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Technikfolgenabschätzung – ohne Ethik geht es nicht

Die Krise des technischen Fortschrittsideals prägt das zu Ende gehende 20. Jahrhundert. Technikfolgenabschätzung (TA) soll dazu dienen, vor unerwünschten Entwicklungen zu warnen. Eine Nationalfonds-Studie stellt klar, dass ethische Überlegungen untrennbar mit dem Prozess der Folgenabschätzung verbunden sind. Die Partizipation der Bürger an der TA ist obligatorisch, so die Studie.

Die Einbettung neuer Technologien in die Gesellschaft ist heutzutage kein Zuckerschlecken. Anschauungsunterricht bieten die Anwendungen der Gentechnik: Obwohl selbst die Wissenschaftler mit grösserer Vorsicht als bei der Nukleartechnik – erinnert sei an die 1975 stattgefundene Asilomar-Konferenz – an die Entwicklung dieser Technologie herangingen, ist die Skepsis der Bevölkerung gross. Insbesondere Anwendungen der Gentechnik in der Landwirtschaft und der damit produzierte „Genfood“ stossen auf anhaltenden Widerstand.

In der Diskussion um die Gentechnik zeigt sich die derzeitige Krise des technischen Fortschrittsideals in ihrer markantesten Schärfe. Erste Krisensymptome lassen sich am Beginn der Umweltdebatte in den 60er Jahren ausmachen. In diese Zeit fällt auch der Startpunkt einer spezifischen Antwort auf die Kritik an unerwünschten Folgen technischer Entwicklungen: Technikfolgen-Abschätzung (Technology Assessment, TA). Die TA wurde Ende der 60er Jahre in den USA entwickelt und fand dort ihre erste institutionelle Ausprägung durch das Office of Technology Assessment, das nach dem entsprechenden Beschluss des US-Kongresses von 1972 eingerichtet, 1995 aber wieder aufgelöst wurde. In verschiedenen europäischen Ländern folgte die Einrichtung vergleichbarer Institutionen. In der Schweiz hat der Bundesrat 1992 den Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierat (SWTR) beauftragt, ein System der TA aufzubauen. Das Programm TA beim SWTR soll einerseits Politiker beraten, andererseits die Öffentlichkeit informieren und die öffentliche Debatte anregen.

TA als Frühwarnsystem

Eine wichtige Aufgabe der TA ist es, gesellschaftliche Auswirkungen neuer Technologien frühzeitig und möglichst umfassend zu untersuchen. Will man dies erschöpfend tun, so durchläuft die TA vier Schritte: Sie beginnt mit einer Analyse des Standes der interessierenden Technik. Danach folgt eine Abschätzung von zu erwartenden Folgen und Alternativen. Der dritte mögliche Schritt ist die Beurteilung dieser Folgen und Alternativen sowie viertens die Ableitung von Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Vor allem die Schritte drei und vier werden kontrovers diskutiert: Aufgrund welcher Werte soll beurteilt werden und was passiert, wenn verschiedene Werthaltungen aufeinander prallen? Manche TA-Ansätze beschränken sich deshalb darauf, Szenarien zu formulieren. Konsens herrscht dahingehend, dass vorbereiten von Entscheidungen und nicht entscheiden selbst die Aufgabe von TA ist.

Manche bestreiten aber, das TA überhaupt einen massgeblichen Einfluss auf die Entwicklung von Technologien hat. Es geht dabei um das Problem der Festlegung des Zeitfensters, innerhalb welchem TA erfolgreich – also wirkungsvoll im Sinn der Verhinderung unerwünschter Auswirkungen – zum Einsatz kommen kann: Je neuer eine Technologie ist, desdo hypothetischer und damit angreifbarer ist die Folgenanalyse. Ist eine Technologie hingegen schon weit fortgeschritten, erscheinen die Sachzwänge umso drückender, was die Formulierung von Alternativen zur Farce werden lässt. In dieser Sichtweise hat TA die Rolle einer bedeutungslosen und kaum wahrgenommenen Kommentatorin des Unvermeidlichen.

