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18.12.07: Huppenbauer – Kolloquium

Zum Singer-Kapitel über Migration. Einige Gedanken. Aus der Perspektive Singers (Massstab: Bedürftigkeit) mag die Unterscheidung Asylbewerber-Wirtschaftsflüchtling keinen Sinn machen - aus der Perspektive des „Clubs“ (Walzer) aber sehr wohl. Das moralisch relevante am Club ist: Man einigt sich auf eine politische und wirtschaftliche Lebensform, welche die (moralischen) Güter im Sinne der Gemeinschaft herstellt, das ist das moralisch relevante an solchen Gemeinschaften. Idee des Asylrechts in diesem Kontext: Staaten unterstützen Menschen, welche jene Club-Regeln anderswo installieren wollen, die man selbst als moralisch richtig ansieht. Flüchtlinge hingegen sind das Resultat, dass die „anderen Clubs“ schlechte Regeln haben (und dies muss „bestraft“ werden, damit sich was ändert) - Hilfe kann hier demnach höchstens Charity sein. Und noch ein anderer Gedanke: Warum soll sich ein Konsequentialist nicht fragen dürfen, wie es zu einer gewissen Ausgangssituation gekommen ist? (Die Jetzt-Situation war ja auch einmal Zukunft). Konsequentialismus sollte insofern durchaus auch ein historisches Bewusstsein haben.


17.12.07: Schaber – Vorlesung

Noch Abschluss zur Idee der globalen Gerechtigkeit: meint nicht nur eine Realisierung der Menschenrechte im Sinn eines Abwehrrechts, sondern auch Verteilungsgerechtigkeit (von Einkommen, Vermögen, Lebenschancen - Problem: solche Massstäbe sind immer zu tiefdimensional) und zwar jenseits der Idee des Existenzminimums. Eine Position des ethischen Individualismus, wonach Gruppen wie z.B. Nationen keine moralische Bedeutung haben. Gegenposition: Das ist eine Angelegenheit der Einzelstaaten. Rawls war gegen eine weltweite Ausweitung des Differenzprinzips. Von dieser Seite werden drei Bedingungen für die Anwendbarkeit der Idee einer „(globalen) Gerechtigkeit“ genannt: Erstens: Menschen müssen in einem kooperativen Unternehmen beschäftigt sein (Rawls, Walzer), d.h. die Menschen verstehen sich als Mitglieder und Beitragende und nur die in solchen Zusammenhängen entstehenden Güter sind Gegenstand einer Umverteilung. Zweitens, Menschen sind in solchen Gruppierungen einem politischen Zwang ausgesetzt, der rechtfertigungsbedürftig ist (Dworkin, T. Nagel) - und Gerechtigkeit ist eine solche Legitimation (deshalb deren Begrenzung). Drittens, Menschen haben eine gemeinsame Identität (z.B. Idee der Nation, Miller), z.B. gegeben durch geteilte Kultur, Werte. Und noch eine Frage: woraus besteht das moralisch Problematische an der Weltarmut? Hier ist nicht nur Gerechtigkeit ein Punkt, sondern auch die Entwürdigung durch Elend.

Dann zum letzten Thema: Migration, d.h. das dauerhafte Wechseln eines Wohnsitzes (abzugrenzen von der Idee des (politischen) Asyls, Flüchtlingsbegriff liegt dann wohl dazwischen in der öffentlichen Wahrnehmung. Grundproblem: Gibt es eine ethische Rechtfertigung dafür, Menschen die Migration im Sinne der Einreise in einen Staat zu verweigern? Gemäss Menschenrechtsdeklaration Art. 13 darf man nicht daran gehindert werden, ein Land zu verlassen (d.h. Auswanderungsrecht, das de fakto nicht überall gewährt ist), doch es gibt kein Recht auf Einreise in ein bestimmtes Land. Der Familiennachzug weicht letzteres Verbot etwas auf.

Gemäss liberaler Position befürwortet man das Recht auf Einreise. Argumente: Man würde sich in Rawls Urzustand dazu einigen, damit werde Chancengleichheit gefördert. Einschränkungen sind möglich, wenn Einwanderer Grundrechte der Einwohner bedrohen (z.B. Verbot, dass Terroristen einwandern). Gegenposition: Erstens z.B. Walzer: Staaten als Vereine, die ein Recht auf kulturelle Eigenständigkeit haben. Zweitens: Die Regelung der Einwanderung gehört zur Idee der Souveränität des Staates (das Asylrecht ist hier eine Grenze der Souveränität). Drittens: kulturelle und ökonomische Kosten der Immigration sollen in Nutzenabwägung Eingang finden. Viertens: es gibt andere Wege als Immigration, um dem moralischen Problem, das der Migration zu Grunde liegt, zu begegnen. Fünftens (Pogge): Man wählt aus - wie? Man bedenke hier auch, dass die Remittances für gewisse Staaten der Dritten Welt einen wesentlichen Anteil ausmachen (d.h. eine effiziente Hilfe darstellen).

