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Kulturgeschichte des Alkohols: Das Abendland entstieg dem Suff

Was in La Neuveville passiert ist, hat die menschliche Zivilisation jahrtausendelang belastet: verschmutzes Trinkwasser. Deshalb das Winzerfest abzusagen, ist eigentlich das total falsche Signal. Denn die Kulturgeschichte des Alkohols lässt nur einen Schluss zu: Ohne Bier und Wein wäre der Aufstieg der westlichen Zivilisation schlicht nicht denkbar gewesen.

Im Jahre 1620 landeten die Pilgerväter, die ersten puritanischen Kolonisten, in Neuengland und schufen damit das Fundament der heutigen Supermacht USA. Dass die gerade am Plymouth Rock an Land gingen, hatte nur einen Grund: Das Bier an Bord war ausgegangen. Dies ist kein Treppenwitz der Weltgeschichte, sondern illustriert die enorme Bedeutung, die der Alkohol jahrtausendelang hatte. Die folgenden Ausführungen, basierend auf der kleinen Kulturgeschichte des Alkohols des US-Wissenschaftlers Bert L. Vallee, lassen nur einen Schluss zu: Alkohol war die Muttermilch unserer Zivilisation.

Das Abendland entstieg dem Suff, was vor allem ein Grund hatte: Sobald grössere menschliche Gemeinschaften, sprich Siedlungen, enstanden, wurde sauberes Trinkasser zum Problem. Der Genuss von Wasser war - wie jeder Säufer weiss - oft lebensgefährlich. Alkoholische Getränke waren die sichere, schmackhaftere, nahrhaftere und spassigere Alternative. Denn die im Met, Bier und Wein enthaltenen Stoffe wie Alkohol und organische Säuren töteten gefährliche Krankheitserreger ab. Diese Getränke waren eine unverzichtbare Flüssigkeitsquelle und haben eine jahrtausende alte Tradition.

Dies fing wohl schon zu Urzeiten an, denn seitem es in der Natur zucker- und stärkehaltige Früchte gibt, existierten damit auch vergorene Nahrungsmittel. Dafür sorgen Hefepilze, die vom Abbau von Zucker und Stärke leben und als Nebenprodukt Alkohol absondern. Zum Glück, mögen sich wohl schon unsere frühen menschlichen Vorfahren gesagt haben. Selbst Tiere - will man den zahlreichen Geschichten über besoffene Rinder, Affen und dergleichen glauben - haben sich an derartigen „Alkopops“ gütlich getan. Davon zeugt auch die Existenz eines Enzyms, das den Menschen zum Abbau von Alkohol befähigt. Die Ausbildung eines solchen Stoffwechselweg zeigt, dass schon unsere tierischen Vorfahren oft genug mit alkoholhaltigem Futter in Berührung kamen.

Vor etwa 10'000 Jahren musste dann eines glorreichen Tages einem Ur-Menschen der Zusammenhang zwischen Gärung und Alkoholbildung aufgefallen sein, wahrscheinlich beim Honig. Vielleicht hatte er oder sie den gesammelten Honig zu lange in der Sonne liegen lassen, der dann gärte. Das beschwipste Leckermaul hat den Vorgang dann wiederholt und das Ergebnis, heute nennen wir das Met, seinen Stammesgenossen gezeigt. Mit Sicherheit wurde der Entdecker danach zum Häuptling gewählt.

Die geschichtlichen Spuren der Alkoholproduktion reichen bis in die Zeit des alten Ägyptens, der Sumerer und Babylonier zurück. Rezepte zur Bierherstellung finden sich etwa auf mehr als 6000 Jahre alten babylonischen Tontafeln. Durch den Getreideanbau war der Grundstoff für ein weiteres alkoholisches Getränk vorhanden, für Bier. Es war auch die Zeit, als erste Städte gebaut wurden, also viele Menschen an einem Ort lebten. Kläranlagen und Trinkwasserchlorierung waren damals natürlich noch Fremdwörter. Demnach gelangten Fäkalien von Tier und Mensch ins Wasser von Bächen und Flüssen - eine ständige Quelle von Epidemien. Das Brauen von Bier war demnach lebensnotwendig für die Entwicklung der Zivilisation. Auch die Geschichte des Weins reichte Jahrtausende zurück. Offenbar wurden erste gezielte Versuche zum Traubenanbau zur Weinproduktion im Gebiet des heutigen Armeniens unternommen.

