Textversion für blinde und sehbehinderte Personen sitemap
Home Textraum Hochzeit Arbeit Forschung encyclog

Akademisches Tagebuch

Das akademische Tagebuch umfasst chronologisch geordnete Notizen von Seminarien, Veranstaltungen etc., welche ich besucht habe (die letzte Notiz ist jeweils zuoberst). Die Notizen betreffen entweder direkt die vorgestellten Themen, oder auch Ideen und Anregungen aufgrund des Gehörten - wobei ich im Text nicht zwischen diesen beiden Aspekten unterscheide. Hier findet sich jeweils das Tagebuch des aktuellen Jahres.

Die Notizen sind skizzenhaft und erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit bzw. korrekte Widergabe des Gesagten. Sie können durchaus auch Unverständnis, Begriffstutzigkeit und Vorurteile meinerseits ausdrücken. Es soll sich demnach niemand beleidigt fühlen, wenn ich seine oder ihre Gedanken falsch dargestellt habe.

  Frühere Tagebücher:

 

 


25. März 2013: Vortrag Panksepp

Jaak Panksepp spricht zur affektiven Neurowissenschaft bzw. der Bedeutung von Emotionen für den Geist (der Tiere). Er plädiert dafür, dass die Frühformen von Bewusstsein emotional gewesen sind, also das Bewusstsein, dass etwas gefällt oder nicht gefällt. Er spricht von Emotionen ohne propositionalem Gehalt – deshalb verwendet er auch in seinen Texten Grossbuchstaben für diese Emotionen. Sein Interesse gilt insbesondere sadness und play. Einige kurze historische Bemerkungen: als er 1971 Professor wurde, ist durch den Einzug der Verhaltenswissenschaftler in die Neurowissenschaft diese völlig „kognitiv“ geworden, Emotionen interessierte niemanden (Skinner bezeichnete 1953 Emotionen als „fictions“). Seine basalen Emotionssysteme sind: SEEK, RAGE, LUST, CARE, PANIK, FEAR, PLAY. Diese primary processes sind subkortikal, sie treiben sekundäre Prozesse (unbewusst; upper limbic system) und diese dann die kognitiven Prozesse (kortikal). Er bringt Beispiele seiner Erforschung des PLAY Systems, das Anhaltspunkte für neue Antidepressiva bringt (siehe dazu Brugdoff, Panksepp, Moskal, Neurosci Biobehav Rev).
 

 


