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Forum Engelberg: „Bewusstsein wird technologisch verfügbar“

Sind die Neurowissenschaften die letzte Herausforderung für die Menschheit? Rund 200 Politiker und Wissenschaftler aus aller Welt diskutierten während vier Tagen am diesjährigen Forum Engelberg diese Frage. Dabei wurde auch deutlich, das der Fortschritt in dieser Disziplin das Menschenbild tiefgreifend verändern wird.

„Vielleicht wird einmal der Zeitpunkt kommen, wo Menschen die Neurowissenschaftler als Seelentöter wahrnehmen.“ Mit dieser bewusst überspitzten Bemerkung machte der deutsche Philosoph Thomas Metzinger in Engelberg deutlich, dass die gesellschaftlichen Auswirkungen der modernen Hirnforschung noch nicht absehbar sind. Klar ist, dass in den Erklärungsmodellen der heutigen Neurowissenschaft Begriffe wie „Seele“ und „Geist“ keinen Platz haben – im Alltagsbewusstsein vieler Menschen aber sehr wohl. Je mehr sich nun die Vorgänge im Gehirn der naturwissenschaftlichen Erklärung öffnen und je mehr diese Erkenntnisse den Weg ins Volk finden, desdo antiquierter wirkt das religiös-metaphysische Menschenbild.

Natürlich ist man von einer eigentlichen Erklärung des Bewusstseins noch weit entfernt. Die neurowissenschaftlichen Vorträge am Forum Engelberg thematisieren in erster Linie Therapieansätze für Krankheiten wie Alzheimer (siehe Kasten), Parkinson oder Kreutzfeld-Jakob. Besonders die altersbedingten Gehirnerkrankungen werden fokussiert, denn als Folge der steigenden Lebenserwartung wird Altersdemenz künftig eine der grossen Herausforderungen für das Gesundheitswesens werden.

Die Gehirnforschung wird aber den Trend hin zu einer Biologisierung psychischer Aspekte von Gesundheit und Krankheit stark forcieren. Hanns Möhler vom Institut für Pharmakologie der Universität Zürich machte das in seinem Referat deutlich. Vermehrt werden Ursachen von Schizophrenie, Gemütskrankheiten oder Angstzuständen auf der molekularbiologischen und genetischen Ebene gesucht. Auch die neuen bildgebenden Verfahren der Hirnforschung finden vermehrt Anwendung, indem Unterschiede in der Aktivierung von Hinrteilen bei gesunden und kranken Personen bestimmt werden. Möhler: „Das heisst nicht, dass man künftig alle psychischen Krankheiten mit einer Pille kurieren wird. Hingegen werden solche Leiden sicher vermehrt mit molekurarbiologischen oder genetischen Methoden, beispielsweise mit Gen-Chips, diagnostiziert.“

Ein zunehmendes Verständnis des Gehirns wird auch dazu führen, dass man – basierend auf diesem Wissen – technische Geräte herstellen wird, erklärt Kevan Martin vom Institut für Neuroinformatik in Zürich. Die Erklärung des Bewusstseins ist denn auch eine Angelegenheit der Neurowissenschaft, welche diese Herausforderung früher oder später meistern wird, so Martin.

Deshalb bewährt sich der Ansatz des Forum Engelbergs, Wissenschaftler mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft zusammen zu bringen. Denn die Neurowissenschaft könnte das Undenkbare möglich machen. Der Philosoph Metzinger meint: „Wir müssen uns darauf gefasst machen, dass Bewusstsein technologisch verfügbar wird.“ Die Gesellschaft wird sich nach der Ansicht von Metzinger mit dreierlei Aspekten auseinandersetzen müssen: Erstens wird sie eine „Anthropologiefolgenabschätzung“ machen müssen: Was passiert, wenn der Glaube an eine Seele ähnlich lächerlich wird wie der Glaube an eine flache Erde? Zweitens wird man eine Bewusstseinsethik entwickeln müssen: Das Wissen über den Mechanismus des Bewusstseins wird uns ungeahnte Manipulationsmöglichkeiten – beispielsweise „wirklich gute“ Drogen – geben. Wir müssen also die Frage beantworten: Welches Bewusstsein wollen wir? Drittens wird man eine Bewusstseinskultur entwickeln müssen. Diese soll uns ermöglichen, den Spielraum unserer möglichen Bewusstseinserfahreungen auch sinnvoll zu nutzen.