Alkohol eroberte seinen festen Platz im Alltag der Menschen. Das griechische Wort „akratizomai“ etwa bedeutet frühstücken, wörtlich übersetzt aber „unverdünnt Wein trinken“. Geschmacklich waren die damaligen getränke wohl nicht mit unseren vergleichbar. Der Säuregehalt war oft hoch und der Gehalt an Alkohol tiefer als heute. Trotzdem hatte Alkohol vielerlei Funktionen: Wie schon gesagt, war es ein gesundheitlich sicheres, haltbares Getränk. Der Nährwert von Bier und Wein war recht hoch, ganz zu schweigen von wertvollen Vitaminen und Mineralien. Alkohol war zudem über Jahrtausende praktisch das einzige bekannte und gut verfügbare Schmerzmittel. Dazu kommt der Spass, den man mit Alkohol haben kann: Tausende Jahre alte ägyptische Gemälde zeigen Szenen, wie besoffene Gäste nach einem Gelage nach Hause getragen wurden.

Über die Gefahren des Alkohols war man sich schon zu dieser Zeit bewusst. Schon früh wurde im hebräischen, griechischen und römischen Kulturkreis zur Mässigung aufgefordert - aber nie zur Abstinenz. Selbst Jesus hatte Wasser in Wein verwandelt - gibt es ein deutlicheres Zeichen für die Wichtigkeit des Alkohols? es waren denn auch die Klöster und die Kirche, welche nach dem Untergang des Römischen Reiches die Kultur der Wein- und Bierproduktion weiterleben liessen.

Um das Jahr 700 nach Christus war eine weitere Sternstunde der Alkoholgeschichte. Ausgerechnet die Araber - hat doch Prophet Mohammed den Alkoholkonsum verdammt - erfanden die Schnapsdestillation. Um das Jahr 1100 kam die Destillierkunst dann nach Europa und verbreitete sich dort. Das „aqua vitae“ - das Lebenswasser - hatte seinen grossen Auftritt während den Pestepidemien des 14. Jahrhudnerts. Gegen diese gigantische Katastrophe - ein Drittel der europäischen Bevölkerung wurde dahingerafft - schien nur eins zu helfen: Die Menschen suchten Trost im Suff.

Nach dem Ende der Pest folgte eine Zeit voller Lust, Ausschweifungen und Trinkgelagen. Europa gab sich einem Saufgelage hin, das bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts dauerte. Der leichte Schips, den das Abendland seit jahrtausenden begleitete, wuchs damals an zum delirium tremens.

Das Zeitalter der Entdeckungen änderte die Sachlage aber. Zum einen wurde Europa mit Zivilisationen konfrontiert, bei welchen Alkohol nicht denselben Stellenwert hatte wie im Abendland. Die Kulturen Ostasiens entwickelten die Tradition, Wasser zum Trinken abzukochen, gewöhnlich, um Tee zuzubereiten. Dass diese Völker nicht dem Suff verfallen sind, dürfte auch genetische Gründe haben: Rund der Hälfte aller Asiaten fehlt ein bestimmtes Enzym (und damit ein Gen), das für den Abbau von Alhohol notwendig ist. Dem betreffenden wird schon nach ein bis zwei Gläsern schlecht.

Zum anderen gelangten die Alternative wie Kaffee, Tee oder Kakao nach Europa und machten Alkohol den rang streitig. Der Obrigkeit passte das gar nicht. Der Preussenkönig Friedrich der Grosse wetterte, er selbst sei mit Biersuppe grossgezogen worden und die Kinder sollten also weiter Bier statt Kaffee erhalten. Zudem hätten soldaten, die mit Bier genährt worden seien, viele Schlachten geschlagen. Eine derartige Trinkaufforderung eines Politikers würde diesen heute wohl schnurstracks in die Klapsmühle bringen.

Im 18. Jahrhundert begannen aber religiöse Gruppen, gegen den Alkoholkonsum zu wettern. Quäcker und Methodisten predigten Abstinenz, hatten aber wenig Widerhall. Erst zwei weitere wichtige Entwicklungen liessen das Ansehen des Alkohols schwinden. Zum einen wurden Krankheitserreger und damit der Mechanismus der grossen Seuchen wie Ruhr oder Cholera entdeckt. Die bedeutung der Hygiene wurde klar und langsam wurde eine Qualitätssicherung für das Trinkwasser erstellt. Zum anderen hatte die industrielle Revolution eine massiv dem Alkohol verfallene Arbeiterschaft erzeugt. Alkoholismus wurde neu als Krankheit erfasst, die schwerwiegende folgen haben kann. Erst jetzt konnten die Abstinenzlerbewegungen wirksam werden.

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