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Reiseziel Israel: Tel Aviv und Jerusalem: Der Friedensprozess verdeckt die Widersprüche nicht

Israel: Kaum ein anderes Land erscheint öfters in den Schlagzeilen der Weltpresse. Der junge Staat im Nahen Osten ist aber auch ein Reiseziel voller Widersprüche, die sich in den Städten Tel Aviv und Jerusalem manifestieren. Im kommenden „heiligen“ Jahr 2000 wird Israel voraussichtlich eine noch nie dagewesene Touristenflut erleben.

Beinahe ausgestorben sind die Strassen um neun Uhr nachts in Tel Aviv. Diese Ruhe im „New York des Nahen Ostens“ ist aber lediglich die Ruhe vor dem Sturm. Noch sind die Leute am Schlafen, Schminken, Einkleiden. Keine zwei Stunden später überquellen die Strassen von Leben. Keine dreissig beträgt das Durchschnittsalter in Israel – und das merkt man. Eine ungebändigte Lust am Feiern ergreift die Stadt in der Nacht. Man flaniert, plappert in omnipräsente Mobiltelefone, trinkt, tanzt auf den Strassen und in den Clubs. Von diesen scheint es unzählige zu geben, doch sie kommen und gehen – manche überleben nur wenige Monate. Bis in den Morgen geht der kollektive Festtaumel in den Gassen um die Allenby- und Sheinkin-Strasse, ständig auf der Suche nach der neusten In-Bar. Bevorzugter Abend ist der Freitag (Sabbat-Abend). Am Samstag sind die Läden tagsüber grösstenteils geschlossen.

Tatsächlich erinnert vieles an New York: Der Geruch in den Strassen, zuweilen die paar becherschüttelnde Bettler, die nahen Hochhaus-Neubauten. Es kann vorkommen, dass um drei Uhr morgens ein Kleinbus hält, religiöse Juden wie tanzende Derwische untermalt von einer Art Religions-Techno aus dem Wagen hervorpreschen und wild herumhüpfend ihre Pamplete verteilen – Verrückte eben, wie in New York.

Keine Frage, die Metropole am Mittelmeer ist Heimstätte des „anderen Israels“, der Künstler und Lebenskünstler – ein Residuum der Freiheit inmitten einer Region, die sich sonst mit Intoleranz und Terror den Weg ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit bahnt. Die globalen Trendsetter haben die Stadt zu einem ihrer Lieblinge erkoren, junge Menschen aus aller Welt finden sich ein in Tel Aviv, sonnen sich über Mittag an den (überraschend sauberen) Sandstränden der Stadt. Am Abend kann man dem wunderbaren Strandweg hinunter nach Jaffa flanieren, einst eine arabische Stadt, heute ein Teil des Grossraums Tel Aviv. Jaffa selbst ist bezaubern beschaulich. Alt und verschachtelt ummantelt es einen Hügel an der Küste – ein wohltuender Kontrapunkt zum hektischen Tel Aviv.

Wie wenig entfernt sich schon allein geographisch die Widersprüche in diesem Land sind, zeigt sich nach der rund einstündigen Busreise (Busse sind das beste Transportmittel in Israel) von Tel Aviv nach Jerusalem. Die über dreitausend Jahre alte Stadt, Schnittstelle der drei Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam, ist erfüllt vom Geruch religiöser Überzeugungen. Eng und ständig überfüllt sind die Gassen der Altstadt, wo sich Basar an Basar reiht und geschäftstüchtige Händler trickreich ihre Ware verhöckern. Serbisch-Orthodoxe Popen drängeln durch Gruppen von Nonnen, orthodoxe Juden in schwarzen Gewändern schlagen sich zur Klagemauer durch, um die Zerstörung des zweiten Tempels zu beweinen und für den Bau des Dritten zu hoffen.

