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Gentherapie: Ein Blick in die Zukunft - Die Vision des optimierten Menschen

Auch wenn die Genterapie derzeit noch mit vielen Problemen zu kämpfen hat, gewinnt ihre Vision an Konturen: Letztlich kann der Diskussion um den optimierten Menschen nicht ausgewichen werden. Die Eugenik wird enttabuisiert. Eine Prophezeiung.

„Es ist völlig richtig, zum jetzigen Zeitpunkt die Keimbahntherapie zu verbieten. Sobald man aber die genetischen Zusammenhänge bei Krankheiten kennt, wird die Gesellschaft die Keimbahntherapie wählen.“ Dieser Prognose des Berner Immunologen Beda Stadler ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Sie zeigt, dass der derzeitige Konsens, genetische Eingriffe nur in Körperzellen durchzuführen, so dass die Änderungen des Erbguts bei den Nachkommen nicht auftreten, zerbröckeln wird. Was Wissenschaftler derzeit nur verschämt denken, diskutieren Bioethiker bereits offen: Argumente für die Keimbahntherapie und die genetische Verbesserung des Menschen gewinnen an Akzeptanz. Langsam macht sich eine Beweislastumkehr breit. Die Gentech-Kritiker stehen unter Begründungsdruck. Sie müssen deutlich machen, warum ein umfassender Einsatz der Gentechnik in der Medizin nicht erlaubt sein soll und kämpfen dabei gegen das Klima der neuzeitlichen Ethik an. Denn dieses begünstigt Argumente in Richtung des optimierten Menschen, wie in den folgenden Ausführungen deutlich wird.

Doch zu Beginn sei ein Blick auf die Realität erlaubt. Auch heute gibt es im Bereich Gentherapie viele Probleme, wie an einem kürzlich abgeschlossenen Kontaktseminar zu diesem Thema in Bern deutlich wurde. Dabei geht es sowohl um technische wie ethische Aspekte, wie Professor Robert Friis, Direktor des Departementes klinische Forschung der Universität Bern darlegte. Die Gentherapie mag prinzipiell einfach sein, bei der praktischen Umsetzung ist man mit einer Reihe von Problemen konfrontiert. Es geht darum, wie man ein therapeutisches Gen derart in eine Zelle bringt, dass es dort die gewünschte Wirkung erzielt. Es kann dabei keinesfalls darum gehen, beispielsweise alle defekten Gene eines menschlichen Organismus zu ersetzen - es gibt schlicht zu viele. Gentherapie ist also keine Gen-Reparatur, solange sie auf den somatischen Bereich beschränkt ist, d.h. wenn nur ausdifferenzierte Körperzellen und keine Fortpflanzungszellen (Spermien, Eier) Gegenstand des gentechnischen Eingriffs sind.

Die heutigen technischen Probleme gliedern sich in die Aspekte „Spezifität“ und „Effizienz“. Zum einen muss das Gen seinen Einsatzort finden, zum anderen bei den dortigen Zellen auch am richtigen Ort eingebaut werden, damit die gewünschte Wirkung einsetzt. Beim Transportvehikel stellt sich zudem ein Risikoproblem, das man aber recht gut im Griff hat. Denn immer noch sind Viren der bevorzugte „Vektor“ der Gentherapeuten, d.h. der Gen-Transporteur, der die Barriere Zellwand überwinden kann und das gewünschte Gen ins Zellinnere bringt. Vermehrt kommen jetzt aber „nackte DNA“ zum Einsatz, d.h. die genetische Information wird in Form von DNA-Molekülen direkt in das gewünschte Gewebe eingespritzt und dort von den Zellen aufgenommen - wenngleich immer noch mit ernüchternd niedriger Effizienz. Dennoch glauben die Forscher, dass diese Methode den Einsatz von Viren mehr und mehr ersetzen wird.

Die erste Ernüchterung nach den Ende der 80er Jahre geäusserten euphorischen Erwartungen gegenüber der Gentherapie hat auch den Fokus der Gentherapie neu ausgerichtet. Zuerst glaubte man, dank der Gentherapie könnten vor allem sogenannte „monogenetische Krankheiten“ (d.h. solchen, bei denen nur ein defektes Gen eine Krankheit auslöst) bekämpft werden. Es hat sich aber herausgestellt, dass die Probleme weit komplexer sind, als angenommen. Nach der Mitte der 90er Jahre lautgewordenen Forderung des US-Gesundheitsministeriums, „in die Labore zurückzukehren“, kristallisiert sich nun ein zweiter Ansatzpunkt heraus. Gentherapie soll demnach andere Therapien nicht ersetzen sondern assistieren, erklärte dazu Sandro Rusconi, leiter des Nationalen Forschungsprogramms Gentherapie. So soll beispielsweise eine assistierend wirkende Gentherapie bei Krebsbehandlungen dafür sorgen, dass Tumore nicht mehr mit Blut versorgt werden oder auch, dass Tumorzellen „genetisch markiert“ werden, so dass andere Medikamente spezifisch nur solche Zellen zerstören können. In erster Linie wird also eine „Gentherapie auf Sparflamme“ Einsatz finden, so Robert Friis.