Wer wertet?

Nebst dieser grundsätzlichen Kritik zeigte sich im Laufe der Praxis von TA, dass Bewertungsfragen in den Vordergrund traten: Der Einbezug von Expertenwissen allein reicht nicht aus und es stellt sich die Frage, wie Bewertungen in die Methode der TA eingebunden werden sollen. In diesen Kontext ist die am vergangenen Freitag in Zürich vorgestellte Nationalfondstudie „Technikfolgenabschätzung und Ethik“ von Barbara Skorupinski (Mitarbeiterin des Ethik-Zentrum der Universität Zürich) und Konrad Ott (Professor für Umweltethik an der Universität Greifswald) zu stellen.

Die 1994 lancierte und 1995 begonnene Studie hat sich die Klärung des Verhältnisses von TA und Ethik zum Ziel gesetzt. Zum einen wurden dazu in einem theoretisch-normativen Teil begriffliche Klärungen und Reflexionen unternommen. Zum anderen wurden insgesamt sechs TA-Projekte aus verschiedenen europäischen Ländern aus dem Bereich Biotechnologie einer umfassenden empirischen Untersuchung unterzogen. Basierend auf diesen Überlegungen haben die Autorin und der Autor Module entwickelt, welche Bestandteil eines TA-Verfahrens sein können bzw. sein sollen. Die fünf Jahre dauernde Studie, angesiedelt im Modul „Biosicherheit“ des Schwerpunktprogramms Biotechnologie des Schweizerischen Nationalfonds, ist damit weit umfangreicher geworden als ursprünglich geplant, erklärte Skorupinski auf Anfrage.

Laienbeteiligung ist Pflicht

Es lassen sich zwei Kernaussagen der Studie herausschälen: Zum einen halten Skorupinski und Ott fest, dass sich Fragen der Technikfolgenabschätzung nicht von ethischen Fragen loslösen lassen. Sie stützen diese sogenannte Wertimplikatsthese sowohl auf theoretische Reflexionen als auch auf die umfassende Analyse der diversen TA-Projekte: dort zeigt sich, dass – teilweise auf subtile Weise – Bewertungen in mehrfacher Hinsicht kontinuierlich auftauchen. Insbesondere die Rede von Risikoeinschätzung und Risikobeurteilung geht einher mit einer Vielzahl von Bewertungen. Diese sollen aber nicht den Experten überlassen werden, so die Studie.

Zum anderen verlangen TA-Verfahren notwendigerweise Partizipation. Dies ist eine naheliegende Konsequenz der Wertimplikatsthese: Da Bewertungen auf allen Stufen des TA-Verfahrens reinspielen und Werthaltungen innerhalb der Gesellschaft eben verschieden sind, müssen die „Repräsentanten der Werte“ teilnehmen können. Die Autoren wünschen sich, dass diese Mitwirkung in möglichst freien Diskussionen geschieht, so dass alle Ansichten zur Sprache kommen können. Insofern ist TA ein Anwendungsbereich der sogenannten Diskursethik.

So ergibt sich als wichtige Folgerung aus der Studie, dass eine „wertbewusste“ TA die Beteiligung von Laien obligatorisch einschliessen muss. „Man kann den Laien durchaus zutrauen, dass sie wissenschaftliche Kontroversen verstehen“, meint Ott. Zudem wünschen sich Skorupinski und Ott, dass auch unter den Experten innerhalb der TA eine Auseinandersetzung über wissenschaftliche Meinungsverschiedenheiten stattfindet. Damit soll deutlich gemacht werden, aufgrund welcher Voraussetzungen unterschiedliche Gutachten zu demselben Problem (Beispiel: „Tötet Genmais Florfliegen?“) bestehen.