Dessen Aufbau sollten sie aber tunlichst unterlassen, denn inzwischen ist der Tempelberg fest in mohammedanischer Hand und (unter anderem) Standort der Al Aqsa-Moschee, eines der wichtigsten Heiligtümer des Islam. Die gemeinsamen Wurzeln der drei Weltreligionen manifestieren sich im Felsendom. Dieser umschliesst einen für alle drei Religionen bedeutsamen Felsen, der Ort der Versuchung Abrahams und der Himmelfahrt des Propheten Mohammed. Nördlich vom Tempelberg führt die Via Dolorosa vorbei, dem Leidensweg von Jesus und heute ein Muss für alle christlichen Pilger. Angesichts diesem Aneinanderkleben der Religionen in Jerusalem sind die israelische Armee und Polizei natürlich auf höchste Sicherheit bedacht: Kontrollposten an den neuralgischen Punkten und ständige Patrouillen gehören zum Strassenbild.

Jerusalem selbst wird nie an das urbane Flair von Tel Aviv herankommen. Zu präsent ist der Einfluss des Religiösen und der Jahrtausende, welche diese Stadt gesehen hat. Ein beklemmendes Beispiel bietet das Viertel der ultra-orthodoxen Juden, Mea She’arim. Schilder warnen vor unzüchiger Kleidung, karg sind die Auslagen der Geschäften. Schwarz gekleidet die Männer und die Hinterhöfe voller Kinder, denn Gott sprach "seit fruchtbar und mehret euch“.

Natürlich gibt es auch das weltliche Jerusalem: die Bezirke im Westen, Sitz der Regierung und der Hebräischen Universität. Und es gibt auch das geteilte Jerusalem: Seit dem 6-Tage-Krieg von 1967 ist auch Ost-Jerusalem in israelischer Hand. Eine unsichtbare Linie trennt aber den arabischen Stadtteil vom Rest Jerusalems. Yassir Arafat würde dort dereinst gern die Hauptstadt Palästinas proklamieren – was Israel kategorisch ausschliesst. Für die Palästinenser ist Ost-Jerusalem denn auch ein grosses Gefängnis, dessen Türen Israel schliessen kann, wenn es will. Touristen nehmen diesen Aspekt erst dann wahr, wenn sie in die Autonomiegebiete reisen (siehe Text unten).

Der Tourismus ist für Israel die Hauptdevisenquelle – eine Quelle, die im kommenden Jahr noch ergiebiger fliessen soll, als sonst. Angesichts des vom Papst ausgesprochenen „heiligen Jahrs“ erwarten die Tourismus-Verantwortlichen einen Ansturm von gegen vier Millionen Reisenden – fast doppelt so viel wie 1998. Mit einer hektischen Bautätigkeit bereitet man sich auf die Massen vor, stehen zur Zeit doch nur knapp 50'000 Betten im Land zur Verfügung. Die Regierung hofft auf die Schaffung von bis zu 50'000 Arbeitsplätzen und auf ein Wirtschaftswachstum von gut drei Prozent. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass der Friedensprozess wieder in Gang kommt. Denn Sicherheit ist eine unabdingbare Voraussetzung für den Tourismus. Israel selbst lebt seit Jahrzehnten mit der terroristischen Gefahr: Das Militär gehört zum Strassenbild und das Herumliegenlassen von Rucksäcken sollte man wirklich vermeiden – sie werden für potentielle Bomben gehalten und in der Regel gesprengt.


Palästina: Hoffen auf den Tourismus

Auch wenn Palästina mehr Flickenteppich denn Staat ist: Die Behörden hoffen, vom Touristen-Boom des kommenden Jahres profitieren zu können. Impulse hat die palästinensische Wirtschaft auch bitter nötig.

Die palästinensische Trumpfkarte heisst Bethlehem: Der Geburtsort von Jesus wird voraussichtlich im Jahr 2000 von christlichen Pilgern überschwemmt werden. Darauf bereitet sich die Stadt mit einem noch nie dagewesenen Bauboom vor: rund 100 Millionen Dollar werden investiert, die Stadt gleicht einer einzigen Baustelle. Es ist die grosse Chance für Palästina, sich im internationalen Tourismusgeschäft profilieren zu können. Denn bisher hat einzig Israel das Label „Heiliges Land“ besetzt und vom Geld, das die Touristen hineinbrachten, profitiert.