21. März 2013: Drohnen-Konferenz

Ich besuche nur den dritten Tag der Konferenz „The Ethical, Strategic & Legal Implications of Drone Warfare“ des Kroc Institute von Notre Dame. Die heutigen Themen sind Strategie und Menschenwürde. Sehr interessant waren die Ausführungen von General James E. Cartwright. Er erläutert, dass der Einsatz von Rechenkraft alle Bereiche der Kriegsführung fundamental verändert – Drohnen sind nur ein Teil davon. Ein Aspekt, wo sich die Veränderung zeigt, sind gewissermassen die Grössenskalen: Im Zweiten Weltkrieg operierte man strategisch noch auf der Ebene von Armeen, im Vietnamkrieg auf der Ebene von Brigaden und heute auf der Ebene kleiner Einheiten (Platoons und dergleichen). Generell sind weniger Soldaten involviert, die dann aber technologisch hochgradig ausgerüstet sind. Ein zweites Element der Veränderung betrifft die Plattformen, bzw. Waffensysteme. Deren Entwicklung dauerte früher in der Grössenordnung von 5-6 Jahre, jetzt sind es fast schon Jahrzehnte – man denke etwa an das neue Kampfflugzeug F35 (Startschuss war 1979). Das Problem hier ist, dass sich die Armee gegenüber den Gegnern in der asymmetrischen Kriegsführung in einem Kostenwettlauf befindet, der nur verloren werden kann. Einfache Angriffs-Massnahmen wie z.B. Bomben am Strassenrand verlangen einen hohen Bedarf zum Schutz der wenigen, wertvollen Soldaten: z.B. Mehr Panzerung, das heisst dann auch mehr Treibstoff, der wiederum ist sehr teuer in Kriegszonen (eine Gallone in Afghanistan kostet 400 Dollar) etc. Der Einsatz von Drohnen und unbemannten Systemen ist demnach schlicht aus Kostengründen nötig. Die Digitalisierung zeigt sich aber auch andernorts: Früher wurden zwar auch grosse Datenmengen z.B. in der Aufklärung erzeugt – es handelt sich dabei aber um analoges Material. Im ersten Golfkrieg (?) brauchte eine Aufklärungs-Einheit (?) rund 70 Mann zur Sichtung und Auswertung des Bildmaterials. Heute geschieht die Vorauswertung weitgehend maschinell, weil die Bilder digitalisiert sind. Ein weiterer wichtiger Punkt: vollständig autonome Kampfsysteme sind weitgehend unbrauchbar und auch nicht das Ziel des Militärs. Vielmehr geht es darum, den „man in the loop“ an der richtigen Stelle einzusetzen, so dass das Gesamtsystem Mensch-Technologie optimal funktioniert. Es geht um ein technisches Enhancement der Kämpfer z.B. hinsichtlich Sinn, Ausdauer, Freund-Feind-Erkennung. Computer sind dem Menschen in der Verarbeitung grosser Informationsmengen sowie als schlichte Korrelations-Lerner dem Menschen überlegen, Menschen sind in der symbolischen Informationsverarbeitung dem Computer überlegen (d.h. im Erkennen von Bedeutungen). Hauptforschung heute ist demnach die Gestaltung des Man-Machine-Interfaces derart, dass beide Stärken optimal kooperieren können. Und insbesondere das Optimieren dieser Zusammenarbeit kann nicht an Maschinen delegiert werden. Drohnen sind nun ein exemplarisches Beispiel, um diese Entwicklung zu illustrieren. Die Reaper-Drohnen sind dabei nur ein eher unwesentlicher Teil. Fakt ist, dass taktische Drohnen heute dauernd im Einsatz sind und es den Soldaten erlauben, via iPad beispielsweise zu schauen, wie das Schlachtfeld heute aussieht, wo man Feindkontakt erwarten kann, wer hinter einer Mauer ist. Man holt nicht mehr ein Kampfflugzug für spezifische Einsätze, man hat Dauerüberwachung. Das kostet rund 10 mal weniger und bringt dennoch viel mehr. Dies verändert natürlich das Verhalten des Feindes – aber auch der eigenen Soldaten, die unter der Bedingung kämpfen, dass sie ständig beobachtet werden und dass alles, was sie tun, aufgezeichnet wird (ein enorm wichtiger Punkt, hier nachhaken: Verantwortlichkeiten bei Kriegsverbrechen; was genau verändert sich? etc.). Dies hat auch Auswirkungen auf die Verluste. Afghanistan ist offenbar der erste Krieg, in der die Alterskohorte der 18-35 Jahre alten Männer im Kriegsverlauf bei der betroffenen Bevölkerung zugenommen hat.

Danach spricht Peter Bergen von der New America Foundation (er soll vor zwei Jahren etwas in Foreign Affairs zum Thema veröffentlicht haben, nachprüfen). Er spricht über das CIA-Drohnenprogramm. 2002 wurde erstmals zugeschlagen, unter Bush (in acht Jahren) gab es insgesamt 49 strikes vorab gegen Al Kaida, unter Obama 301, verstärkt generell gegen die Taliban – also alle vier Tage. Drohnen sind die bevorzugte Waffe Obamas. Unter Obama starben 3300 Personen (Kollateralschaden?) durch Drohnenschläge, ironischerweise deutlich mehr als Bush insgesamt nach Guantanamo geschickt hat. Derzeit ist der Jemen ein neuer Fokus des CIA-Programms, die meisten Schläge wurden aber im tribal land von Pakistan ausgeführt, das de fakto nicht unter staatlicher Kontrolle Pakistans steht. Die relevanten Zahlen finden sich in der Datenbank der New America Foundation, dort nachschauen. Die Daten weisen darauf hin, dass die Drohnenschläge generell immer präziser werden. d.h. weniger Kollateralschaden (Bergen: es sei ein Mythos, dass Drohnen vorab Zivilisten töten). Auch aus den erbeuteten Aufzeichnungen von Bin Laden geht hervor, dass dieser sehr besorgt war über die Drohnenschläge und z.B. den Kämpfern vorschlug, sich in waldreiche Gebiete zurückzuziehen. Es gibt aber auch andere „Kollateralschäden“, z.B. erschiessen Taliban regelmässig Zivilisten, die im Verdacht stehen, Informationen für Drohnenschläge zu geben. Interessant ist auch die hohe Zustimmung der US-Bevölkerung zum Drohnenprogramm, nur 26% lehnen das ab. In vielen Operationsgebieten dürften die jeweiligen Regierungen heimlich ebenfalls zustimmen, dürfen dies aber öffentlich nicht sagen (z.B. Jemen: WikiLeaks hat das veröffentlicht). Heute haben mindestens 70 Staaten Drohnen, China und Russland werden sehr bald bewaffnete Drohnen haben.

