Textversion für blinde und sehbehinderte Personen sitemap
Home Textraum Hochzeit Arbeit Forschung encyclog

Liegt das Gute im Gehirn?

Die Naturwissenschaften entdecken die Moral (wieder)

Das Entstehen eines Trends in den Wissenschaften ist ein Wechselspiel zahlreicher Einflussfaktoren und widerspiegelt nicht zuletzt gesellschaftliche Sehnsüchte. So steigt das Interesse am Guten in einer Welt, die sich im Krieg gegen den Terrorismus wähnt. Entsprechend stossen Versuche, dieses „Gute“ im Menschen naturwissenschaftlich fass- und erklärbar zu machen, auf grosse Resonanz. In den Neurowissenschaften und Gebieten wie Verhaltensforschung und Neuroökonomie, welche deren Methoden nutzen wollen, findet sich denn auch eine deutlich zunehmende Zahl von Studien, welche moralisches Verhalten, moralische Emotionen oder moralnahe Verhaltensweisen wie Vertrauen und Kooperation zum Thema haben. Diese Dynamik ist nun auch in den populären Medien angekommen, wie das neue Buch „Das Ende des Bösen“ des Wissenschaftsjournalisten Rolf Degen exemplarisch zeigt.

Degen liefert in seinem Buch einen breiten Überblick über die derzeit laufende Entwicklung, wonach sich Forscher unterschiedlicher wissenschaftlicher Bereiche um ein kohärentes Bild über die „Natur“ der Moral bemühen. Zu nennen sind etwa die Verhaltensstudien eines Frans de Waal über den „guten Affen“, die Arbeiten der Ökonomen und Neurowissenschaftler rund um den Zürcher Forscher Ernst Fehr zu Themen wie Altruismus, Vertrauen und Kooperation, sowie das stark zunehmende Interesse an „moralischen Emotionen“ wie Scham oder Schuld in der Moralpsychologie – etwa bei Jonathan Haidt. Als Grundtendenz all dieser Forschungen ergibt sich nach Degen die These, wonach der Mensch mit einem angeborenen Instinkt für das Gute ausgestattet ist, der als „moralischer Kompass“ wirkt und uns grundsätzlich befähigen soll, hilfsbereit, solidarisch und freundlich mit Mitmenschen umzugehen. Bisher gepflegte naturwissenschaftliche Bilder des Menschen als „genetische Überlebensmaschine“ oder als egoistischen homo oeconomicus würden damit an empirischer Fundierung verlieren.

Diese These ist gewiss nicht neu – man erinnere sich beispielsweise an die Diskussion um die „evolutionäre Moral“ in den 1980er und 1990er Jahre. Sie erscheint heute aber in einem breiteren Spektrum an Disziplinen, das von der Evolutions- und Verhaltensbiologie über die Hirnforschung bis hin zur Psychologie und Ökonomie reicht. Zudem – obgleich Degen in der Metaphorik des „Moral steckt in den Genen“ bleibt – gewinnen neurowissenschaftliche Ansätze an Bedeutung: so wird heute etwa versucht, mittels Bildgebung die moralische Entscheidungsfindung an Mustern von Hirnaktivierung festzumachen. Die naturwissenschaftliche Ausprägung des Guten erscheint demnach in einem „moralischen Gehirn“, das einem Evolutionsprozess unterworfen war, der altruistisches Verhalten förderte.

Degens Übersicht ist breit und deckt die relevanten Forschungen ab, welche sich derzeit um eine „Naturwissenschaft der Moral“ (welche freilich auch die Moralpsychologie und Neuroökonomie mit einschliesst) bemühen. Ein vertiefendes Eingehen auf die zahlreichen Fragen, welche ein solches Forschungsprogramm mit sich bringen, findet sich aber nicht – etwa die naheliegende Problematik, dass die Skizzierung eines „moralischen Gehirns“ auch ein Kriterium für die Selektion „unmoralischer Gehirne“ liefert. Dies soll kein Vorwurf sein, da eine solch umfassende Analyse nicht die Absicht Degens war. Hingegen sind einige zentrale Aspekte der Argumentation zu oberflächlich und zeigen eher die Mechanismen der Vermarktung wissenschaftlichen Wissens für ein breites Publikum. So wird etwa die Karikatur des „egoistischen homo oeconomicus“ gezeichnet, der als amoralisches und asoziales Wesen kühl seinen Nutzen maximiert, was als Leitidee durch die neuere Moralforschung widerlegt werde. Dieses Bild kann sich zwar auf das derzeit gesellschaftlich wohl etablierte Bild des „raffgierigen Spitzenmanagers“ abstützen, verfehlt aber die Kernidee des homo oeconomicus als ein theoretisches Modell, wonach ein Mensch seine Präferenzen maximiert – die durchaus auch moralischer Natur sein können. Insofern agiert diese Karikatur des homo oeconomicus (nicht nur bei Degen!) als Strohpuppe, von der sich die aufstrebende „Naturwissenschaft der Moral“ umso leichter abgrenzen kann.

Rolf Degen: Das Ende des Bösen. Die Naturwissenschaft entdeckt das Gute im Menschen. Piper, 2007.

Textversion für blinde und sehbehinderte Personen © 2018 goleon* websolutions gmbh