 


11.12.07: Huppenbauer – Kolloquium

Zur humanitären Intervention - ein begriff, der so eigentlich nicht mehr verwendet wird, man spricht von „interventions for humanitarian purposes“ (das Ziel auszeichnen, nicht die Mittel). Es gibt zahlreiche Arten von Interventionen: Einmarschieren, Bewaffnen, Dazwischengehen, Drohen, sowie mehrere Formen von covert interventions (verdeckte Massnahmen, durchaus auch mit humanitären Motiven - die USA soll derzeit auf etwa 50 operational theatres aktiv sein). Ein wichtiger genereller Gedanke: Dass der „Ort“ einer Grenzziehung willkürlich ist, ist noch kein Argument gegen eine Grenzziehung an sich.

Zum  Text von Merkel. Unterscheide Notwehr-Recht (in die Rechtsgüter des Angreifers wird eingegriffen) vom Notstandsrecht (in die Rechtsgüter Dritter wird eingegriffen, Verhältnismässigkeit wird hier wichtiger). Im Individualfall steht aber post faktum immer eine höhere Instanz zur Beurteilung des Nothandelns zur Verfügung - das macht die Analogie von Merkel fraglich. Ein Kern der Argumentation von Merkel: Es gibt eine Tragik in humanitären Interventionen, und die muss benannt und nicht mittels ethischen Floskeln abgedeckt werden.


10.12.07: Schaber – Vorlesung

War nicht da, da Zug an einem anderen Gleis abfuhr (Fahrplanwechsel). Thema Weltarmut. Fakten: 1.2 Mrd. Menschen leben in so genannter absoluter Armut, soll zu 18 Mio. Toten pro Jahr führen (davon 10 Mio. Kindern). Zu den moralischen Fragen dazu. Erstens: Gibt es Pflichten auf Distanz? Dagegen: Narveson. Menschenrechte sind negative Rechte. Hilfspflicht nur für den Nahbereich. Gegenposition Singer: Wenn man was tun kann, ist unterlassen falsch (Teichbeispiel). Und dann noch: Armut und Entwürdigung (erst am Schluss ein Thema).

Zur Frage der Bedeutung und Tragweite von Art. 25 der Menschenrechtsdeklaration. Wichtig sind hier aber auch Fragen der Organisation der internationalen Beziehungen: Protektionismus, Ressourcenprivileg, Kreditprivileg. Welche Faktoren schädigen lokale governance? Dann zur globalen Gerechtigkeit und Rawls. Hängt stark von der Idee des Staates ab, die bei den jeweils beteiligten vorherrschen. Problem: was heisst Chancengleichheit zwischen Nationen?


08.12.07: Iserlohn

Stieglitz: Übersicht über brain-computer-interfaces, recht analog zu Freiburg. Besorge die Präsentation via Email. Ein paar interessante Probleme: Korrosion des Materials, unerwartete Reaktionen der Zellen (z.B. wegwandern der Ionenkanäle), Material ist zu starr (führt zu Verletzungen), die Medtronic-Stimulationstechnologie für DBS basiert auf dem Herzschrittmacher.

Nijboer: Zu den ALS-Patienten (Degeneration von Motor-Neuronen) mit stetiger Lähmung bis hin zum complete locked-in Patienten. Interessant ist, das 50% keine Patientenverfügung haben, obwohl ja der Verlauf absehbar ist. Wichtig ist auch: jene, die eine PV haben, ändern ihre Ansichten oft – weil auch die Vorstellungen, was mit ihnen geschieht, ändert (das gilt es für ein Modell von moral agency zu erfassen). Zeigt eine Untersuchung, dass selbstbewertete Quality of Life ansteigt mit zunehmender Behinderung (Korrelation die keine ist, weil QoL eine abhängige Variable ist) und die Differenz der QoL-Beurteilung zwischen Patienten und Angehörigen. Ihre Diss: siehe Bericht zu Freiburg. Zudem: Bisher gelang keine Kommunikation mit Patienten, die complete locked-in waren. Theorie von Birbaumer )Psychophysiology 2006): Patienten haben kein willing self mehr. Siehe auch Owen et al (Science 2006): Hirnaktivität bei Wachkoma-Patient.

