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Das Gehirn und das Göttliche

Die Neurowissenschaft gehört zu den am schnellsten wachsenden Forschungsgebieten. Welche Auswirkungen haben die Erkenntnisse der Hirnforschung auf religiöse Fragen?

Die Neurowissenschaft ist ein weites Feld: Sie umfasst die Untersuchung des anatomischen Aufbaus und der Funktion des Nervensystems und der Sinnesorgane, die Analyse einzelner Nervenzellen (Neuronen) und deren Genetik, die Suche nach neuen Therapien für Hirnkrankheiten und auch die Entwicklung von Technologien basierend auf den Erkenntnissen der Hirnforschung. Je weiter diese Wissenschaft voranschreitet, desto mehr stellen sich Fragen nach ihrem Einfluss auf grundlegende Aspekte des Menschseins. Damit sind auch die Religion und die Theologie gefordert. Im Sinn einer kurzen Übersicht will dieser Artikel auf vier Themen eingehen, welche in einem religiösen Kontext von wichtiger Bedeutung sind und durch Erkenntnisse der Hirnforschung tangiert werden können: die Seele, religiöse Erfahrungen, das Menschenbild und die Ethik. Alle vier Themen bieten Anlass für ausufernde Diskussionen und können natürlich nicht umfassend abgehandelt werden. Doch versuchen wir, wichtige Punkte herauszuarbeiten.

Die Seele

Vieles ist über den Begriff der Seele geschrieben worden. In modernen Wissenschaften wie der Psychologie und der Hirnforschung vermeidet man zwar diesen metaphysisch durchtränkten Begriff, für das religiöse Denken bleibt er aber zentral. Die Seele umfasst die Essenz des Menschen und ist Garant für seine Unsterblichkeit. Natürlich würde niemand von der Hirnforschung erwarten, die Seele im materiellen Gehirn zu finden. Dies würden Philosophen im Sinn des von René Descartes geprägten Dualismus, der deutlichen Unterscheidung zwischen Leib und Seele, als Kategorienfehler bezeichnen. Man kann sich aber die Frage stellen, welchen Stellenwert dualistische Vorstellungen für Hirnforscher haben. Würden sie einer Seele einen Erklärungswert für Vorgänge im Hirn zubilligen?

Man kann heute davon ausgehen, dass der klassische Dualismus von Descartes in der Gemeinschaft der Hirnforscher kaum Anhänger hat. Als letzter grosser Hirnforscher und bekennender Dualist gilt der 1997 verstorbene Nobelpreisträger John Eccles. Der Glaube an die Existenz einer unsterblichen menschlichen Seele ist Umfragen zufolge gerade bei den Biowissenschaftlern (also auch den Hirnforschern) am geringsten – und bei den Mathematikern am höchsten. Eine 1998 durchgeführte Umfrage unter US-Biologen ergab beispielsweise, dass nur gut 7 Prozent an die Unsterblichkeit des Menschen glaubten – und dies in einem sehr religiösen Land. Hirnforscher würden sich wohl in der überwiegenden Mehrzahl als Materialisten bezeichnen, wonach sämtliche geistigen Regungen das Resultat komplexer Interaktionen zwischen Nervenzellen sind.

Ist damit die Seele als Konzept innerhalb der Hirnforschung gestorben? Nicht unbedingt. Man muss unter Seele ja nicht notwendigerweise den unsterblichen Teil des Menschen verstehen. So hatte der griechische Philosoph Aristoteles einen Seelenbegriff entwickelt, welche die Seele als das Organisationsprinzip des Leibes versteht, die mit ihm stets verbunden ist, solange jemand lebt. Eine solche Vorstellung kann mit den Erkenntnissen der Neurowissenschaft kompatibel sein. Auch im Bereich der Neurologie könnte dem Seelenbegriff eine wichtige Rolle zufallen. Gerade im Kontext der Psychiatrie ist der Verlust des Seelenbegriffs nicht unproblematisch, wie der bekannte Zürcher Psychiater Daniel Hell ausgeführt hat (siehe Literaturhinweise), denn er liefert für den Patienten selbst einen Schlüssel für das individuelle Verständnis von geistigen Störungen.

Religiöse Erfahrungen

Die Erfahrung des Religiösen, Erhabenen und Mystischen gehört wohl zu den wichtigsten Gründen, die einen Menschen zum Göttlichen führen. Der amerikanische Psychologe William James hatte bereits vor über hundert Jahren diesen nur schwer zu beschreibenden Zuständen eine umfassende und auch heute noch lesenswerte Studie gewidmet (siehe Literaturhinweise). Die interessante Frage für die Hirnforschung ist, welche Vorgänge im Gehirn solche Erfahrungen ermöglichen. Tatsächlich interessieren sich eine Reihe von Wissenschaftlern für dieses Problem. Einerseits benutzen sie Bild gebende Verfahren, welche Aktivitätsmuster des Gehirns bei mystischen Erfahrungen oder meditativen Zuständen aufzeigen können. Andererseits können Teile des Gehirns durch starke Magnetfelder auch angeregt werden, solche Erfahrungen zu erzeugen – eine Entdeckung, die als „Gottesmodul“ in den Medien herumgeisterte.