Audrey Kurth Cronin spricht zur Frage, ob Drohnen strategisch das richtige Instrument sind, um die gewünschten Ziele zu erreichen – also: funktioniert dieser Ansatz? Sie fokussiert dabei rein auf die bewaffneten Drohnen. US-counterterrorism hat drei Ziele: 1) Al Kaida vernichten bzw. operationsunfähig machen; 2) die Gewalt zu den Terroristen selbst bringen, also ausserhalb der USA; 3) Schutz der US-Bevölkerung vor Terroranschlägen erhöhen. Zum Ziel 1: In der Tat ist es gelungen, wichtige Führungskräfte auszuschalten und generell die Zahl der Anschläge, die von Al Kaida ausgegangen sind, zu reduzieren. Doch die Organisation selbst ist bei weitem nicht ausgelöscht, neue Führer rücken nach, die Propagandakanäle funktionieren weiterhin, Al Kaida attackiert immer noch Zivilisten. Enthauptung als Strategie scheint also nicht ausreichend, man setzt heute auf generelle Repression. Dennoch muss man festhalten, dass Ziel 1 nicht erreicht worden ist. Zum Ziel 2: Man sieht Drohnen als effektiveren Weg an, den Krieg zu den Terroristen zu bringen (Alternativen wäre z.B. militärische Besetzung). Es ist allerdings schwierig, Ursache und Wirkung klar zu trennen (z.B. vermindern oder erhöhen Drohnenschläge die Zahl der Terroristen?), zudem sind die Effekte dieser Strategie offenbar unerwünscht. Die USA zahlen z.B. 4.3 Mrd. Dollar Entwicklungshilfe an Pakistan (wann?), doch 3/4 der Pakistani sehen die USA als Feind an. Alle Verbündeten der USA lehnen den Drohnenkrieg ab. Die Antwort zum Ziel 2 ist also uneinheitlich. Zum Ziel 3: Hier scheint es vorab um das Gefühl der Sicherheit zu gehen – Drohnen unterstützen dieses Gefühl: Die Schläge finden weit weg statt, sind risikoarm, kosten wenig, und sind effektiv. Seit 9/11 starben nur 14 US-Amerikaner durch Terroranschläge (vor Boston), in den 1990ern starben 202. Es gibt also gute Gründe anzunehmen, dass die Strategie funktioniert. Interessant ist aber dennoch, dass sich die Leute in den USA nicht sicher fühlen (obwohl sie so sicher sind, wie schon lange nicht mehr). Man muss hier auch bedenken, dass die rechtsextreme Gewalt in den USA zugenommen hat.

Michael Desch machte einige Kommentare zu den drei Vorträgen. Sein Hauptpunkt ist, dass die Alternativen zu Drohnen für die Terrorbekämpfung möglicherweise schlechter sind.

Danach spricht Micah Zenko. Er hält den Drohnenkrieg für einen neuen, eigenständigen Krieg der USA. Die Begründung der Schläge in Pakistan (gegen den eigentlichen Feind in Afghanistan) erinnert an die Begründung Nixons der Schläge in Kambodscha (gegen den Feind aus Vietnam). Zudem erinnert er, dass die USA noch vor wenigen Jahren sich gegen die Strategie der gezielten Tötungen durch Israel ausgesprochen haben, nun aber dasselbe tun. Auch die Bezeichnung der Ziele hat geändert. Früher sprach man von „Al Kaida Führern“, heute von „Militanten, welche den USA gefährlich werden könnten“. Er erinnert daran, dass die USA derzeit ein Präjudiz setzen, das anderen Staaten als Vorbild dienen könnte.

