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Genschutz-Initiative: ein Jahr später: Einen Freipass hat es nicht gegeben

Es mag paradox klingen: Die Genschutz-Initiative wurde vor einem Jahr zwar deutlich abgelehnt. Vor allem im Bereich Landwirtschaft ist der Boden für die Gentechnik aber steiniger geworden.

Felder mit Gentech-Mais werden vernichtet, das Buwal verbietet Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen, die Schweizer Grossverteiler wollen Genfood solang als möglich verhindern, ja ganz Europa (insbesondere England, siehe nebenstehenden Kasten) steigt gegen Genfood auf die Barrikaden. So hatten es sich die Gewinner vom 7. Juni 1998 nicht ganz vorgestellt, als sie das deutliche Nein des Volkes zur Genschutz-Initiative mit Befriedigung zur Kenntniss nahmen. Irgendwas scheint schiefgelaufen zu sein (vgl. dazu untenstehende Kästen) – oder positiv formuliert: der bestehende Gesetzesapparat scheint durchaus machtvoll genug, unerwünschte Anwendungen der Gentechnik in der Schweiz zu verhindern.

Und solche gibt es in der Tat: Währenddem die medizinischen Anwendungen kaum auf grossen Widerstand stossen, wollen die Konsumenten partout kein Genfood auf ihrem Teller und konsequenterweise auch keine Gentech-Pflanzen auf Schweizer Feldern. Der intensivierte Kontakt mit der Bevölkerung in Dialogen und sogenannten PubliForen zeigt dabei ein immer wiederkehrendes Bild: Man ist sich zwar bewusst, dass man Gentechnik nicht generell verbieten kann. Der Ruf nach Ethik wird aber praktisch bei allen Anwendungen laut. Bei der Anwendung der Gentechnik in der Landwirtschaft hätte man am liebsten ein Moratorium, bis mehr Sicherheit darüber besteht, ob Gentech-Pflanzen sich wirklich so unproblematisch in Ökologie und Speiseplan einbauen lassen, wie die Wissenschaft gemeinhin denkt.

Die Ursache dieser verbreiteten Skepsis sind zum einen die diversen Pannen (beispielsweise die “Verschmutzung” von konventionellem Saatgut mit Gentech-Mais) und beunruhigende Experimente (vgl. nebenstehenden Text ENGLAND). Zum anderen hat sich der Kenntnissstand der Bevölkerung über die Gentechnik trotz des Abstimmungskampfes vor einem Jahr nicht wesentlich verändert. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls eine Studie des Politologen Claude Longchamp, die als Bestandteil des Buches “Gentechnologie im Spannungsfeld von Politik, Medien und Öffentlichkeit” (IPMZ Universität Zürich) vergangene Woche publiziert wurde. Wenige Kenntnisse werden in einem Bereich wie Medizin – wo das Vertrauen zum Arzt sowieso zentral ist – offenbar mehr akzeptiert als dann, wenn es um den eigenen Teller geht. Erstaunlich ist aber, dass im Zeitraum von 1996 bis 1998 trotzdem ein radikaler Meinungsumschwung betreffend der Genschutz-Initiative stattgefunden hatte. Über eine Million Stimmberechtigte relativierten bzw. änderten ihre Meinung zur Gentechnik radikal, so die Studie Longchamps.

Damit ist aber nicht gesagt, dass sich die grundsätzlich kritische Haltung gegenüber der Gentechnik geändert hat, denn die spezifische Meinungsbildung zur Genschutz-Initiative folgte der üblichen Logik bei Volksinitiativen, so Longchamps: Ein als allgemein problematisch geltendes Phänomen kann zu Beginn eine hohe Zustimmung zu einem Volksbegehren führen. Je näher der Abstimmungstermin kommt, desdo mehr wird die durch die Initiative angebotene Lösung denn das Problem bewertet. Gilt erstere als untauglich, so kommt es zum beobachteten Phänomen des Meinungsumschwungs. Die Grundskepsis bleibt aber, wie sich dies am Beispiel der Gentechnik in der Schweiz heute deutlich zeigen lässt.

