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Ethik im Experiment

Philosophen kratzen an der Mauer zwischen Sein und Sollen

Dieser Text ist die ursprüngliche Fassung - er wurde von der Redaktion von "Gehirn und Geist" überarbeitet

„Szenario 1: Bill lebt in einem Universum, in dem alles vorherbestimmt ist. Ist Bill für sein Tun moralisch verantwortlich? Szenario 2: Bill, in einem vorbestimmten Universum lebend, massakriert Frau und Kinder. Ist Bill für seine Mordtat moralisch verantwortlich?“ Wenn Ihnen solche Fragen unter die Nase gerieben werden, haben Sie es wohlmöglich mit einem neuen Typus von Philosoph zu tun, dem „experimentellen Ethiker“. Was sind das für Leute? Revoluzzer, die sich aus den verstaubten Sesseln einer ‚armchair philosophy’ erheben und der realen Welt zuwenden wollen? Oder „Philosophen, die schlechte Experimente machen“, wie der dem ganzen Unterfangen durchaus günstig gesonnene Philosoph Jesse Prinz einmal süffisant bemerkt hat. Jedenfalls irritiert die Kopplung von ‚Ethik’ und ‚Experiment’ zunächst einmal. Ist ersteres nicht primär das Geschäft, die Gründe für moralisches Handeln zu finden, zu beurteilen und in Theorien über das Gute einzubauen? Sollen Experimente darüber entscheiden, welche Ethik richtig ist, welche falsch?

Solche Fragen verweisen auf eine tief verwurzelte Unterscheidung, die die Philosophie und insbesondere ihr Teilgebiet Ethik über Jahrhunderte geprägt hat: jene zwischen dem Sein und dem Sollen – zwischen der empirisch zu lösenden Aufgabe herauszufinden, wie die Welt ist, und der normativen Frage, wie die Welt sein soll. Die logische Mauer zwischen diesen Welten hat in der Ausbildung von Philosophen ihre Spuren hinterlassen. Die Philosophie – einst durchaus Synonym für eine breit angelegte Beschäftigung mit der Welt – hat sich unter dem Einfluss der analytischen Tradition quasi in den Raum der Gründe zurückgezogen, ein vom Analytiker Wilfrid Sellars geprägter Ausdruck. In diesem Raum spielt sich die Debatte über Ethik weitgehend ab. Und wenn die reale Welt mit ihren moralischen Problemen anklopft, so sehen sich Philosophen primär als Begriffsklärer, die Ordnung in den Wirrwarr der Argumente bringen sollen.

Das ist natürlich ein bisschen überzeichnet, insbesondere mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen, die von einer Renaissance der Moralforschung geprägt ist – also der empirischen Untersuchung von Genese und Wirkungsweise der in einer Gesellschaft vorhandenen Normen, Tugenden, Werte und Ideale. Diese Renaissance hat zwei Facetten: Zum einen hat die Zahl der Studien über moralische Fragen im Verhältnis zu anderen Problemstellungen in mehreren Disziplinen deutlich zugenommen. Zum anderen sind die Disziplinengrenzen durchlässiger geworden: Philosophen nutzen Methoden der Hirnforschung, Psychologen entdecken philosophische Themen als Forschungsfragen (neu). Zudem ist diese Renaissance eingebettet in den Trend, gesellschaftliche Fragen aus der Perspektive der Moral zu stellen, etwa hinsichtlich des Funktionierens der (Finanz-)Märkte oder des Verständnisses politischer Kontroversen als Wertekonflikte.