Mary Dudziak spricht zu einem eher theoretischen Thema: Wann ist (historisch) ein Krieg eigentlich fertig (sie schrieb ein Buch: war time)? Eine Frage die bei den neueren Konflikten (z.B. Irakkrieg) durchaus auch praktisch bedeutsam ist, z.B. hinsichtlich der Frage, wann das Kriegsrecht endet. Statt des Dualismus Krieg-Friede scheint der Dualismus Krise-Sicherheit der heutigen Situation eher zu entsprechen. Ein interessanter Aspekt des Drohnen-Kriegs. Früher (z.B. Vietnam) hiess das Schlagwort der Kriegsgegner „Bring the boys home“. Das funktioniert im Drohnenkrieg nicht mehr. Andere Faktoren: Es gibt keine draft (Aushebung) mehr, für diverse militärische Aktivitäten werden Privatfirmen eingesetzt – alles Faktoren, welche das gesellschaftliche Erleben der Kriegszeit verändern.

Rafia Zakarin spricht als Vertreterin von Amnesty International, aber auch als Pakistani. Sie erinnert an die enormen indirekten Kollateralschäden des Drohnenkriegs in ihrem Land: die (effektiven) Drohnenschläge in den Bergregionen treiben die Terroristen in die Städte und führen generell zu einer innerstaatlichen Migration in einem Vielvölkerstaat, wo Migration Auslöser von sozialen Unruhen sind. Die Folge ist insbesondere, dass regelmässig Terroranschläge nun in den Städten Pakistans stattfinden (insbesondere Karachi: 19 Mio. Einwohner, 26 Feuerwehrstationen). Die Rede von den wenigen Kollateraltoten von Drohnenschlägen ist deshalb irreführend: deren Einsatz destabilisiert das ganze Land, was Tausende von Toten zur Folge hat. Einige Zahlen: 2009 gab es 53 drone strikes mit 517-729 Toten, dazu rund 500 Terroranschläge (gezählt sind nur die Bombenanschläge, nicht jene ausgeführt mit anderen Waffen), 80% davon im Nordwesten Pakistans. 2010 gab es 128 drone strikes un rund 470 Terroranschläge, 2011 75 drone strikes und 673 Terroranschläge, 2012 waren es 48 drone strikes und 632 Terroranschläge – also der Terror wurde keineswegs vermindert, er hat sich allerdings nun auf ganz Pakistan ausgedehnt. Bilanz derzeit: rund 45‘000 Tote. Gewiss erklären Drohnen allein dieses Phänomen nicht, auch die Operationen der pakistanischen Armee treiben die Terroristen in die Städte. Dennoch: der Drohnenkrieg ist nicht „präzis“, er hat enorme Kollateralschäden.

Der Journalist Chris Woods spricht über die Frage, wie man Informationen über den Drohnenkrieg erhält (siehe dazu auch www.tbij.com). Er nennt auch das Beispiel Libyen, wo die USA 2011 ebenfalls drone strikes durchführten – Drohnen werden zur bevorzugten Waffe des US Militärs. èber teilweise sehr kleinen Gebieten gibt es eine hohe Dichte an Drohnen. Derzeit werden rund ¼ aller Luft-Boden-Raketen von Drohnen abgeschossen, vor wenigen Jahren waren das nur 10%. Hinweis darauf, dass das CIA die Zahl der zivilen Opfer unterschätzt. Gemäss deren Zahlen waren von 2000 Drohnen-Toten deren 50 Zivilisten, offizielle pakistanische Quellen rechnen mit 400 zivilen Opfern bei 2000 Toten, TBIJ mit 359 bei 2135 Toten. Im Zeitverlauf nimmt die Zahl der zivilen Opfer gemäss ihren Angaben aber ab. Zu den oben genannten Vertreibungen: seiner Ansicht nach ist das pakistanische Militär hier die Hauptursache. Ein Problem der high value targets: sie umgeben sich mit vielen Zivilisten, die möglicherweise so was wie ein freiwilliges humanes Schutzschild sind (und das CIA zählt diese vielleicht nicht als Zivilisten).

 


14.-15. Februar 2013: Xenomelie-Konferenz

Hier finden sich alle Folien zur Veranstaltung.