Wie die Wissenschaftler auf diese Situation reagieren sollen, haben sie am vergangenen Freitag an einer Tagung in Bern diskutiert. Diese hatten durch den Abstimmungskampf um die Genschutz-Initiative ja erkannt, wie wichtig es ist, die Tätigkeit der Forscher auch verständlich zu machen. Hans Peter Peters vom Forschungszentrum Jülich in Deutschland hat dabei interessante Ergebnisse einer jüngst abgeschlossenen Untersuchung vorgestellt: Es zeigte sich dabei, dass das Misstrauen beim Publikum wächst, je unkritischer Gentechnik vorgestellt wird. Nebst Verständlichkeit müssten demnach die Forscher grundsätzlich eine kritische Haltung bei ihrem Publikum akzeptieren, selbst wenn diese aufgrund wissenschaftlicher Resultate nicht gerechtfertigst scheint. Gentechnik muss als Option und nicht als Sachzwang verkauft werden.


Gen-Debatte in England: Prinz gegen Gen-Food

Was die Schweiz vor einem Jahr erlebte, lässt nun England erzittern: eine heftige Diskussion über Sinn und Unsinn der Gentechnik. Im Visier ist vor allem Gen-Food.

“Wir haben keine Hinweise darauf gefunden, dass Risiken im Zusammenhang mit gentechnisch veränderten Lebensmitteln in irgend einer Weise höher sind als solche mit konventionellen Lebensmitteln.” Dieses kürzlich von der Royal Society – Grossbritanniens führende wissenschaftliche Institution – gezogene Fazit kommt definitiv zu spät. Der Geist ist aus der Flasche – die Bevölkerung diskutiert erregt über die Anwendungen der Gentechnik, vor allem über jene in der Landwirtschaft. Selbst der britische Thronfolger hat in einem Artikel auf der Frontseite des Massenblattes “Daily Mail” Stellung bezogen. Der bio-dynamische Prinz, der vor Jahren bereits die Architekten-Zunft seines Landes wegen hässlicher Bauten an den Pranger stellte, geisselt Gen-Food als unnötig, unsicher und nutzlos. Vielmehr graut ihm vor einer orwellschen Zukunft, in der “das Leben selbst industrialisiert sei”.

Es waren die Ratten des Biochemikers Aspad Pusztai, welche die Stimmung im einst gentech-freundliche Britannien zum kippen brachten. Bereits im August letzten Jahres trat Pusztai mit der alarmierenden Meldung an die Öffentlichkeit, dass seinen Ratten die Fütterungsversuche mit gentechnisch veränderten Kartoffeln gar nicht mundeten: Störungen im Wachstum und am Immunsystem traten auf. Nur Tage darauf musste Pusztai seinen Arbeitsplatz im renommierten Rowett Research Institute verlassen, weil er “vorzeitig Daten des Instituts veröffentlicht habe. In einem Bericht des Instituts hiess es dann im Herbst, die Daten der Studie seien mangelhaft und vorläufig. Gut 20 Wissenschaftler aus 13 Ländern – vor allem solche aus einem gentech-kritischen Umfeld – hatten im Frühling jedoch Pusztai recht gegeben. Die Royal Society setze dann Ende Mai mit ihrem Bericht, der Pusztais Studie als nicht beweiskräftzig erachtete, einen vorläufigen Schlussstrich unter die wissenschaftliche Debatte setzte.

Englands Boulevard-Presse hat aber den Braten – oder eher die Kartoffel – gerochen und lancierte eine reisserische Kampagne gegen “Frankenstein-Food”. Diese fiel bei der in Naturschutzanliegen sensibilisierten britischen Bevölkerung auf fruchtbaren Boden. Die empörten Konsumenten sahen sich als “Versuchskaninchen” der britischen und ausländischen Biotech-Industrie. Den beschwichtigenden Worten von Wissenschaft und Regierung wird – so sehen es Umfragen – kaum Glauben geschenkt. Auch die Läden reagieren und nehmen gentech-verdächtige Produkte aus den Regalen.

