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Schädel betasten, Hirne bebildern – die Kultur der Hirnforschung

Hirnforschung ist mehr als nur Wissenschaft. Sie steht in Wechselbeziehungen zu Vorstellungen über Mensch und Gesellschaft. Michael Hagner, Gast am Collegium Helveticum der ETH Zürich,untersucht seit Jahren Zusammenhänge zwischen Hirnforschung, Geschichte und Kultur.

Warum interessieren sich Leute so stark für Hirnforschung?

Hagner: Eine klare Antwort auf diese Frage habe ich nicht. Als ich 1986 in der Hirnforschung zu arbeiten begann, war dies überhaupt nicht so und es gab auch wenige populärwissenschaftliche Bücher über das Gehirn. Ab den späten 80er Jahren und in den 90ern, während der „Dekade des Gehirns“, hat das Interesse am Gehirn enorm zugenommen. Dies könnte ein Indiz auf die zunehmende Medialisierung unserer Gesellschaft sein, in der Bilder eine immer grössere Rolle spielen – und die „Hirnbilder“ der heutigen bildgebenden Verfahren scheinen uns quasi Versionen von uns selbst zu liefern, unabhängig von ihrem diagnostischen Nutzen in der Klinik.

Zeigt sich damit nicht auch, dass sich das heutige, westliche, Menschenbild stark über das Gehirn definiert?

Hagner: Dies ist wohl der Fall, was man exemplarisch an den Diskussionen über den Hirntod und die Verpflanzung von Hirngewebe zeigen kann. Trotzdem glaube ich nicht, dass damit die Diskussion über unser Menschenbild ausschließlich von den Hirnforschern besetzt wird. Das Argument mancher Geisteswissenschaftler, damit werde das Geistesleben des Menschen noch weiter naturalisiert und determiniert, kaufe ich nicht ab. Es sind zu viele verschiedene Leute an der heutigen Diskussion über das Gehirn beteiligt.

Welche ist für Sie die derzeit interessanteste Entwicklung in der Hirnforschung?

Hagner: Besonders interessant erscheint mir die Ablösung des Computermodells für die Funktionsweise des Gehirns. Dieses war einige Jahrzehnte recht erfolgreich, doch nun bahnt sich eine Modifikation an. Es gibt keine zentrale Recheneinheit im Gehirn, und es verkörpert keine „Rechenregeln“. Für ein Verständnis des Gehirns werden Lernprozesse, Selbstorganisation, Plastizität und die zeitliche Dynamik neuronaler Verarbeitung zunehmend wichtig. Nervenzellen arbeiten nicht isoliert, sondern im Kontext einer gewissen Komplexität von Stimuli, einer dynamischen Einbindung der Zellen in Funktionsverbände.

Ist es nicht etwas seltsam, dass das Computermodell ausgerechnet dann abgelöst wird, als Computer allgegenwärtig sind und eine enorme Entwicklung durchgemacht haben, die beileibe nicht abgeschlossen ist?

Hagner: Der Computer ist durch seine massenhafte Verbreitung domestiziert worden. Er ist nicht mehr ein so grosses Mysterium. Damit hat er als Modell für geistige Prozesse auch ein bisschen an Attraktivität verloren.

Blicken wir etwas weiter zurück in die Geschichte der Hirnforschung: Wann hat es entscheidende Wandlungen gegeben?

Hagner: Ein wichtiger Meilenstein war das Aufkommen der Lokalisationslehre etwa zu Beginn des 19. Jahrhunderts, welche geistige Eigenschaften mit bestimmten Teilen des Gehirns in Beziehung setzte. Diese Lehre entwickelte sich aus Alltagsbeobachtungen und aus der manuellen Untersuchung des Schädelknochens. Eine Kombination aus sehr guter Neuroanatomie, präziser Verhaltensbeobachtung und einer reichlich fragwürdigen Abtasterei von Schädeln brachte die Lokalisationslehre hervor – bevor man überhaupt wusste, dass es Nervenzellen und Synapsen gab. Diese war die Grundlage der Hirnforschung, wie wir sie heute kennen. Man nahm Abschied von der Vorstellung, dass irgendwo eine Seele, ein Steuermann im Hirn sitzt.

Ist die Lokalisationslehre heute in abgewandelter Form weiterhin aktuell?

Hagner: Dies ist richtig und wohl eine Folge der aussergewöhnlich erfolgreichen Anwendung bildgebender Verfahren. Auch wenn die Lokalisationstheorie stets Teil der modernen Hirnforschung war, hat eine technologische Neuerung, eben die bildgebenden Verfahren, und nicht eine theoretische Neuerung, ihr doch zu erneutem Aufschwung verholfen. Damit sind allerdings auch alte Ideen aus dem 19. Jahrhundert zu neuen Ehren gekommen ist. So redet man heute leider wieder von der Lokalisation der Religiosität, Persönlichkeit oder Kriminalität im Gehirn.

Besteht damit nicht auch die Möglichkeit eines erneuten Aufkommens der Psychochirurgie: Man repariert quasi bestimmte Hirnteile, um Menschen weniger kriminell zu machen?