Peter Brugger macht den Einführungsvortrag: Hinweis auf die verschiedenen Begriffe, die rund um diese Störung eingeführt worden sind (übrigens taucht auch „hobbyism“ in diesem Kontext auf). Das spielt eine Rolle, denn der Name beinhaltet auch einen Bias, wie man das Phänomen angeht (z.B. als Identitätsstörung oder aber als Hirnkrankheit). Hinweis auf eine einfache Untersuchung (Umfrage) von ihnen: sie haben ja eine Korrelation zwischen Xenomelie und Abnormitäten im Cortex gefunden: Was halten die Leute für wahrscheinlicher? Dass die Abnormität Xenomelie verursacht? Oder dass die Xenomelie die Abnormität verursacht (ist gleichermassen plausibel). Ersteres wird von den Leuten als viel wahrscheinlicher angesehen (mehrere tausend Antworten).

Michael B. First spricht dann generell über BIID – er prägte diesen Ausdruck und verwendet ihn deshalb auch weiter. Kurze Begriffsgeschichte: 1977: Apotemnophilia; 1997: Factilious Disability Disorder; 2000: Amputee Identity Disorder; 2005: BIID; 2011: Xenomelia. Er sieht Parallelen zwischen BIID und GID – deshalb wählte er auch diesen Namen. Charakteristisch für diese Analogie sind: Beide Störungen treten meist in der Kindheit/Adoleszenz auf; beide simulieren die neue Identität (Amputation vortäuschen); chirurgische Therapie ist (zumindest bei einigen) erfolgreich. Entsprechend schlug er eine DMS-5-Definition für BIID analog zu GID vor: a) Intense and persisting desire tob e physically disabled; b) persistent discomfort with current state; c) desire results in harmful consequences; d) desire is not sexually or monetary motivated; e) desire is not a manifestation of a psychotic process. Faktoren, welche die Definition erschweren sind: unterschiedliche Ausprägung (nicht nur Wunsch nach Amputation); unterschiedliche Ursachen scheinen dasselbe Phänomen zu generieren. Er sieht drei Dimensionen der Störung, die unterschiedlich stark ausgeprägt sein können.

  • Xenomelie: Störung im rechten Parietallappen führt zu Störung im Körperbild führt zu Amputationswunsch. Dafür spricht das meist frühe Vorhandensein des Wunsches, dessen Unerklärlichkeit von Seiten des Betroffenen; die meist stabile Lokalisierung des zu amputierenden Glieds; die Tatsache dass die Amputation Linderung bringt und Hinweise auf ein de fakto neurologisch gestörtes Körperbild.
  • BIID: Neurologische Disposition, gestörte Identität und Exposition mit einem Amputierten in früher Kindheit führen zur Erkenntnis, dass die Amputation/Behinderung dem wahren Ich entsprechen, führt zum Amputationswunsch. Dafür spricht dass die Betroffenen in ihrer frühen Kindheit meist das Sehen eines Amputierten als Auslöser nennen; dass bei manchen die Lokalisation des betroffenen Glieds wechselt (z.B. von rechtem zum linken Bein); dass das Behindertsein und nicht der Verlust der Gliedmasse als am wichtigsten angesehen wird; und dass man darin seine wahre Identität sieht.
  • Apotemnophilia: Neurologische Disposition, Disposition zu Paraphilia (sexuelle Störung) und Exposition zu einem Behinderten die erotisch konnotiert wird führt zu sexueller Erregung, führt zu Amputationswunsch. Dafür spricht, dass viele Betroffene sich sexuelle zu Amputierten hingezogen fühlen; bei manchen der Wunsch in der Adoleszenz auftritt; viele Betroffene die Vorstellung der eigenen Amputation als sexuell erregend empfinden und viele die Amputation selbst nicht durchführen.

Viele Fälle lassen sich als Kombination dieser drei Dimensionen beschreiben, „reine“ Fälle sind sehr selten. Er hat in seiner eigenen Forschung durch das Design der Befragung einen BIID-Bias. Es gab Versuche (von First), BIID in DMS-5 aufzunehmen, das scheiterte, da es von BDD als differenzialdiagnostisches Ausschlusskriterium, im Kontext von GID (heisst nun übrigens Gender Dysphoria und ist nicht mehr unter mental disorders, sondern sexual disorders gelistet) ebenfalls aus Ausschlusskriterium, sowie unter Ziffer 300.9 (F99): Other specified mental disorders, unter dem Namen BIID. Die Störung könnte in ICD-11 aufgenommen werden (fällig für 2015), entsprechende Bestrebungen sind am Laufen.