Die britische Regierung sieht sich damit zunehmend in Bedrängnis. Regierungschef Tony Blair hat keine prinzipiellen Bedenken gegen Gen-Food, muss aber auf die bedenken der Bevölkerung eingehen. Als erstes EU-Land will Grossbritannien deshalb auch in der Gastronomie eine deutliche Kennzeichnungsfrist von Lebensmitteln durchsetzen. Eine solche besteht bereits für den Import von gentechnisch veränderten Lebensmitteln. In Grossbritannien selbst wird derzeit noch kein Gen-Food produziert. Kabninettsminister Cunningham kündigte zudem die Einrichtung zweier neuer Beratungskommissionen für Humangenetik und Biotechnologie an, welche langfristige Ewägungen anstellen soll – auch solche ethischer Art.


Gen-Food

Ein Gen-Food-Verbot hätte die Genschutz-Initiative nicht durchsetzen können. Die Bedeutung dieses strategischen Fehlers der Initianten wird immer deutlicher, denn der Widerstand gegen die Gentechnik formiert sich vor allem hier. Faktisch besteht heute in der Schweiz ein Genfood-Moratorium, denn die Grossverteiler haben beschlossen, so lang als möglich auf den Verkauf von solchen Lebensmitteln zu verzichten. Migros will sich sogar mit sechs europäischen Ketten zusammenschliessen, um Genfood aus ihren Regalen zu verbannen. Diese Haltung wird in der kürzlich veröffentlichen Schlussfolgerung des PubliForums “Gentechnik und Ernährung” bestätigt. Dieses aus 28 Schweizerinnen und Schweizern bestehende Gremium hat aufgrund von Expertenbefragungen die “Volksmeinung” zum Thema Gen-Food formuliert. Eine Mehrheit des Forums empfahl vor knapp zwei Wochen, dass ein Moratorium über die Herstellung und Vermarktung von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) verhängt werden sollte. Am 1. Juli wird in der Schweiz eine Deklarationslimite für Lebensmittel eingeführt. Anbieter von Produkten mit dem Label “Ohne Gentechnik hergestellt” müssen dann belegen, dass die Erzeugnisse ohne Einfluss von Gentechnik hergestellt wurden. GVO-Spuren von unter einem Prozent (eine Folge von nur schwer zu vermeidenen Verunreinigungen) in konventionellen Lebensmittelnd werden toleriert. erst danach muss deklariert werden.


Transgene Tiere

Das von der Genschutz-Initiative geforderte Verbot gentechnisch veränderter (transgene) Tiere hat diese zu Fall gebracht. Die Gegenseite konnte sich offenbar mit dem Argument, solche Tiere seien für den medizinischen Fortschritt unumgänglich, durchsetzen. Heute zeigt sich, dass die Genschutz-Gegner zumindest in einem Punkt recht haben: Transgene Tiere (vor allem Mäuse) werden immer mehr in der medizinischen Grundlagenforschung verwendet. Die Eingriffe in das Erbgut werden gezielter, was die Hoffnung nährt, über mehr Krankheiten Informationen gewinnen zu können. Die Umsetzung solcher Resultate der grundlagenforschung in die Praxis dauert aber jeweils Jahre. Erste Erfolge werden nun auch bei den Insekten verzeichnet. Vergangenen Herbst meldeten amerikanische Forscher die erfolgreiche genetische Manipulation der Stechmücke Aedes aegypti, dem Überträger des Gelbfiebers und der Dengue-Viren. Man erhofft sich damit, das Erbgut von krankheitserregenden Insekten derart verstehen und letztlich auch ändern zu können, damit diese Krankheiten nicht mehr übertragen können. Die manipulierten Insekten sollten dereinst die Krankheitserreger bereits in ihrem Körper vernichten – anstelle durch die Insektizide des Menschen selber vernichtet zu werden. Die Umsetzung dieser Konzepts in die Praxis wird aber ebenfalls noch Jahre dauern.