Stier: Zu den Begriffen Identität und Autonomie. Definition von Identität via psychischen und physischen Faktoren ist schwierig – aber via Narration/Konstruktion besser möglich. Interessanter Gedanke: Bewusst getroffene Veränderungen der Persönlichkeit lassen sich in die Narration der Identität einbauen und bedrohen diese dadurch nicht. Evt. sollte man drei Formen von Narration unterscheiden: Selbstnarration, Narration über einem im nahen sozialen Netz, institutionalisierte Narrationen (abgelegte Verschriftlichungen, Filme, Fotos über einem etc.). Zudem gebe es einen Zusammenhang zwischen Erhalt der Handlungsautonomie zum Preis einer Persönlichkeitsveränderung.

Klausen: Übersicht zu BCIs und den damit verbundenen ethischen Problemen: Schädigung des Organs, Nebenfolgen, Langzeitfolgen, Beeinträchtigung des Selbstverständnisses, personale Identität & Hirnaktivität, Verantwortungsproblematik, Sicherheit der Technologie, Komplizenschaft mit Militärforschung, Enhancement. Dann noch zur Natur des Menschen.

Denke daran: Autonomie sollte man als soziales Konzept auffassen. Prüfe, auf welchen Ebenen Setzungen aftreten, Unterscheide Setzungen von Voraussetzungen, es gibt evt. Voraussetzungen auf der realen wie der normativen Ebene (letztere z.B. Diskursregeln).

Kestner: Zu den Cochlea-Implantaten. Es gibt weit mehr Nebenwirkungen als behauptet (siehe FDA, dort kann man die Sache runterladen). Bei gut 1/3 geht es gut (Sprachverstehen), 1/3 Geräusche und Sprachverstehen mit Lippenlesen, 1/3 geht es nicht. Man sollte Cis mit Gebärdensprache kombinieren.


07.12.07: Besuch Bothe / Beginn Iserlohn

Bothe ist interessiert: gewissermassen Spiegelung unserer Ideen hinsichtlich Anwendbarkeit eines solchen „Moral-Messinstrumentes“ bei Patienten. Arbeitet an einer philosophischen Dissertation über Verhältnis von Ethik und Naturalisierung. Berichtet, dass DBS bei Parkinson-Patienten regelmässig mit Verhaltensänderungen einhergehen – zudem gebe es mehr Nebenwirkungen als in der Literatur behauptet werde. Möglicherweise Interessen von Medtronic, die die Verbreitung dieser Information behindern.

Iserlohn – Freyermuth: Medienwissenschaftler, definiert Begriffe kaum (exemplarisch: Cyborg: jede Form von Nutzung durch Technik, Frankenstein, Roboter etc. – d.h. ein nutzloser Klassifizierungsbegriff). Behauptet: Wir sehen die Welt im Rückspiegel (McLuhan) und Kunst habe einen vorhersagenden Charakter (eine sehr starke Behauptung – zuwenig belegt). Zu den Beschreibungen der Maschinenmetapher in der Geschichte. Zunächst Descartes: Mensch als perfekte Maschine. Dann mit voranschreitender Industrialisierung: Mensch als imperfekte Maschine (z.B. Günter Anders: Die Antiquiertheit des Menschen). Das First Law of Technology: Kurzfristige Einflüsse der technischen Entwicklung werden überschätzt, langfristige werden unterschätzt. Hinweis auf das Aufkommen der Begriffe Transhumanismus (Julian Huxley 1957), Cyborg (1960). Hinweis darauf, dass gewisse Science Fiction Filme (Star Treck, Star Wars) für gewisse Forscher eine Inspiration darstellen (stimmt sicher). Hinweis auf so genannte Extropianer (quasi das Gegenteil für Entropie…) mit Max More und Natasha Vita-More, und Mondo 2000 (Vorläufer von Wired). Ziel: Selbst-Evolutionierung mittels Brain-Computer-Interface (wie absurd…).


05.12.07: Besuch Sabine Müller

Ist dabei bei neuem Projekt, sicher noch ein Jahr in Aachen, müssen schauen wegen Finanzierung, ob auch Geld nach Deutschland gehen kann. Idee des Computerspiels akzeptiert, beachte reale Verhaltensveränderungen, die man beobachtet hat, z.B. fremdgehen. Idee, dass während des Spielens auch eine Einbindung des Spielers in ein Netz geschehen könnte, das dann auch Gegenstand der Beurteilung sein kann.


