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Der Ethiker als Verräter in der Gentech-Debatte

Person: Der Ethiker: Beat Sitter-Liver ist Generalsekretär der Schweizerischen Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften und eine prononcierte Stimme in der Diskussion um die Würde der Kreatur. An der Universität Fribourg arbeitet er zudem als Professor am Lehrstuhl für Ethik und politische Wissenschaft mit den Schwerpunkten ökologische Ethik, Naturphilosophie und Rechtsphilosophie. Ob er dereinst in der zu bildenden Ethik-Kommission des Gen-Lex-Programms seinen Platz finden wird, ist unklar. „Ich habe eine recht kritische Einstellung zu transgenen Tieren und ich weiss nicht ob das jenen passt, welche die Kommission zusammenstellen“, meint er.

Bieler Tagblatt: Sie denken auf einer abstrakten Ebene über Tiere nach. Doch welche Rolle spielen Tiere in ihrem persönlichen Leben?

Beat Sitter-Liver: Wir leben in einem Haus mit vielen Katzen und Vögeln, die wir betreuen und pflegen. Die intensivsten Erlebnisse mit Tieren hatte ich aber auf meinen Reisen in Afrika. Dort schlief ich im Busch und zuweilen kam es zu nahen, manchmal auch gefährlichen Begegnungen. Ich war zudem fast zehn Jahre lang Mitglied der Tierversuchskommission und kam dadurch auch in Kontakt mit Orten, wo Tierversuche durchgeführt werden.

BT: Inwiefern muss man von solchen Erlebnissen Abstand nehmen, will man „objektiv“ über Tiere und Ethik nachdenken?

Sitter: Es gibt in diesem Bereich keine Argumentation, die nicht von Gefühlen gefärbt ist - bei niemandem. Die Aufgabe ist dann, diese persönliche Prägung in sich zu erkennen und während der Diskussion offenzulegen.

BT: Welche Rolle haben Sie als Ethiker in dieser Diskussion?

Sitter: Der Ethiker hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Diskussion möglichst vernünftig ist. Die Interessen der Diskussionspartner müssen offengelegt werden, alle Argumenten müssen vorgebracht werden um damit die Voraussetzung für einen Entscheid zu treffen, den alle mehr oder weniger tragen können.

BT: Wie gross ist das Risiko, dass man als „Hofethiker“ auftritt?

Sitter: Das Risiko ist gross. Auch ein Ethiker ist vor den Verlockungen der Macht nicht gefeit. Zudem kann es vorkommen, dass der Ethiker ein gutes Argument formuliert und damit letztlich ein Ziel fördert, das er gar nicht will.

BT: Betrachtet man das Verhältnis der Gesellschaft zu Tieren, so ergibt sich ein seltsamer Widerspruch: Einerseits gibt es Fälle von extremer Tierliebe, etwa bei Haustieren. Andererseits gibt es die industrielle Tierproduktion, Massentierhaltung und Tierversuche. Was halten Sie von diesem Paradox?

Sitter: Wenn wir unsere Art und Weise des Existierens in dieser Welt betrachten, sind wir ständig mit Widersprüchen konfrontiert. Insofern ist die von Ihnen angesprochene Paradoxie nichts ausserordentliches. Einen Punkt möchte ich hier noch erwähnen: Oftmals wird gesagt, dass extreme Tierliebe mit Menschenfeindlichkeit einher geht. Man verweist dann auf die Tierschutzgesetzgebung der Nazis. Diese Argumentation ist absurd und dient lediglich dazu, jemanden von vornherein auf eine bestimmte Position festzunageln.

BT: Das Verhältnis der Gesellschaft zu den Tieren hat sich aber verbessert. Wir haben den Begriff der „Würde der Kreatur“ in die Verfassung aufgenommen und derzeit wird ein Gesetz erarbeitet, dass Tiere nicht mehr als Sachen gelten lassen soll...

Sitter: Diese Tendenz ist seit Mitte des letzten Jahrhunderts eindeutig feststellbar. Das hängt wohl damit zusammen, dass Tiere im modernen Leben eine ganz andere Rolle spielen als früher, als wir noch eine Agrarkultur waren. Zudem ist unsere Sensibilität Tieren gegenüber auch Teil der westlichen Zivilisation. In China und Japan beispielsweise ist das Verhältnis Tieren gegenüber ganz anders.