Freisetzung

Die Genschutz-Initiative forderte ein Verbot der Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen, weil die ökologischen Gefahren zu gross seien. Das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft hat im April dieser Argumentation offenbar recht gegeben, als es zwei Gesuchstellern negativen Bescheid gab. Diese wollen gentechnisch veränderten Mais bzw. Kartoffeln in einem Feldversuch freisetzen. Eine unbeabsichtige Freisetzung von Gentech-Mais erregte diesen Frühling ebenfalls die Gemüter. In Saatgut, das eigentlich gentechfrei sein sollte, fanden die Kontrolleure diese “gentechnische Belastung”. Das Bundesamt für Landwirtschaft ordnete daraufhin die Vernichtung der Maispflanzen an. Derartige Pannen lassen ein Gentech-Moratorium in der Landwirtschaft wahrscheinlicher werden – womit ein Ziel der Genschutz-Initiative faktisch erfüllt würde. Die Realitäten auf dem globalen Saatgut-Markt lassen ein solches Moratorium aber nur schwer umsetzen. Denn das meiste Saatgut stammt aus den USA, wo sich die Produzenten oft um eine saubere Trennung von GVO und nicht-GVO foutieren. Neuste Resultate haben aber auch in den USA Zweifel geweckt: Im Mai veröffentliche die renommierte Wissenschaftszeitschrift “Nature” eine Studie amerikanischer Forscher, gemäss welcher der transgene Novartis-Mais Schmetterlingen schaden könne – wenn auch “nur” im Laborversuch.


Patentierung

Die Genschutz-Forderung nach einem Patentierungsverbot wäre nur schwer mit internationalen Verpflichtungen der Schweiz vereinbar gewesen. Demnach muss in diesem Bereich die internationale Entwicklung beachtet werden. Ein Schlüsselentscheid hierzu wird bald in den USA gefällt werden. Dort klärt ein Appellationsgericht in Washington die Frage, ob biotechnisch abgeänderte Pflanzen und Samen patentiert werden können. Der Fall ist von grossem Interesse für die multinationalen Unternehmen im Agribusiness - darunter auch Novartis -, die in den USA viele solche Patente halten. Im spezifischen Streitfall geht es um 17 Patente, welche die Firma Pioneer für Maissaatgut erhalten hatBeklagte ist die Firma Farm Advantage, ein landwirtschaftlicher Grossverteiler. Farm Advantage macht geltend, diese Patente seien ungültig, weil sich das US-Patentgesetz nicht auf Pflanzen und Samen erstrecke. Pioneer argumentiert umgekehrt, das Patentgesetz schütze auch Saatgut und Pflanzen, die durch biotechnische Verfahren entstehen. Die Biotechindustrie in den USA geht davon aus, dass biotechnisch veränderte Samen und Pflanzen patentierbar sind. Von der Entscheidung des Appellationsgerichts hängt ab, ob diese Auffassung rechtlich zutrifft oder nicht. Eine Aufhebung der Patente wäre ein schwerer Schlag gegen die Biotech-Industrie.


Gen-Therapie

In Gentherapie wurden und werden grosse Hoffnungen gelegt, um dereinst Krankheiten gezielt bekämpfen zu können. Diese Hoffnung war ebenfalls ein wichtiger Aspekt, der zur Ablehnung der Genschutz-Initiative führte. Bezüglich des Zeitpunktes, wann diese Therapieerfolge geschehen werden, ist man aber realistischer geworden: Bedeutende Erfolge werden erst in den kommenden Jahren erwartet. Heute laufen klinische Versuche zur Gentherapie bereits an mehreren tausend Menschen. Ein Bericht der Technikfolgenabschätzung, der heute/gestern vorgestellt wurde spricht ihr deshalb auch das Potenzial zu, in Zukunft nicht nur Symptome zu lindern, sondern auch Krankheiten von Grund auf kurieren zu können. Im Bereich der Diagnose setzen sich gentechnische Methoden zudem immer stärker durch. Mittels Gen-Chips sollen beispielsweise dereinst tausende Gene gleichzeitig analysiert werden können. Die rasanten Fortschritte in der DNA-Analyse lassen rechtliche Fragen (z.B. Dürfen Versicherungen Gentests verlangen?) dringender werden. Ein entsprechendes Gesetz ist in Vorbereitung. Die Vernehmlassung ist Ende März abgeschlossen worden und grösstenteils auf Zustimmung gestossen. Die wachsende Kluft zwischen der Fähigkeit, Krankheiten vorhersagen zu können und jener, sie auch heilen zu können, wird aber bis auf weiteres das Grundproblem der Gen-Medizin bleiben.

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