04.12.07: Besuch Metzinger

Zu Huppenbauer-Kolloquium: Fragestunde mit Schaber – war nicht da. Kurzes Vorstellen des eigenen Projektes. Beachte: Psychologen haben sich sicher schon mit der Kohärenz von Präferenzen etc. auseinandergesetzt – suchen. Metzinger: Anti-Naturalistische Position (wobei ich selbst wohl auch kein Naturalist bin). Hinweise auf interessante Personen: Stefan Schleim (www.gedankenlesen.info), Netzwerk bei der Volkswagenstiftung, u.a. Neuroscience in Context (Jan Staby, Suprana Chondhuy (?), Thorsten Galert, Sastia Nagel, Ahmed Karim, Felicitas Krämer), how do we make decisions (Sophie Schweizer).


03.12.07: Schaber – Vorlesung

Abschliessendes zu human enhancement – dann aber ein neues Thema: Humanitäre Intervention, eine Problematik aus der politischen Ethik bzw. Ethik der internationalen Beziehungen. Definition humanitäre Intervention: Ein Staat, Staatengruppe oder internationale Institution greift militärisch in einen anderen Staat ein, um die dortige Bevölkerung bzw. Bevölkerungsgruppen vor schweren Verletzungen der Menschenrechte zu schützen. Nicht dasselbe wie UN peacekeeping (beruht auf Zustimmung des betreffenden Staates) oder präventive Selbstverteidigung (und natürlich nicht dasselbe wie ein Angriffskrieg). Klassische Beispiele sind Somalia 1993 und Kosovo 1999. Humanitäre Interventionen sind im Nachgang zum Völkermord in Ruanda 1994 erneut ein Thema geworden: UNO-Bericht „the responsibility to protect“.

Zwei Grundargumente gegen Intervention: Erstens, geltendes Völkerrecht (Art. 2 Ziffer 7 der UN-Charta) verbietet humanitäre Interventionen als Verletzung der Souveränität von Staaten. Zweitens, ethisches Argument wonach solche Interventionen notwendig (oder zumindest praktisch nicht vermeidbar) die Opferung Unschuldiger zur Folge haben (Bittner): es sterben Menschen für Ziele, die nicht die ihren sind, was durch Kants kategorischer Imperativ verboten werde (Einwand: falsches Verständnis von Instrumentalisierung). Damit verknüpft: Es gibt keine Pflicht aus Selbstopferung und es gilt die Pflicht des gleichen Schutzes für alle (Merckel). Man könnte hinzufügen: humanitäre Intervention sei in der Praxis in der Regel ein Deckmantel für das Verfolgen anderer Ziele.

Argumente für humanitäre Intervention bauen in der Regel auf die Festlegung von Kriterien für deren Zulässigkeit:

- Grundlegende Menschenrechte werden verletzt (Recht auf Leben, Unversehrtheit, grundlegende Freiheiten)
- Die Verletzung geschieht systematisch: über längere Zeiträume hinweg und spezifische Gruppen betreffend
- Die Verletzung werden von staatlichen Institutionen begangen (aktiv) oder nicht verhindert (passiv).
- Der Mitteleinsatz ist proportional zum guten Zweck.
- Die Intervention ist eine ultima ratio
- Die Intervention hat Aussicht auf Erfolg
- Man hat ein post bellum Konzept, d.h. sichert die Stabilität des Landes im Hinblick auf die Interventionsziele.

Sind diese Kriterien erfüllt, gelten humanitäre Interventionen als gerechtfertigt. In diesen Kontext gehört auch Rawls Idee der bedingten Souveränität – d.h. staatliche Souveränität ist an die Bedingung geknüpft, dass der Staat die grundlegenden Menschenrechte garantiert. Ein Grundproblem: was macht man, wenn das Objekt der Intervention gar kein Staat mehr ist – was z.B. in Bürgerkriegssituationen der Fall ist (oder die staatliche Souveränität innerhalb des Staatsgebietes grundlegend in Frage gestellt wird – Abspaltungsproblematik). Im Verlauf einer Genese von Souveränität können schwere Menschenrechtsverletzungen auftreten – was dann? Problem: Man ist hinsichtlich des post bellum Kriteriums als Intervenierender gezwungen, Stellung zu beziehen. Und noch ein anderes Problem: Wenn Kriterien erfüllt: sind Interventionen erlaubt oder geboten? Braucht es, um dieses Problem zu lösen, eine staatenübergreifende Institution, welche Interventionen umsetzt bzw. lanciert? Was ist bei passiven Verletzungen von Menschenrechten, d.h. wenn Staaten es nicht Schaffen, ihren Bewohnern die Existenzgrundlage zu geben (die Leute verhungern lassen – z.B. Nordkorea)?