Doch es sind nicht diese technischen Aspekte, welche ein generelles Unbehagen an der Gentherapie nähren. Robert Friis machte richtigerweise auf eine Reihe von Aspekten aufmerksam, die sich in vier Kategorien gruppieren lassen. Erstens geht es um die Frage, was man selbst tun will, um am Leben zu bleiben. Dies ist dann relevant, wenn man in ein gentherapeutisches Forschungsprojekt eingebunden wird, wo ein unklarer Nutzen mit einem schwer abschätzbaren Risiko zusammenprallen. In der Öffentlichkeit lebt zweitens ein „Frankenstein-Mythos“, der ein Misstrauen gegen die gentechnisch tätigen Forscher zum Ausdruck bringt. Drittens stellt sich die Frage nach der menschlichen Identität, die durch einen gentechnischen Eingriff je nach persönlichem Weltbild verändert wird. Viertens schliesslich stellt sich - nicht nur bei der Gentherapie - das Problem der Verteilgerechtigkeit: welche finanziellen Aufwenduungen zur Entwicklung einer Therapie sind angesichts der begrenzten Mittel zu verantworten.

Das wirklich brisante Problem vereinigt Aspekte von all diesen vier Kategorien: Es geht um die Optimierung der menschlichen Natur durch Gentherapie. Diese Vision der Optimierung ist alt und erhält durch die Gentherapie das bisher beste Mittel zu ihrer Realisierung. Diese wird sich in vier Schritten gliedern:

  1. Erstens geht es um die Ausformulierung der neuzeitlichen Ethik der Menschenwürde, Selbstbestimmung und Leidensvermeidung im Kontext der Gentherapie. Dies geschiet bereits.
  2. Paralell dazu wird das Gen entmystifiziert. Auch dies passt perfekt zum neuzeitlichen Körper-Geist-Verständnis.
  3. Danach wird die Grenze zwischen somatischer Gentherapie und Keimbantherapie aufgeweicht. Die entsprechende Entwicklung hat bereits begonnen und wird voraussichtlich nicht von den Wissenschaftlern, sondern von der Gesellschaft gefordert.
  4. Schliesslich wird die Debatte über - die heute in einem gewissen Sinn schon praktizierte - Eugenik neu lanciert. Sie wird dadurch enden, dass Gesetze sagen werden, welche eugenischen Eingriffe erlaubt sein werden und welche nicht.

Zum Punkt eins: Die neuzeitliche Moral fundiert in der Aufklärung. Sowohl aus der Sittenlehre Immanuel Kants als auch aus dem sogenannten Utilitarismus englischer Philosophen lassen sich Prinzipien herausdestillieren, welche die Vision der gentechnischen Verbesserung des Menschen stützen: Es sind dies die Prinzipien der Selbstbestimmung, der Erhaltung der Menschenwürde und der Leidensvermeidung. Selbstbestimmung ermöglicht nicht nur, sondern verpflichtet den Menschen auch, ethisch zu handeln. Dies im Sinn der Leidesvermeidung - das Grundziel der Medizin. Wenn gentechnische Methoden eine tiefere Einsicht in die Entstehung von Leiden ermöglicht, so kann vom Standpunkt der neuzeitlichen Ethik nur schwer gegen den umfassenden Einsatz der Gentechnik in der Medizin argumentiert werden. Selbst der Bezug auf die Menschenwürde misslingt, denn diese entwickelte sich weg von einer religiösen Interpretation. Würde wird von der Bedürftigkeit und der Verwundbarkeit des Menschen her interpretiert und damit mit der Leidensvermeidung gekoppelt. Diese Interpretation passt auch zum Verständnis des Begriffs „Menschenwürde“, wie dieser in der UNO-Deklaration der Menschenrechte verwendet wird. Erhalt der Menschenwürde und Optimierung des Menschen werden dadurch kompatibel.