High Noon für Altsheimer?

Exemplarisch für den rasanten Fortschritt der Neurowissenschaften ist derzeit die Erforschung der Ursachen von Alzheimer. „In den letzen zwei, drei Monaten ist sehr viel passiert“, erklärte Mathis Jucker, Gruppenleiter am Institut für Pathologie der Universität Basel an einem Aufsehen erregenden Vortrag am Forum Engelberg. Tatsächlich steht derzeit die vielversprechendste Hypothese zur Ursache der Krankheit unmittelbar vor einem entscheidenden Experiment. Jucker: „Jetzt können wir erstmals ein direktes Ziel anvisieren, wo ein therapeutischer Wirkstoff Alzheimer an der Wurzel bekämpfen kann.“

Konkret geht es um die sogenannte Beta-Amyloid-Hypothese. Diese von der Mehrzahl der Alzheimer-Forscher favorisierte Hypothese erklärt Alzheimer als eine Folge von Eiweissablagerungen – den sogenannten Plaques – im Gehirn. Diese Plaques finden sich in den Gehirnen aller Alzheimer-Patienten. Sie bestehen unter anderem aus Beta-Amyloid, einem für die Nervenzellen giftig wirkenden Stoff. Die Anlagerung dieses Stoffes an den Verbindungen zwischen den Nervenzellen soll für die Degeneration und das teilweise Absterben der Nervenzellen verantwortlich sein.

In jüngster Zeit ist es nun gelungen, den genauen Mechanismus der Entstehung von Beta-Amyloid zu erklären: Die Nervenzellen scheiden – aus bisher nicht bekannten Gründen – ein Vorläufermolekül des Beta-Amyloids aus. Dieses wird von bestimmten Schneidemolekülen – den sogenannten Sekretasen – zerschnitten. Ungefährlich ist es, wenn das Vorläufermolekül halbiert wird. Zwei Sorten dieser Sekretase „dritteln“ hingegen das Molekül und dabei entsteht das gefährliche Beta-Amyloid. Diese Sekretasen kennt man nun genau. „Es ist nur eine Frage weniger Monate, bis ein Sekretase-Hemmer gefunden wird. Dies ist für die heutige Biowissenschaft kein Problem“, erklärt dazu Jucker.

Andere Forschungen haben sogar ergeben, dass man Mäuse gegen Alzheimer „impfen“ kann, indem man ihnen direkt Beta-Amyloid spritzt. Die Maus entwickelt Antikörper, welche dann offenbar verhindern, dass sich die Beta-Amyloidmoleküle zu den Plaques zusammenfinden können. In den Gehirnen von derart geimpften Mäusen finden sich keine Eiweiss-Ablagerungen mehr. Damit haben die Forscher nun alle Mittel in der Hand, wohl noch in diesem Jahr die Richtigkeit der Beta-Amyloid-Hypothese zu prüfen. Wird sie bestätigt, dürfte erstmals eine Therapie Wirklichkeit werden, die Alzheimer an der Wurzel bekämpft.

Es gibt aber auch Kritiker. Einer von ihnen ist Donald L. Price, Neuropathologe an der John Hopkins University School in Baltimore und ebenfalls Referent am Forum Engelberg: „Sie können dafür sorgen, dass kein Beta-Amyloid mehr im Gehirn ist, doch ich sage ihnen, die Leute werden weiterhin Alzheimer haben.“ Seiner Ansicht nach müsste direkt die genetische Basis der Krankheit untersucht werden, „was aber viel mehr Zeit in Anspruch nehmen wird“. Leicht im Scherz empfiehlt er sein Rezept gegen Alzheimer: „Rotwein und Aspirin“.

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