26.11.07: Schaber – Vorlesung

War nicht anwesend. Human enhancement als Thema, verstanden als Veränderung der psychischen und physischen Möglichkeiten von Menschen hinsichtlich ihres Wohls (z.B. mittels PID, Substanzen, Genomveränderungen). Kenne die Debatte teilweise, daher nur Stichworte: Idee des Transhumanen (Bostrom): längere Lebenszeit, mehr intellektuelle Fähigkeiten, Verbesserung des Immunsystems, der Sinnesleistungen, Selbstkontrolle etc. Ethisches Problem: Unterscheidung Verbesserung vs. Therapie. Begriff der Behinderung. Ein Aspekt: Idee der Chancengleichheit, daraus könnte eine Pflicht zum egalisierenden enhancement folgen. Einwurf von Habermas: widerspricht unserer Idee des autonomen Individuums. Unterscheidung des Gewachsenen vom Gemachten (enhancement als Angriff auf unser Autonomieverständnis, Gattungsethik), Idee des Menschen als Mängelwesen (ein an sich unsinniges Konzept, da man ständig den Beurteilungsmassstab wechselt).  Anderer Weg: betrachte Rolle des Zufalls für das menschliche Leben. Anderer Weg: Idee der pluralen Lebensentwürfe. Weiterer Argumentationsweg: Idee der Authentizität.


20.11.07: Huppenbauer – Kolloquium

Zum Text von Singer zur Euthanasie. An sich eine klare Argumentationsführung: zunächst vier Klassen von Gründen zum Tötungsverbot untersuchen (2 Variante von Utilitarismus, Rechte, Respekt vor Autonomie). Dann vier empirische Gegenargumente (Freiheit der Entscheidung, Fehler im Beurteilungsprozess, methodische Fragen, Alternativen (palliative care)). Interessant vorab die Bedeutung des Empirischen bei solchen Fragen. Positiv bei Singer: sie spielen zu recht eine wichtige Rolle. Doch unterscheide die Idee des Empirischen von der Idee des Objektiven. Singer sieht letzteres darin im Finden von Kriterien hinsichtlich Berücksichtigungswürdigkeit und Lebensbewertung von lebenden Entitäten. Doch das Objektive sollte sich auf die Strukturen des Entscheidungsprozesses beziehen.


19.11.07: Schaber – Vorlesung

War nicht anwesend. Kernthema: Sterbehilfe – mit den zwei hauptsächlich diskutierten Varianten assistierter Suizid und aktive Sterbehilfe. Contra-Argumente zum ersten: unzulässige Selbstinstrumentalisierung. Pro-Argumente: Autonomie. Aktive Sterbehilfe contra: Dammbruchargumente, unveräusserliches Recht auf Leben, Prinzip der Doppelwirkung (nur sterben lassen ist erlaubt). Pro: Autonomie, Leidensvermeidung. Zentrales Problem: Zulassung von Tötungshandlungen. Beispiel Niederlande. Problematik des mutmasslichen Willens. Problem des Lebenswertes und dessen Festlegung.


13.11.07: Huppenbauer – Kolloquium

Thema: Sterbehilfe. Der Text von Velleman. Interessante Argumentation gegen ein institutionalisiertes Recht zu Sterben. Zielsetzung: Aufzeigen, dass durch die Eröffnung dieser Option in einem institutionalisierten Rahmen dem Betroffenen einen Schaden widerfährt. Das Problem von Wahlmöglichkeiten: Durch Eröffnung einer solchen Option entsteht ein Rechtfertigungsdruck hinsichtlich der Entscheidung die man trifft.

Interessante Bemerkung auch zum Autonomiebegriff: man muss unterscheiden zwischen der Fähigkeit zu Wählen und den Gelegenheiten, zu wählen (und dem damit verbundenen Spektrum an Optionen).

Sein Lösungsvorschlag: Bewusst eine Grauzone offen lassen. Fraglich ist, wie sich das mit der Idee der Palliative Care verbindet.