Hagner: Wenn die Eigenart des Menschen nur noch über das Gehirn definiert wird, besteht tatsächlich die Gefahr, dass man dadurch die Legitimation für bestimmte Eingriffe ins Gehirn erhält. Man kann hier sorgenvoll sein, doch ich persönlich vertraue auf die Vernunft und Selbstbeschränkung des Menschen...

...ist diese Hoffnung angesichts der heutigen Diskussion über die Gentechnologie und das Klonen noch berechtigt?

Hagner: Diese Diskussion ist vielleicht ein guter Test für die menschliche Selbstbeschränkung. Insofern wird es sehr interessant werden festzustellen, welche von den heute diskutierten Szenarien wirklich umgesetzt werden. Es gibt ja auch Beispiele von Selbstbeschränkung: Die Neutronenbombe wurde erfunden, aber nie gebaut.

Können Sie uns etwas mehr über das Wechselspiel von Hirnforschung und Gesellschaftstheorien erzählen?

Hagner: Ein prominentes Beispiel ist die Pawlowsche Reflexlehre, die erst im Labor entwickelt wurde, in den 20er Jahren aber eine Ausweitung im Kontext des sowjetischen Sozialismus erfuhr: Die Lehre von den konditionierten Reflexen war ein theoretische Fundament für die Vision vom „neuen Menschen“. Damit war die Hirnforschung eingebettet in einen damals grossen wissenschaftlichen Trend mit dem Ziel, zur Verbesserung, zur „Höherzüchtung“ des Menschen. In diesem eugenischen Kontext ist auch die Elitegehirnforschung der 20er Jahre anzusiedeln.

Was heisst „Elitegehirnforschung“?

Hagner: Die Elitegehirnforschung setzte sich zum Ziel, die Gehirne aussergewöhnlicher Menschen auf ihre Besonderheiten hin zu untersuchen. Prominenteste Beispiele sind die Gehirne Lenins und Einsteins. Viele andere Persönlichkeiten – unter ihnen August Forel – haben damals ihre Gehirne dieser Forschung vermacht im Glauben, man könne die Genialität irgendwo im Gehirn finden. Die Elitegehirnforschung wurde in den 20er Jahren insbesondere in Moskau und Berlin betrieben. Beide hatten eine enge Beziehung zu verbreiteten gesellschaftlichen Theorien. Die Berliner Forscher etwa stellten ihre Arbeit in den Dienst des Wiederaufstiegs Deutschlands nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg: Elitegehirnforschung sollte dazu beitragen, positive Eigenschaften zu identifizieren, so dass man quasi eine neue Elite heranzüchten konnte.

Was waren die Ergebnisse der Elitegehirnforschung?

Hagner: Diese kann man unter dem Schlagwort „big ist beautiful“ subsummieren: Mehr und grössere Zellen sind besser. Man hat hier eine Vorstellung wie bei einem Muskel: Ein grösserer Muskel hat mehr Kraft, mehr und grössere Zellen im Gehirn gehen einher mit mehr „Denkkraft“.

Betrachten wir die aktuelle und künftige Hirnforschung, so wird oft das Argument geäussert, dass die Psychoanalyse letztlich durch Hirnforschung ersetzt werden könnte oder sollte. Wie beurteilen Sie dieses Argument?

Hagner: Diese These habe ich schon einmal Mitte der 90er Jahre vertreten. Auch heute würde ich nicht sagen, dass das falsch ist. Doch zwei Dinge sollten dabei bedacht werden: Zum einen ist die behauptete scharfe Trennung zwischen Hirnforschung und Psychoanalyse wohl gar nicht in dieser Form gegeben. Insbesondere in den USA haben sich etwa in den 30er Jahren interessante Berührungspunkte ergeben. Diese Zusammenhänge müssten aber noch genauer erforscht werden. Zum anderen war die Psychoanalyse wohl nicht unbedingt deshalb so erfolgreich, weil sie wissenschaftlich so zuverlässig oder weil sie eine besonders wirkungsvolle Therapie war, sondern vielmehr, weil sie Geschichten über uns selbst erzählt hat. Diese narrative Struktur der Psychoanalyse hat es ermöglicht, dass sie Menschenbilder formen konnte, in denen wir selbst uns wiedererkennen können. Wenn die Hirnforschung diesbezüglich ähnlich erfolgreich werden will, so wird sie nicht nur Forschungsresultate, sondern auch Geschichten über uns produzieren müssen.

Inwiefern existieren diese Geschichten schon?

Hagner: Ich denke an Autoren wie Oliver Sacks und Antonio Damasio. Die Bücher von Sacks, die Hirnforscher ja mit Recht als Mischung aus Fakten und Fiktionen kritisieren, haben dennoch entscheidend zur Erfolgsstory des Gehirns beigetragen.


Zur Person: Michael Hagner forscht am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Er studierte Medizin und Philosophie und promovierte mit einer Arbeit in Sinnesphysiologie. Er beschäftigt sich unter anderem mit der Geschichte der Hirnforschung und ist derzeit kulturwissenschaftlicher Gast am Collegium Helveticum der ETH Zürich.

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