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Sich selbst von aussen sehen

Experimentelle Annäherungen an ausserkörperliche Erfahrungen

Nach Nahtod-Erlebnissen oder bestimmten meditativen Zuständen berichten die Betroffenen häufig, dass ihr «Selbst» ihren Körper verlassen und «von aussen» auf diesen geblickt habe. 5 bis 15 Prozent aller Menschen machen Untersuchungen zufolge mindestens einmal in ihrem Leben eine solche ausserkörperlichen Erfahrung («out-of-body-experience»). Dies könnte auch ein Grund dafür sein, warum in verschiedenen menschlichen Kulturen dualistische Körper-Geist-Vorstellungen entstanden sind, wonach letzterer den Körper verlassen oder gar überdauern kann.

In der Wissenschaft ist dieses Phänomen bisher vorab in der Neurologie untersucht worden, zumal es mehrere, wenn auch seltene Krankheitsbilder gibt, welche die Einheit von Körper und Selbst ebenfalls auftrennen. Eine ausserkörperliche Erfahrung weist dabei zahlreiche Facetten auf – neben dem «sich von aussen sehen» etwa auch den Verlust der Kontrolle gewisser Körperteile und das Gefühl, das «Selbst» handle unabhängig vom Körper –, was eine experimentelle Untersuchung dieses Phänomens erschwert. Dem schwedischen Psychologen Henrik Ehrsson und einer Forschungsgruppe unter der Leitung des Neurowissenschafters Olaf Blanke von der ETH Lausanne scheint dies nun zumindest ansatzweise gelungen zu sein – unabhängig voneinander, aber auf ähnlichem Wege.¹ Dazu variierten sie den Versuchsansatz der «rubber hand illusion», bei der einer Versuchsperson die eigene Hand verdeckt und stattdessen eine Gummihand gezeigt wird. Berührt man die Gummihand und die verdeckte Hand mehrfach synchron, so erscheint der Person die Gummihand schliesslich als Teil des eigenen Körpers – ein Teil der Sinneseindrücke wird also auf einen Gegenstand ausserhalb des Körpers projiziert.

Sowohl Ehrsson als auch Blankes Team haben nun mit einer Videobrille ausgerüstete Probanden von hinten gefilmt und das Bild auf die Brille projiziert; die Probanden sahen also einen Doppelgänger vor sich sitzen. Unter diesem Eindruck wurden sie mehrfach mit einem Stock berührt. Ihr Gehirn wurde dadurch mit widersprüchlichen Sinneseindrücken konfrontiert: Während sie die Berührung am eigenen Körper spürten, konnten sie sie gleichzeitig von aussen verfolgen. Auf entsprechende Fragen hin berichteten die Versuchspersonen, sie hätten das Gefühl, der virtuelle Körper sei ihr eigener. Wurde das Bild auf der Videobrille hingegen derart manipuliert, dass die beim Doppelgänger beobachtete Berührung zeitlich verschoben zum Tastempfinden der Probanden stattfand, trat diese Illusion nicht auf.

Man habe einen Weg gefunden, bestimmte Aspekte einer ausserkörperlichen Erfahrung experimentell zu erzeugen, folgern die Lausanner Forscher. Sie räumen aber auch ein, dass das Phänomen erst zum Teil erfasst worden sei, zumal keine Versuchsperson berichtet habe, den eigenen Körper vollständig verlassen zu haben. Die weltweite Aufmerksamkeit, welche die Resultate erhalten haben, kontrastiert etwas mit dieser vorsichtigen Interpretation. Dennoch sind die Arbeiten nach Ansicht des Zürcher Neuropsychologen Peter Brugger von Bedeutung. Gewissermassen habe man nun das Paradigma einer «rubber body illusion» zur Verfügung, mit dem in Zukunft ein weiterer Aspekt einer ausserkörperlichen Erfahrung untersucht werden könne – das Gefühl, das «Selbst» handle eigenständig ausserhalb seines Körpers.

Markus Christen

¹ Science 317, 1048; 1096–1099 (2007).

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