Für die Autoren steht somit fest: Die Beachtung unterschiedlicher Werthaltungen – indem Mehrheits- und Minderheitsvoten bei der Laienpartizipation formuliert werden – und die Offenlegung wissenschaftlicher Meinungsverschiedenheiten erhöhen die Qualität des Verfahrens und die Glaubwürdigkeit der TA-Institution. Die Resonanz in den Medien und die Beachtung der Ergebnisse eines TA-Verfahrens durch die politischen Entscheider steigt damit. Insbesondere ist das Verfahren nicht gescheitert, wenn sich die Laien nicht einigen können. Offengelegte Meinungsverschiedenheiten tragen dazu bei, dass Vor- und Nachteile von technischen Entwicklungen besser beurteil werden können.

Problematische Schweizer Studie

Im Licht dieser Thesen lassen sich kritische Anmerkungen zu bereits durchgeführten TA-Projekten machen. Im empirischen Teil haben Skorupinski und Ott unter Anderem die beiden Schweizer TA-Projekte „Neue Biotechnologie – Perspektiven für die Schweiz: Fakten und Optionen, Biotechnologie und Lebensmittel“ (1996) und das PubliForum „Gentechnik und Ernährung“ (1999) untersucht. Die Studie von 1996 erfüllt dabei die Bedingungen von Skorupinski und Ott in mehrfacher Hinsicht nicht. Insbesondere stellen sie fest, dass Handlungsoptionen in Bezug auf Alternativen zur Biotechnologie sowie die Frage nach möglichen Risiken gar nicht einbezogen wurden. Diese Probleme werden dahingehend relativiert, dass diese Studie als Pilotprojekt für TA in der Schweiz betrachtet wurde. In weit besserem Licht wird das Schweizer PubliForum „Gentechnik und Ernährung“ dargestellt. Das Erfordernis der Laienbeteiligung und damit der Beachtung der Wertvorstellungen der „normalen Bürger“ in solche Verfahren wird hier eingelöst.

Von Seiten des SWTR stösst die Studie auf grosses Interesse. Sergio Bellucci, Leiter des TA-Programms des SWTR und Kommentator der Studie, erklärt am Freitag, man stimme den Folgerungen der Studie zu und werde die Anregungen bei der künftigen Ausgestaltung von TA-Programmen verstärkt beachten. Der Rolle der Ethik werde zudem schon jetzt Aufmerksamkeit geschenkt, indem bei den laufenden TA-Projekten immer auch Ethiker eingebunden würden. Bellucci räumt ein, dass die in der Studie geübte Kritik an den untersuchten Schweizer Projekten berechtigt ist, gibt aber zu Bedenken, dass das TA-Programm aus den Fehlern gelernt habe. Er wendet sich auch gegen die Ansicht, TA-Programme könnten den Lauf des technischen Fortschritts sowieso nicht beeinflussen. So habe man trotz der Ablehnung der Genschutz-Initiative 1998 im letzten Jahr das PubliForum „Gentechnik und Ernährung“ durchgeführt und damit genau jene Debatte um Genfood mitgetragen, welche bis heute nicht verklungen ist und Auswirkungen auf die Akzeptanz der Gentechnik habe

Die anderen drei Kommentatoren zweifelten hingegen an der unbedingten Notwendigkeit der Laienbeteiligung in der TA. Armin Grunwald etwa, Professor am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemforschung in Karsruhe, geht zwar mit den Autoren einig, dass bei eigentlichen Wertkonflikten – beispielsweise bei der Xenotransplantation – auch die Stimme des „Normalbürgers“ gehört werden muss. Hingegen gebe es auch zu beurteilende Technikfolgen, bei denen kein derartiger Streit um Werte vorliege. Dies sei der Platz für „klassische TA“ ohne Laien.

Othmar Käppeli vom BATS (Biosicherheitsforschung und Abschätzung von Technikfolgen des SSP Biotechnologie des Nationalfonds) sieht in der Trennung von Meinungsbildung und Bewertung eine angemessenere Form der TA für die Schweiz. Die direkte Laienbeteiligung (etwa in Form der PubliForen) sei in einem direktdemokratischen System weniger wichtig als in einer repräsentativen Demokratie. Aufgabe der TA sei es vielmehr, vertrauenswürdige Entscheidungsgrundlagen vorzulegen und dabei auch wissenschaftliche Meinungsverschiedenheiten zu beachten.

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