Natürlich kämpfen die Palästinenser noch mit ganz anderen Probleme, welche Touristen nur wenig zu spüren bekommen. Die Einreise in die Autonomiegebiete ist für diese nämlich problemlos möglich, währenddem die Palästinenser für jede Überquerung von israelischem Territorium – und das ist angesicht der zerstückelten palästinensischen Gebiete unumgänglich – eine Bewilligung brauchen. Ob sie diese bekommen oder nicht, ist offenbar von behördlicher Willkür abhängig, wie aus Gesprächen mit Palästinensern hervorgeht – und auf dieses Thema wird man bei einem solchen Meinungsaustausch früher oder später immer stossen.

Derzeit besetzen die Palästinenser nur touristische Nischen. Eine solche befindet sich in Jericho, dem Standort des Casinos „Oasis“. In Israel selbst sind Casinos verboten, und so pilgert eine Heerschar meist reicher Israelis in den Prunkbau inmitten der Wüste und lässt dort ihr Geld liegen. Manche Palästinenser sind mit dieser Art Gelderwerb gar nicht zufrieden. Sie halten sie (wie manche auch bei uns) für unmoralisch und gottlos. Ein erster Anlauf für die Errichtung des Casinos scheiterte denn auch, als aber die internationale Kette „Austria Casino“ ins Projekt einstieg, wurde es realisiert. Palästinensern ist übrigens der Zutritt nicht erlaubt. In der Praxis wird aber das Verbot nicht aufrecht erhalten. Arbeiten wiederum dürfen nur Palästinenser im Komplex. Der Betreiber will damit sicherstellen, dass die palästinensische Wirtschaft von Casino profitiert. Doch ganz sauber läuft die Verteilung dieser Jobs auch nicht ab. Bewohner von Jericho klagen, dass man nur via Beziehungen zu den Autonomiebehörden zu den lukrativen Stellen kommen könne.

Trotzdem, der schillernde Casino-Komplex neben dem noch nicht fertiggestellten Hotelbau inmitten der Wüste beim Toten Meer lässt Erinnerungen an Las Vegas aufblitzen. Robert – so stellt sich kollegial einer der sieben Österreicher vor, der für das Casino arbeitet – hält diese Vision durchaus für gerechtfertigt. „Jericho wird nicht so gross werden, wie Las Vegas, doch Oasis wird wohl nicht das einzige Casino hier bleiben“, meint er.

Natürlich hat Jericho – sich selbst als „älteste Stadt der Welt“ preisend – noch mehr zu bieten. Bereits der Weg von Jerusalem nach Jericho ist eine beeindruckende Strecke, führt sie doch von einer Höhe von 800 Meter über mehr auf eine „Tiefe“ von fast 400 Metern unter dem Meeresspiegel. Die Oase inmitten der Wüste ist bewohnt von stolzen Menschen, immerhin war Jericho die erste Stadt, die in die Autonomie entlassen wurde und heute – neben Gaza Stadt und Ramallah – Sitz der Autonomieregierung. Die Ruinen des alten Jericho erinnern zwar mehr an einen Schutthaufen. Die touristische Infrastruktur wird aber langsam aufgebaut, in Erwartung einer besseren Zukunft. Manche Sehenswürdigkeiten, so die nahegelegene Stelle am Jordan, wo Johannes Jesus getauft hat, unterliegen aber weiterhin israelischer Kontrolle und können bis auf weiteres nicht besucht werden.

Ein touristisches Ziel sollten sich Palästina-Reisende aber nicht entgehen lassen: die Stadt Ramallah, gut eine halbe Stunde von Jerusalem entfernt (am besten mit dem Taxi, Abfahrt am Damaskus-Tor). In der gut 40'000 Einwohner zählenden Stadt entwickelt sich das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum der Palästinenser – auch eine Folge der nahegelegenen Birzeit-Universität und aus den USA zurückkehrender Palästinenser. Die Stadt könnte das Tel Aviv der Palästinenser werden, liberal und weltoffen, mit einem immer breiter werdenden Angebot an Kultur und Nachtleben.

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