Doch was kann eine „experimentelle Ethik“ hier beitragen? Um darauf eine Antwort zu finden, soll zunächst dieser Ansatz mit den vier Zugängen der Moralforschung verglichen werden. So stellt sich erstens die Frage nach der Genese der Moral, was heute meist mit Blick auf die Evolutionstheorie debattiert wird – deren Relevanz für diese Fragestellung übrigens bereits Charles Darwin erkannt hat. Hierzu wird insbesondere vergleichend (gibt es „Vorformen“ von Moral in Primaten?) sowie mittels Simulationen (unter welchen Randbedingungen erweisen sich „moralähnliche Strategien“ im Rahmen der evolutionären Spieltheorie als robust?) gearbeitet. Zweitens kann das Individuum, der „moral agent“, in den Fokus gerückt werden – entweder mit Blick auf dessen Entwicklungspsychologie ausgehend von den Arbeiten von Jean Piaget und Lawrence Kohlberg, oder aber mit Schwerpunkt auf die inneren psychischen und neurologischen Mechanismen, die moralisches Urteilen begleiten. Drittens kann das soziale Setting, in dem moralisches Handeln sich vollzieht, thematisiert werden – dies war insbesondere in den 1960er Jahren en vogue, die auch die hierzu berühmtesten Experimente – die Milgram Versuche und das Stanford Prison Experiment – hervorgebracht haben. Viertens schliesslich werden, vorab in der ethnologischen Forschung, kulturelle Unterschiede mit Blick auf die Inhalte von Moral in verschiedenen Gesellschaften untersucht. Hierzu zählt auch die historische Forschung über Veränderungen gesellschaftlicher Vorstellungen von Moral.

Natürlich haben diese Forschungen die philosophische Ethik nicht unberührt gelassen. Diese Kenntnisnahme von Fakten, beispielsweise über die biologischen und psychologischen Mechanismen, die moralisches Urteilen begleiten oder beeinflussen, ist aber – so das gängige Verständnis in der philosophischen Ethik – für die Frage nach der Rechtfertigung bestimmter moralischer Urteile zunächst einmal bedeutungslos. Man mag gewiss darüber streiten, ob es sinnvoll ist, ethische Forderungen aufzustellen, die mit der menschlichen Psychologie nur schwer vereinbar sind. Doch das ist eine rein praktische Erwägung ohne Auswirkung auf die Güte einer ethischen Rechtfertigung. Das Sein bleibt sauber vom Sollen getrennt.

Die experimentelle Ethik siedelt sich hier nun in einer Zwischenzone an. Sie interessiert sich für die begrifflichen Intuitionen, die für das philosophische Nachdenken über Ethik unverzichtbar sind. Zwischenzone deshalb, weil das abstrakte Sinnieren über Rechtfertigungen moralischer Urteile sich letztlich um Dinge dreht, die Menschen wichtig sind, über die sie sich echauffieren und die tief im Sein verwurzelt sind. Man vergegenwärtige sich nur die in den aktuellen Diskussionen verwendeten Worte – Gier, Schuld, Masslosigkeit, Unfairness, Verantwortung. Jeder dieser Begriffe trägt einen grossen Ballast an Vorstellungen und Intuitionen über die Welt mit sich, sie sind in den Worten von Philosophen „dicke Begriffe“, in denen das Normative nicht leicht vom Faktischen getrennt werden kann.

Daraus folgt die Frage, wie „dick“ diese Begriffe sind und welche Intuitionen Menschen zu grundlegenden ethischen Begriffen denn nun wirklich haben. Nehmen wir das Beispiel ‚Verantwortung’. Die Philosophen Shaun Nichols und Joshua Knobe – beides Protagonisten der experimentellen Philosophie, zu der die experimentelle Ethik zählt – haben die beiden zu Beginn genannten Szenarien zahlreichen Personen zur Beurteilung vorgelegt. Hintergrund dieses Experiments ist die weit verbreitete Intuition, dass Menschen nur für jene Dinge moralisch verantwortlich sein können, die sie willentlich oder mangels Sorgfalt verursacht haben – diese Unvereinbarkeit von Verantwortung und Vorherbestimmung nennt man Inkompatibilismus. In der Tat antworten denn auch die meisten mit „Nein“, wenn sie mit dem ersten Szenario konfrontiert werden – aber sie beantworten die Frage des zweiten Szenarios mit „Ja“, obwohl auch hier Familienschlächter Bill in einem vollständig vorherbestimmten Universum lebt.