Zum Punkt zwei: Das neuzeitliche Körperverständnis fusst im sogenannten Leib-Seele-Dualismus des französischen Philosophen René Descartes. Zwischen Körper und Geist herrscht ein funktionales Verhältnis: Der Körper ist Werkzeug des Geistes. Zudem ist die Veränderung und Verbesserung der organischen Funktionsfähigkeit selbst ein Ausdruck (neuzeitlicher) menschlicher Identität. Also hat der Mensch keine Probleme, dort in seinen Körper einzugreifen, wo er ihn gewissermassen repariert oder verbessert. Die Gene waren bisher von diesem Denken ausgeschlossen, weil sich der Mythos etabliert hat, dort sei gewissermassen das „Wesen“ des Menschen verborgen. Dieser Mythos zerbröckelt. Die moderne Biologie beschreibt die DNA (das Molekül, das die Erbinformation speichert) ähnlich wie ein Organ, das eine besondere Funktion zu erfüllen hat. Das Erbgut „ist“ nicht mehr die Zelle, sondern die Zelle bedient sich der DNA. Die Entmystifizierung des Gens macht dieses zum Bestandteil des bereits herrschenden, neuzeitlichen Körper-Geist-Verständnisses. Änderungen im Erbgut erhalten damit letztlich denselben Status wie eine Bypass-Operation.

Zum Punkt drei: Noch herrscht bei den Forschern ein recht umfassender Konsens darüber, dass die Keimbahn für gentechnische Eingriffe tabu ist. Dies kommt vielerorts zum Ausdruck, etwa in der Schweizerischen Bundesverfassung. Klar ist aber, dass diese Möglichkeit längst durchdacht wurde. Vor wenigen Monaten begann in den USA die Diskussion über „in utero“ Gentherapie, d.h. gentechnische Eingriffe bei Föten - eine Grenzverschiebung hin zur Keimbahntherapie. Ein entsprechendes Experiment wurde vom Gentech-Pionier French Anderson vorgeschlagen - und stiess bei anderen Wissenschaftlern auf grosse Kritik. Man warnte davor, dass man sich mit diesem Experiment auf die „schiefe Ebene in Richtung Eugenik“ bewegt. Bioethiker hingegen haben weit weniger Probleme mit der Keimbahntherapie. Warum soll es erlaubt sein, eine Krankheit mittels somatischer Gentherapie zu heilen, hingegen aber verboten sein, durch Keimbahntherapie auch künftige Generationen vom Schaden zu bewahren, der durch diese Krankheit hervorgerufen wird. Verschiedene Autoren sprechen deshalb davon, dass der medizinische Ethos die Keimbahntherapie verlangt. Wie schon gesagt, ist diese Haltung durchaus mit der neuzeitlichen Ethik wie dem modernen Verhältnis zum Körper vereinbar. Diese Debatte ist Ausdruck davon, dass sich diese Arguemten immer weiter verbreiten werden, so dass die prognose erlaubt ist, dass dereinst die betroffenen Patienten den einsatz der keimbahntherapie fordern werden.

Zu Punkt vier: Die Diskussion über Eugenik wird schliesslich eine weitere Unterscheidung thematisieren. Noch wird in der Medizin streng zwischen „Heilung“ und „Linderung“ von Gebrechen einerseits, und der „Verbesserung“ andererseits unterschieden, wie dies beispielsweise in den medizinisch-ethischen Richtlinien zur somatischen Gentherapie am Menschen“ zum Ausdruck kommt. Das zunehmende Wissen über die Gene des Menschen wird auch diese Trennung aufweichen. Konkret: Die Debatte über Eugenik - also die praktische Anwendung der Erkenntnisse der Humangenetik mit dem Ziel, einer Verschlechterung der Erbanlagen vorzubeugen bzw. eine Verbesserung zu bewirken - wird neu geführt werden. Derzeit sind diese Fragen noch aufgrund der Erfahrung des Nationalsozialismus tabuisiert. Doch man verbisst bei dieser Tabuisierung die Unterscheidung zwischen den eigentlichen Durchführung der Eugenik und zwischen den Zielen, die damit verbunden sind. Die Tabuisierung kam dadurch zustande, dass die Ziele der Nazis inakzeptabel waren. Dies wird wohl dazu führen, dass man in Zukunft einfach ein anderes Wort anstelle von Eugenik verwenden wird. Denn Eugenik wird auch heute de fakto betrieben - unter Bezugnahme auf andere Ziele: Die pränatale Diagnostik dient dazu, schwere Krankheiten bei Föten zu erkennen. Abtreibung bei entsprechendem Befund ist erlaubt - also man betreibt Eugenik. Im vergangenen Jahr wurde am Weltkongress der Genetiker in Peking heftig über Eugenik diskutiert. Anlass war ein Gesetz der chinesischen Regierung, das unter anderem ein Fortpflanzungsverbot für Erbkranke vorsah. Die Diskussionen führten zu einer Schlussresolution, die Richtlinien für eine genetische Beratung festlegt. diese verlangen eine Verlässlichkeit der Befunde, das Einhalten der Vertraulichkeit und die Selbstbestimmung der Betroffenen. Man kann annehmen, dass damit einer staatlich dirigierten Eugenik (d.h. der Staat setzt die Ziele fest) hinlänglich Schranken gesetzt wurden.

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