Wie sind solche Forschungen zu bewerten? Vom (materialistischen) Weltbild der Hirnforschung sind solche Erkenntnisse nicht überraschend. Selbstverständlich muss etwas im Gehirn passieren, wenn jemand religiöse Erfahrungen macht – man spricht in diesem Zusammenhang auch von „neuronalen Korrelaten“. Viel ist damit aber nicht erklärt. Das zentrale an den religiösen Erfahrungen ist, in welchem Lebenszusammenhang sie beim Individuum auftreten. Es erscheint kaum glaubwürdig, dass ein für religiöse Fragen uninteressierter Mensch durch geeignete Hirnstimulation zum Glauben gebracht werden soll. Religiöse Erfahrungen begleiten den Menschen auf der Suche nach elementaren Sinnfragen und kommen wohl erst in einem solchen Kontext zur Geltung und Wirkmacht.

Menschenbild

Ein Menschenbild bringt zum Ausdruck, wie ein Mensch sein soll und welche Möglichkeiten man einem Menschen zutraut, sich selbst neu zu erschaffen. Für solche Aspekte besitzt die Neurowissenschaft zweifellos ein grosses Potential. Dies basiert natürlich auf der Vorstellung, dass sämtliche geistigen Vorgänge letztlich auf Prozessen im Gehirn basieren. Würde man diese Prozesse kennen im Sinn, dass man sie kontrollieren könnte, wäre damit ein fast unermesslich weites Feld für die Schöpfung eines neuen Menschen gegeben.

Die absichtlich herbeigeführte Beeinflussung von Hirnprozessen hat eine lange Geschichte, denkt man an den Jahrtausende alten Gebrauch verschiedener psychoaktiver Substanzen (Drogen). Denkbar wäre es also, dass Erkenntnisse der Hirnforschung dazu dienen könnten, geradezu „perfekte Drogen“ herzustellen. Der fliessende Übergang von Psychopharmaka zu „bewusstseinsverbessernden Substanzen“ (man denke an Prozac) ist bereits heute als gesellschaftlicher Trend deutlich erkennbar. Ein anderes Gebiet mit möglichem Aufschwungpotenzial ist die Psychochirurgie – also der gezielte chirurgische Eingriff in das Gehirn zwecks Veränderung der Psyche. Derartige Eingriffe hatten bereits Mitte des 20. Jahrhunderts eine gewisse Konjunktur. Ein Beispiel ist die Lobotomie (Leukotomie), wo man mittels Durchtrennung gewisser Nervenfasern im Vorderhirn (Frontallappen) psychische Störungen bekämpfen wollte. Solche Eingriffe werden heute kaum mehr durchgeführt, da die Erfolgsaussichten unsicher und die Nebenwirkungen oft gravieren sind. Es ist aber denkbar, dass ein genaueres Wissen über Hirnvorgänge zu einem erneuten Aufschwung der Psychochirurgie führen könnte.

Die Diskussion über gezielte Beeinflussung des Menschen durch entsprechende Eingriffe in das Gehirn ist heute immer noch sehr spekulativ, da das Wissen über die neurobiologischen Grundlagen komplexer geistiger Vorgänge weiterhin klein ist. Zudem gibt es starke theoretische Argumente, wonach das Wissen über die Gehirnvorgänge nicht unbedingt auch deren Kontrolle ermöglicht. Dennoch fordern Philosophen wie der deutsche Thomas Metzinger eine frühzeitige „Anthropologiefolgenabschätzung“ – also eine Einschätzung der Auswirkungen der Neurowissenschaften auf das Menschenbild (siehe Literaturhinweis).

Ethik

Ein Aspekt einer solchen Abschätzung betrifft sicher die Ethik. Im deutschen Feuilleton hat in den vergangenen Monaten eine Debatte über das „Verbrechergehirn“ getobt. Kann ein Verbrecher für seine Tat wirklich verantwortlich sein oder folgt er bei seinen Taten gewissermassen den in seinem Gehirn eingeprägten Spuren? Die damit verbundene Frage nach Freiheit und Verantwortung ist natürlich ein klassisches Problem, hat aber im Licht von bestimmten Erkenntnissen der Hirnforscher an neuer Brisanz gewonnen. Der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth (siehe Literaturhinweis) beispielsweise plädiert dafür, dass der Mensch in seinem Handeln gar nicht frei sei und demnach für seine Taten nicht verantwortlich sein könne. Freiheit im Handeln sei vielmehr eine Illusion, die einem das Bewusstsein vorgaukle. Unter anderem werden für dieses Argument die Experimente des amerikanischen Hirnforschers Benjamin Libet aufgeführt, wonach im Gehirn ein „Bereitschaftspotential“ für eine bestimmte Handlung bereits vorhanden ist, bevor man sich bewusst für diese Handlung entscheidet (vgl. dazu das Buch von Roth).

Die mit diesem Problem verbundenen Fragen sind beileibe nicht einfach und können an dieser Stelle kaum umfassend abgehandelt werden. Es ist aber auch unter Hirnforschern sehr umstritten, ob die Experimente, welche gegen die Willensfreiheit sprechen sollten, wirklich in diesem Sinn interpretiert werden können. Philosophen bemängeln in diesen Argumenten auch, dass ein inadäquater Begriff von Willensfreiheit angewendet werde. In diesem Sinn argumentiert beispielsweise der deutsche Philosoph Peter Bieri (siehe Literaturhinweis).

Interessant ist, dass man sich von Ergebnissen der Hirnforschung eine neue Technologie erhofft, durch welche beispielsweise technische Systeme wie Roboter weit autonomer agieren könnten als bisher. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass man durch die Neurowissenschaft dem Menschen immer mehr Autonomie absprechen will und man gleichzeitig dieses Wissen nutzen will, um autonome technische Systeme zu bauen. Auch hier stellen sich wichtige ethische Fragen. Gerade der Begriff der Verantwortung und Schuldfähigkeit dürfte im Zug der sich entwickelnden Hirnforschung deshalb zu einem wichtigen ethischen Thema werden.

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