„So what?“ mag der Ethiker einwenden. Soll dieses Experiment etwa entscheiden, ob der Inkompatibilismus wahr oder falsch ist? Vielleicht haben die Leute im zweiten Beispiel schlicht die falsche Intuition von ‚Verantwortung’. Oder aber dieses zeigt einen typischen psychologischen „Framing Effekt“: die Verwendung von emotionsgeladenen Worten wie ‚massakriert’ und ‚Mordtat’ beeinflusst das Antwortverhalten. Letzterer Punkt ist in der Tat auch die Erklärung der Resultate durch Nichols und Knobe, die festhalten, dass Intuitionen zu philosophischen Grundbegriffen vom Kontext abhängen. So könnte man die experimentelle Untersuchung der begrifflichen Intuitionen als weiteren Versuch abhaken, mehr über den Mechanismus des moralischen Urteilens herauszufinden. Kein Experiment „entscheidet“ über die Güte von Rechtfertigungen oder die Richtigkeit einer ethischen Theorie – das Sollen bleibt unbefleckt vom Sein, so die Hoffnung.

Doch solche Resultate haben tiefgreifendere Konsequenzen, als es zunächst den Anschein macht. Erstens steckt hinter dieser Hoffnung ein falsches Verständnis von der Rolle eines Experiments. Wie die Wissenschaftsgeschichte zur Genüge untersucht hat, haben Experimente im Forschungsprozess nicht die Rolle eines „finalen Entscheiders“ zwischen richtig und falsch. Entsprechend wäre es falsch, Experimenten in der Ethik diese Bedeutung zu geben. Sie sondieren vielmehr das komplexe Wechselspiel zwischen vorhandenen Theorien und den Strukturen und Prozessen, die diese Theorien beschreiben wollen. Im Fall der Ethik sind letztere entscheidend von den Grundbegriffen geprägt, mit denen innerhalb der Ethik argumentiert wird. Entsprechend macht es Sinn, experimentell zu prüfen, wie stabil begriffliche Intuitionen in solchen Argumentationen sind.

Zweitens ist das deshalb wichtig, weil sich das ethische Argumentieren von diesen begrifflichen Intuitionen nicht befreien kann. Sie bilden vielmehr die Basis des Diskurses. Das lässt sich an einem klassischen Beispiel zeigen: dem Streit zwischen der Pflichtenethik, bei der eine ethische Handlung sich an der richtigen Pflicht orientiert, und der utilitaristischen Ethik, in der die Handlung dann ethisch gut ist, wenn sie das Glück für alle Betroffenen maximiert bzw. das Übel minimiert. Was macht ein Vertreter letzterer Theorie, um diese zu stützen? Man baut beispielsweise folgendes Dilemma: Die Gestapo klopft an Ihre Tür und fragt, ob Sie jüdische Flüchtlinge in Ihrem Keller versteckt halten. Das ist in der Tat so. Dürfen Sie nun die Pflicht, nicht zu lügen, verletzen? „Natürlich!“ wird jeder sagen – und genau deshalb ist das Dilemma so konstruiert worden: um jene Intuition zu wecken, die das ethische Argument wasserdicht machen soll.

So gesehen berührt die Kontextabhängigkeit begrifflicher Intuitionen den Kern der Ethik, weil sie – bildlich gesprochen – das Fundament des Raums der Gründe ins Wanken bringt. Die empirische Moralforschung gelangt so quasi durch die Hintertür in diesen Raum – nicht als Lieferantin von Faktenwissen über die praktischen Bedingungen, denen moralisches Handeln unterliegt, sondern als Inspiratorin für einen experimentellen Ansatz, der die Bedingungen der Verwendung der ethischen Kernbegriffe untersucht. Das ist nicht nur eine akademische Spielerei. Denn es ist durchaus plausibel anzunehmen, dass bei vielen praktischen moralischen Differenzen solche Unterschiede bei begrifflichen Intuitionen eine zentrale Rolle spielen: gleich lautende Argumente könnten bei den einzelnen Protagonisten Unterschiedliches bedeuten. Diese Unterschiede fassbar zu machen, ist methodisch nicht so einfach – und es hat in der Tat auch Platz für „schlechte Experimente“, wie Prinz kritisiert hat. Doch die oben angesprochene, zunehmende Durchlässigkeit disziplinärer Grenzen stimmt zuversichtlich, dass Experimente in der Ethik besser werden und neue Einblicke auf uns als moralische Wesen geben.

Markus Christen

 

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