12.11.07: Schaber – Vorlesung

Zu den Gründen pro Paternalismus: soziale und individuumsbezogene Gründe. In beiden Fällen kann man utilitaristisch für Paternalismus argumentieren. Dann zum Begriff Autonomie und seinen vielfältigen Ausprägungen (Autonomie als keine Fremdkontrolle, Autonomie als Volitionen zweiter Stufe, Autonomie als Übereinstimmung von Handlungen mit eigenen Vorstellungen des Guten, Watson). Einwurf zu den psychologischen Aspekten von Autonomie, kann man nicht mit Hinweis auf Philosophie als Begriffserklärung zurückweisen, denn empirische Untersuchungen von Autonomie beinhalten auch implizite Begriffsbestimmungen.

Wichtige Unterscheidung: prozedurale Autonomie versus substanzielle Autonomie. Prozedurale Autonomiebestimmungen suchen nach Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit ein agent als autonom gilt. Substanzielle Autonomie ergänzt das mit normativen Festlegungen, d.h. der Benennung von Handlungen, die trotz Erfüllung der prozeduralen Kriterien nicht als autonom gelten sollen (z.B. Selbstversklavung).

Weiter: es gibt Grade von Autonomie, d.h. es stellt sich die Frage, ab welchem Grad von Autonomie dessen Träger diesbezüglich Respekt verdient. Überlegungen zu den Grenzen von Autonomie, d.h. darf man Autonomie verletzen um künftige Autonomiefähigkeit zu bewahren? Mills Argumente betreffend Freiheit – wahrscheinlich muss er sein Argument mit dem Hinweis auf Freiheitsfähigkeit ergänzen. Schaber würde lieber über die Würde gehen (doch in welchem Zusammenhang steht Würde mit Freiheit. Evt. sollte man Würde als Kennzeichnung eines Clusters im Raum der Gründe ansehen).

Dann zur Sterbehilfe und den verschiedenen Varianten, die sich anhand von drei Dimensionen klassifizieren lassen: Art der Handlung (passiv, indirekt aktiv, helfend wie beim Suizid, aktiv). Art der Zustimmung (vorhanden, nicht vorhanden, Grade der Einsichtsfähigkeit), d.h. innerer Zustand des agents. Grad der Freiwilligkeit, d.h. Zwangsniveau von aussen.


06.11.07: Huppenbauer – Kolloquium

Zum Dworkin-Text über Paternalismus. Grundaufbau: Einführung: Den strikten Antipaternalismus von Mill und der Gedanke, dass es so einfach nicht ist. Abschnitt 1: Definition und Beispiele von Paternalismus (Bemerkung: die Idee der persons liberty ist evt. in Konflikt mit dem später analysierten Beispiel Paternalismus bei Kindern). Abschnitt 2: Varianten von Paternalismus (u.a. im Bezug auf die betroffene Population). Abschnitt 3: Abgrenzung des Paternalismus von anderen Positionen (u.a. die Idee, gemeinsam gefasste Werte durchsetzen und dabei auch Zwang anzuwenden, ist nicht Paternalismus). Abschnitt vier: Zur Begründung von Paternalismus: Warum Mill nicht funktioniert, u.a. „dialektischer Widerspruch“ hinsichtlich der von Mill beanspruchten Stärke des Antipaternalismus und der utilitaristischen Position. Dann die Idee, dass Paternalismus nur gerechtfertigt werden kann, wenn damit die Rationalitäts- und Wahlfähigkeiten des Individuums geschützt werden. Abschnitt 5: Schliesslich Argumente zu dieser Idee und Untersuchung der Stärke einiger klassischer Argumente Pro Paternalismus im Licht der vorher geäusserten Grundintention. Dann zwei Prinzipien, der man sich bei der Formulierung paternalistischer Normen bedienen sollte: Beweislast beim Paternalisten und jeweils minimaler Paternalismus.

Einige Gedanken dazu: Paternalismus ist nicht dasselbe, wie Moralvorstellungen durchsetzen (ist klar). Zwei unterschiedliche soziale Konzeptionen von Paternalismus: hierarchischer Paternalismus (d.h. die immergleiche Person ist paternalistisch) oder reziproker Paternalismus - letzteres ist eher ein Ausdruck von gegenseitiges Sorgen (ein Begriff, der bei Dworkin nicht vorkommt).


05.11.07: Schaber – Vorlesung

Abwesend, Zusammenfassung aufgrund Script: Forschung an Kindern und die These von Seelmann (wie dann auch im Kolloquium behandelt). Dann zu Maio: kein prinzipieller Ausschluss fremdnütziger Forschung. Er beruht sich auf das Konzept der Achtung. Vorschlag von Schaber: Instrumentalisierung ist nur dann gerechtfertigt, wenn mit der Würde der Person vereinbar.

