liberalismus akzeptieren wir heute vorbehaltlos im Bereich der Sexualmoral. Viele Ethiker argumentieren nun, dass dies auch im Bereich Bioethik der Fall sein soll, so z.B. der australische Philosoph Max Charlesworth. Dier Diskussion in der Bioethik hat sich in der neueren Zeit mit der Frage beschäftigt, welche ethischen Werte in diesem Bereich überhaupt eine Rolle spielen. Die beiden Philosophen Tom Beauchamp und James Childress haben 1979 ein wegweisendes Buch veröffentlicht, die „Prinzipien der Bioethik“. Sie argumentieren dafür, dass vier Prinzipien bei praktisch allen bioethischen Problemen eine Rolle spielen: Das Prinzip der Autonomie, das Prinzip des Nicht-schadens, das Prinzip des Wohlwollens und das Prinzip der Gerechtigkeit.

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