Silvia Oddo äussert sich ebenfalls zur Definition von BIID. Sie betont die Wichtigkeit des Pretending. Weitere Charakteristika sei, dass vorab Männer (vermutlich höhere Prävalenz unter Homosexuellen) und vorab Personen mit guter Ausbildung betroffen sind (bzw. sich outen) – das könnten aber alles Sampling Effekte sein. In der psychiatrischen Abklärung wird jeweils klar, dass die Personen autonomiefähig sind, leistungsorientiert sind und gewisse neurotische Züge haben. Die Personen haben hohe Tendenz zur self-affirmation. Allfällige psychische Störungen sind vorab als Konsequenz von BIID anzusehen, z.B. Scham, Frustration aufgrund unerfülltem Wunsch, Doppelleben. Es gibt derzeit – abgesehen von Amputation – offenbar keine funktionierende Therapie, doch Coping ist möglich. Resultate einer fMRI-Studie, in der man den Personen Bilder mit (simulierten) Amputationen zeigt: charakteristische Aktivierung emotionaler Zentren bei BIID-Personen vorab dann, wenn der eigene amputierte Körper gezeigt wird. Im (prä-)motorischen Kortex finden sich Hinweise dafür, dass die Personen den amputierten Zustand simulieren. Es finden sich auch Untersuchungen zu sexuellen Aspekten: Vorab der Zustand der eigenen Amputation wird als sexuell erregend angesehen, erst in zweiter Linie auch andere Amputierte.

Paul McGeoch, der den Begriff der Xenomelie prägte, sieht die Störung als neurologisch an. Paper von 2007 sieht eine Parallele zu Somatoparaphrenia. Er gibt eine Übersicht über verschiedene neurologische Krankheiten mit Auswirkungen auf Körpererfahrung: Misoplegia, diverse Formen von Neglekt, Anosognosia. Erläuterung eines Fallbeispiels, das die neurologische Komponente relativiert: Eine Person, welche beide Beine amputiert haben wollte; eins wurde amputiert, was das Bedürfnis der Amputation des zweiten Beins zum Verschwinden brachte. Danach stellte er vorab seine Studie mit Ramachandran vor.

Gabriella Bottini präsentierte die Resultate einer fMRI-Studie, sie suchte nach einer möglichen Lateralisierung der body processing functions. In mental rotation tasks finden sich Unterschiede, z.B. keine Cerebellum-Aktivität („failure to complete the somatosensory loop“). Sie prüfte auch affektive Reaktionen: BIID-Personen beurteilen den „disgust-character“ von Bildern mit Amputierten anders als normale Personen (was genau sagt das eigentlich aus?).

Jürgen Hänggi berichtet über die neue Brain Studie. Sie haben offenbar auch funktional (BOLD) gemessen, diese Resultate kommen noch: es scheint Unterschiede in der funktionalen Konnektivität zu geben. Resultate könnten Weg zu einer Therapie ebnen: Strukturelle Abweichungen durch neuroplastische Veränderungen rückgängig machen.