Dann Einführung in den Paternalismus (etwas gegen den Willen von X tun, aber um für X etwas Gutes zu tun). Schwacher (keine Zustimmung eingeholt aber erwartbar) und starker Paternalismus (wirklich gegen den expliziten Willen handeln). Die Position von Mill als Anti-Paternalisten (widersprüchlich, wie im Kolloquium erläutert).


30.10.07: Huppenbauer – Kolloquium

Zum NZZ-Text über Forschung bei Kindern. Einige zentrale Gedanken: Die Frage der Behandlung „bloss als Mittel“ kann ohne Blick auf die Forschungspraxis nicht beantwortet werden. Einige problematische Schritte in der Argumentation: Informed consent als Ausgangspunkt geht von einem bestimmten Bild von Forschung aus – man denke etwa an Beobachtungsstudien in der Sozialforschung (oder Untersuchung von Internet-Nutzung), wo ein solcher heute nicht eingefordert wird (u.a. weil es massiv unpraktikabel wäre). Der Schritt vom Interesse zum Nutzen erfolgt automatisch, ist aber nicht so klar (denn man könnte sich ja altruistische Interessen denken). Dann der Schritt vom Nutzen zum Drittnutzen ist problematisch, wenn mit letzterem einfach das Ziel des Projektes gemeint sein soll – sicher ist der da, aber in der Praxis des Experiments selbst kann durchaus ein weiterer Nutzen. Dann zum Begriff Menschenwürde und dessen Ankopplung an das Verbot der Instrumentalisierung: das darf nicht zu eng gesehen werden, ansonsten wäre selbst ein Stellvertreterentscheid nicht erlaubt (was sie ja erlauben wollen). Zur Rolle des informed consent: darin manifestiert sich im Sinne von Kant die „Behandlung als Zweck“ und damit sind eingewilligte Instumentalisierungen erlaubt (obwohl Kant hier Grenzen setzen würden, gewisse Einwilligungen sind nicht erlaubt).


29.10.07: Schaber – Vorlesung

Weiter zur Thematik moralischer Status: die Frage nach dem Status ist eine andere als die Frage nach den Rechten. Schaber: Rechte ist binär (man hat Recht X oder man hat es nicht), Status verlangt Berücksichtigung, die abgestuft werden kann – insofern sei Status abgestuft. Man kann aber auch argumentieren, dass „moralischer Status haben“ die Tatsache der Berücksichtigungswürdigkeit beinhaltet und mit Berücksichtigung ist implizit die Graduelle Abstufung enthalten. In der Tatsache, dass sowohl Rechte wie Status einer Entität zugeordnet werden, zeigt sich der diskrete Charakter von Ethik (auch Status haben oder nicht haben ist eine binäre Geschichte). Erst in der Abstufung erfolgt dann die Verknüpfung mit der empirischen Welt, indem dann für bestimmte empirische Kriterien argumentiert wird (z.B. Empfindungsfähigkeit, potentiell erwachsene Person sein, etc.). Rechte haben aber tatsächlich einen absoluten Charakter, d.h. keine Abstufung (aber man braucht dann doch ein Verfahren bei Konflikten von Rechten, Frage: sind diese Verfahren analog zu Statuskonflikten?).

Es folgen einige Bemerkungen zu PID/PND – kenne die Problematik gut genug (nur Stichworte: Eugenik bzw. liberale Eugenik, Diskriminierungsproblematik. Was ist moralischer Unterschied zwischen PID/PND (letzteres verlangt Abtreibung wenn Berücksichtigung = grössere Hürde, PID hat grösseres Selektionspotential). Die wohl interessanteste Frage: welche Wahl von selektierenden Eigenschaften ist moralisch problematisch (d.h. welche Eigenschaften? Welche Art von Wahl?).

Dann Beginn der Vorlesung zur Instrumentalisierung (vielfältige Formen: Embryonenforschung, Leihmutterschaft, savior baby, Experimente an Tieren, Forschung am Menschen, Prostitution, generell jede Form von Dienstleistung und Anstellung). Hinweis auf Kant: nur „bloss“ als Mittel verwenden ist verwerflich (und auch: nicht irgendwie auch als Zweck – d.h. zwei Kriterien). Gemäss Kant erlauben „behandeln als Zweck“ und „behandeln als Mittel“ eine vollständige Zuordnung aller Behandlungen (wenn ersteres nicht der Fall ist, dann ist letzteres automatisch gegeben). Gemäss Kant ist zentral für das Erkenne, dass jemand bloss als Mittel verwendet wird: „der andere kann nicht Zustimmen“ (d.h. Zustimmung ist relevant. Problem: was macht man mit jenen, die nicht Zustimmungsfähig sind?). Alternativen wären: Interessen des anderen werden verletzt (d.h. Interessen im Zentrum), oder das Handeln wäre nicht im Sinn des Anderen (z.B. bei Verstorbenen, Dementen, Personen mit erworbenem Hirnschaden).