BT: Doch ist unser jetziges Verhältnis zu Tieren nicht viel künstlicher? An die Stelle des alltäglichen Kontaktes trat das Meerschweinchen für die Kinder...

Sitter: Ich glaube, dass gerade deswegen das Verhältnis zu den Tieren geändert hat. Über etwas, mit dem man tagtäglich konfrontiert ist, denkt man meist nicht nach. Etwas „künstliches“ wie ein Haustier hingegen ist Objekt der Zuneigung und damit auch der Reflexion.

BT: Wie kam die „Würde der Kreatur“ in die Verfassung?

Sitter: Der ganze Verfassungsartikel hat eine Geschichte (vgl. Kasten). Ursprünglich wollte man als Gegenvorschlag zur Beobachter-Initiative lediglich den Humanbereich regeln. Später kam aber das Bedürfnis, auch den Ausserhumanbereich in einem Abschnitt zu berücksichtigen. Verschiedene Kreise wollten, dass dies nicht passiert. In einem Gespräch im Von-Wattenwyl-Haus zwischen dem damals zuständigen Bundesrat und seinen Experten fiel dann offenbar der Begriff „Würde der Kreatur“. Die Industrie konnte sich damals mit diesem Begriff abfinden, hatte sie doch Angst, man würde noch mehr in den Artikel reinstecken. Meine Interpretation ist also, dass die „Würde der Kreatur“ durch einen Unfall in die Bundesverfassung kam. Viele würden es heute lieber sehen, dass der Begriff nie in die Verfassung gekommen wäre... aber er ist drin und das ist eine grossartige Errungenschaft.

BT: Was ist der Unterschied zwischen Menschenwürde und Würde der Kreatur?

Sitter: Zum ersten ist eine Gemeinsamkeit zu nennen: Beide können nicht absolut gelten. Man kann aus der Menschenwürde nicht absolute Rechte ableiten, denn die Ressourcen auf diesem Planeten sind begrenzt und Menschen stehen zueinander in einem Konkurrenzverhältnis. Schon deshalb ist es falsch zu argumentieren, man könne nicht von Würde der Kreatur sprechen, da diese in Konkurrenz zur Menschenwürde steht. In einem fundamentalen Sinn haben alle Lebewesen dieselbe Würde. Daneben gibt es eine spezifische Würde, die mit den Eigenschaften und Fähigkeiten der Lebewesen zu tun hat. Insofern hat der Mensch als denkendes Wesen eine andere Würde als etwa ein Tier.

BT: Ist die Würde der Kreatur denn mehr als eine wohlklingende Formel?

Sitter: Natürlich muss man sich darüber unterhalten, welche rechtlichen Auswirkungen dieses Prinzip hat. Dieser Prozess ist im Gang. Auf der philosophischen Ebene wiederum fragt man sich, was „Würde der Kreatur“ überhaupt bedeuten kann. Ich persönlich halte diesen Ausdruck für sehr fruchtbar.

BT: Schwingt im Wort „Kreatur“ nicht eine christlich-religiöse Komponente mit?

Sitter: Das Wort kommt zwar aus der Schöpfungsgeschichte, ist aber im Verfassungsartikel nicht so gemeint. „Kreatur“ ist das, was in der Verfassung steht: Tiere, Pflanzen, andere Organismen. Wir leben in einer säkularen Gesellschaft und deshalb muss man von der religiösen Färbung dieser Begriffe unbedingt absehen.

BT: Doch der Begriff ist nunmal religiös vorbelastet. Bedeutet „Würde der Kreatur“ denn nicht, dass man nicht zu stark in die Schöpfung eingreifen darf?

Sitter: Ich würde den Begriff „Schöpfung“ vermeiden und von Natur sprechen. Wenn wir zu stark in religiösen Bildern bleiben, laufen wir Gefahr, dass manche Menschen damit schlicht nichts mehr anzufangen wissen. Diese religiöse Neutralität ist ein Gebot der Philosophie.

BT: In der Diskussion um die Würde der Kreatur geht es meisten um Tiere. Warum werden Pflanzen und Mikroorganismen so leichtfertig beiseite geschoben?