Der zweite Tag beginnt mit meinem Vortrag. Danach erläutert Matthias Bodmer die rechtlichen Aspekte. Bericht über ein historisches Fallbeispiel (19. (18.?) Jahrhundert): Engländer, der von einem französischen Arzt die Amputation eines Beines einforderte (er drohte mit Suizid, Amputation wurde vollzogen). Das Motiv könnte allerdings gewesen sein, dass er es seiner Frau gleichtun wollte, die ebenfalls amputiert war. Analogie zum Rechtssetzungsprozess im Bereich GID. Es dauerte dort sicher mehr als 50 Jahre, bis chirurgische Eingriffe legalisiert wurden. Erste bekannte GID-Operation erfolgte 1912. Als 1950 ein Fall diskutiert wurde, war die ethische Debatte vorab um den Begriff der „Demut“ konzentriert: Ärzte dürfen in solchen Fällen nicht „Gott“ spielen. Menschen sollten sich in solchen Fällen mit den gegebenen Grenzen der eigenen Existenz abfinden. In der Schweiz gibt es derzeit kein explizites Gesetz, das Geschlechtsumwandlungen erlaubt (aber auch kein Verbot?). Mehrere Gründe dürften im Bereich BIID eine rechtliche Legalisierung erschweren: es geht nur um sehr wenige Fälle, Rechtstraditionen in den einzelnen Ländern sind sehr unterschiedlich, BIID ist keine anerkannte Krankheit (der wichtigste Grund). Eine allfällige Legalisierung könnte sich auf Art. 8.1 der europäischen Menschenrechtskonvention abstützen (Recht auf Privatsphäre, Recht darauf, Aspekte der eigenen Identität selbst gestalten zu dürfen), eventuell auch auf die Deklaration von Helsinki (Ziffer 35: Ärzte dürfte in gewissen Fällen „ungewöhnliche Eingriffe“ durchführen). Gemäss dem Schweizer Strafgesetzbuch (Art. 122) gilt jeder chirurgische Eingriff als Körperverletzung, die legitimiert werden muss, damit sie straffrei ist. Im deutschen Strafrecht beinhaltet die Einwilligung in Interventionen, welche die Integrität des Körpers verletzen, einerseits die Sicherstellung, dass der Entscheid autonom erfolgte und dass dieser nicht gegen die „guten Sitten“ verstösst. Pro-Argumente für eine Legalisierung sind: Heute finden allfällige Amputationen im Verborgenen statt, was sich und andere gefährdet und die Notwendigkeit einer Lüge beinhaltet (man darf wahren Grund nicht nennen). Zudem ist es unfair, weil nur „Reiche“ sich das leisten können (Kosten illegale Amputation: 15‘000 Euro; legale Amputation: 5‘000 Euro). Gegenargumente: Man behandelt nur Symptom einer Störung, unklar, ob der gewünschte Effekt wirklich eintrifft, looping effects. Man müsste auch klären, wer die Amputation vornimmt, wer dafür bezahlt, und welche Art von herbeigeführter Behinderung man akzeptiert und welche nicht.

Erich Kasten und Sarah Noll berichten von einer Befragung von Ärzten und Psychiatern in Deutschland (60) und Grossbritannien (25). Diese sahen die Erkrankung eher als psychologisch an (im Sinn von BIID), gegen 90% waren strikt gegen die Option einer elektiven Amputation. Dies stellt die Frage, wie gut eigentlich diese Option ist. Hauptpunkt ihres Vortrags war denn auch eine Studie von Xenomelie-Patienten, die erfolgreich eine Amputation durchführen liessen: 21 Personen (18 Männer, Durchschnittsalter 53, 70% heterosexuell). Sie untersuchten retrospektiv (dürfte methodisch ein Problem sein) diverse Faktoren ein Jahr nach der Operation und kurz vor der Operation (Rückerinnerung). Offizielle Erklärung für die Amputation waren in der Regel Infektionen (am häufigsten), Infarkt oder Unfall. Generell zeigt sich über praktisch alle untersuchten Faktoren, dass die Patienten klar glücklicher sind nach der Operation, bedauert wurd einzig, dass man den Eingriff nicht schon früher gemacht habe. Viele sind auch überrascht, wie unproblematisch das Umfeld auf die Behinderung reagiert. Niemand empfand Scham oder Bedauern angesichts des Eingriffs. Die Betroffenen fühlen sich frei von BIID, haben ein besseres Körpergefühl, sind glücklicher und selbstsicherer. Vorgängig versuchte Therapien wie Psychotherapie und Medikamente hatten nie denselben positiven Effekt. Patienten spürten Phantomglieder, was aber als positiv empfunden wurde (Erinnerung an die Amputation). 17 hatten auch Phantomschmerzen.

Bigna Leutenegger spricht über einen integrativen Blick auf Xenomelie, der soziale Aspekt müsse insbesondere mehr berücksichtigt werden. Ein Ansatz alleine (Brain, Mind oder Society) reicht nicht aus, um die Störung zu verstehen, denn für jeden singulären Ansatz gibt es widersprüchliche Elemente. Man kann Xenomelie nicht alleine als mind disease ansehen, weil es offensichtlichneuronale Korrelate gibt. Man kann es aber auch nicht als brain disease ansehen, weil es z.B. Fälle gibt, wo der Amputationswunsch wechselt. Interessant an den heutigen Ansätzen ist, dass kulturelle Effekte oft vernachlässigt werden – bereits die oft beobachtete Simulation des Verhalten ist aber ein soziales Phänomen. Sie veriwest auf das sehr interessante Paper von Davis (Prosumption im Fall von Xenomelie): Looping-Effekte müssen berücksichtigt werden.

Textversion für blinde und sehbehinderte Personen © 2013 goleon* websolutions gmbh