Sitter: Viele Leute haben sicher Probleme zu sagen, Pflanzen und Bakterien hätten eine Würde. Offensichtlich besteht da eine Kluft. Die Verfassung steht auf einer biozentrischen Grundlage, die Würde der Kreatur gilt für alle Lebewesen. Dies findet im öffentlichen Bewusstsein aber noch keinen Widerhall. Menschenrechte und Tierschutz sind dort primär vertreten. Nach und nach gewinnt auch der Gedanken der Artenvielfalt an Bedeutung. In der „Würde der Kreatur“ liegt demzufolge auch ein erzieherisches Potential. Man muss deshalb erläutern, was die Würde der Kreatur bedeuten soll.

BT: Wird die Würde von Tieren verletzt, wenn man in deren Erbgut eingreift?

Sitter: Die Gen-Schutz-Initianten behaupten das. Man muss hier auf zwei Ebenen antworten. Zum einen wiederspiegelt sich hier eine Kritik am wissenschaftlichen Weltbild insgesamt. Man könnte dieses grob so charakterisieren, dass die Natur primär dazu da ist, die Existenzbedingungen für uns Menschen zu optimieren. Dazu wird die Natur analysiert und auseinandergenommen. Diese Denkweise hat sicher seine Erfolge, doch andererseits begreifen wir nicht mehr, in was für einer Welt wir eigentlich sind. Die Kritik an dieser Denkweise führt dazu, dass man unter anderem auch transgene Tiere für falsch hält. Diese Kritik an der Instrumentalisierung des Tieres ist sicher zu diskutieren.

Zum anderen wird behauptet, dass der Eingriff in das Erbgut eines Tieres selbst schon dessen Würde verletzt. Hier liegen eine Reihe von Problemen verborgen. So kann man nicht behaupten, der Eingriff in das Erbgut sei ein Eingriff in das Wesen des Tieres. Das Erbgut ist nur ein Aspekt, der das Tier zu dem macht, was es ist. So glaube ich nicht, dass der Eingriff per se schon die Würde des Tieres verletzt. Man muss untersuchen, was mit dem Eingriff erreicht werden will.

BT: Transgene Tiere kann man aber nicht einfach so erzeugen. Dabei entstehen viele „Abfalltiere“. Inwiefern ist das moralisch relevant?

Sitter: Dieser Aspekt ist sehr wichtig. Deshalb reichen die pure Neugier oder rein wirtschaftliche Interessen nicht, dass man so viele Tiere „verbrauchen“ darf, bis das gewünschte transgene Tier da ist.

BT: Wann ist Ihrer Ansicht nach ein transgenes Tier moralisch akzeptabel?

Sitter: In nur einem Fall: Wenn es darum geht, ein transgenes Tier für ein definiertes therapeutischen Ziel zu produzieren. Doch auch hier stellt sich eine Frage. Das Argument, für medizinische Forschung sei alles erlaubt, klammert die Reflexion über die eigene Endlichkeit aus. Wir sind hier, um zu sterben. Doch man versucht alles, damit nicht gestorben werden muss. Über diesen Aspekt muss man vermehrt nachdenken. Dazu kommt ein zweiter Punkt: Rechtfertigt sich ein Milliardenaufwand, um nur wenigen Menschen zu helfen? Denn unsere Ressourcen sind endlich und es stellt sich auch die Frage nach deren Verteilung. Auch dieser Aspekt muss vermehrt Beachtung finden.

BT: Reduziert sich damit die Diskussion um transgene Tiere auf die bekannte Tierversuchs-Debatte?

Sitter: Ganz neu ist die Diskussion sicher nicht. Die in der Tierversuchs-Debatte entwickelten tierethischen Prinzipien sind dieselben. Neu ist die Tiefe des Eingriffs. Das Erbgut eines Tieres ist immerhin ein wichtiger Aspekt von dessen Natur.

BT: Wie beurteilen sie generell die jetzige Debatte um die Gen-Schutz-Initiative?

Sitter: Ein Bekannter von mir hat mal gesagt, es gebe nur drei Positionen: Jene, die dafür sind, jene, die dagegen sind und die Verräter. Ich befürchte, er hat recht. Es gibt ganz unglaubliches, so etwa, wenn die Gegner der Initiative diese als „Gen-Verbots-Initiative“ bezeichnen. Vom Standpunkt der PR sicher gut, doch ein absoluter Unsinn! Noch man sollte nciht das Niveau einer Diskussion beklagen, sondern seinen Beitrag dazu leisten, dass es besser wird.

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