Varianten von „X kann unmöglich zustimmen“: Erster Fall: Keine Zustimmung möglich (weil X nicht gefragt, manipuliert oder angelogen wurde). Zweiter Fall: Keine rationale Zustimmung möglich (d.h. Es gibt keine Gründe für Zustimmung bzw. Gründe gegen Zustimmung. Hier ist der Fall denkbar, dass jemand trotz Zustimmung instrumentalisiert wird). Dritter Fall: keine faktische Zustimmung (X hat nicht zugestimmt. Unterfall wenn X nicht da ist: der andere kann vernünftigerweise nicht davon ausgehen, dass X zustimmt). Hier scheint mir Fall 1 von anderem Gewicht zu sein als die beiden anderen Fälle. Zudem sollten solche Zustimmungsfragen eigentlich alle interagierenden agents beinhalten. Inwieweit werden z.B. in der Gruppe jener, welche instrumentalisiert, andere aus anderen Gründen instrumentalisiert?).


23.10.07: Huppenbauer – Kolloquium

Zur Vorlesung über Abtreibung von Schaber. Eine interessante Frage: worauf referiert das „ich“, wenn man „ich“ sagt. Zudem sollte man untersuchen: die Bildung moralischer Kategorien in sozialen Kontexten.

Zum Text von Marquis: Ein Grundproblem scheint mir der Perspektivwechsel vom individualisierten „ich“, das letztlich Basis der Bewertung des künftigen Lebens ist zum „generalisierten ich“. So etwas braucht es, wenn der Wert, künftig Wahlfreiheit haben zu dürfen, operationalisiert werden muss. Doch immerhin ist das eine interessante Variante eines Potentialitätsarguments: Auf die Zukunft gerichtet werten zu können ist wertvoll.


01./08./15./22.10.07: Schaber – Vorlesung

Es folgt eine kurze Zusammenfassung der dritten, vierten und fünften Vorlesung aufgrund der Folien: Dritte Vorlesung: Die klassischen Begründungsansätze in der angewandten Ethik: Konsequentialismus (Orientierung am Guten), Kontraktualismus (Orientierung an der Regelung sozialer Beziehungen), Deontologie (Orientierung an Pflichten/Personen als Zwecke an sich). Inwieweit soll Ethiktheorie Elemente all dieser Ansätze beinhalten? Methodische Orientierungen: Überlegungsgleichgewicht, Kohärenz, Bottom-up-Ansatz, Offenheit für Revision. Dann mehr zum Prinzip der Gleichheit: eine normative Aussage hinsichtlich der gleichen moralischen Berücksichtigungswürdigkeit von Menschen (moral agents) bzw. dass ungleiche Behandlung nur aufgrund ungleicher aber moralisch relevanter Eigenschaften geschehen darf. Ein Vorschlag moralisch relevanter Eigenschaften (Singer): Interessen, wobei nicht von Belang ist, wer diese Interessen hat. Oder Gleichheitsgebot im Sinn des Verbots von Diskriminierung aufgrund irrelevanter Eigenschaften (was aber wiederum zu begründen ist – und zwar kontextabhängig). Weitere Variante von Gleichheit: gleiche moralische Achtung.

Vierte Vorlesung: der moralische Status von Tieren. Was bedeutet generell „X hat moralischen Status“?: X verdient moralische Berücksichtigung, X ist moralisch von Bedeutung. Der moralische Status von X liefert Gründe für bestimmte Handlungen. Moralischen Status haben Wesen, die einen intrinsischen Wert haben. Oder die man auf eine Weise behandeln kann, die für die Wesen selbst schlecht ist. Die Frage ist nun: welches Gut ist für einen moralischen Status erforderlich? Z.B. Vernünftigkeit (Kant), Interessen (Singer), Personsein (Exkurs zu den möglichen Rechten für Menschenaffen). Zum Problem: was sind moralische Eigenschaften? Zum Problem: was ist ein Subjekt von Rechten (muss mit einem Träger eines moralischen Status nicht identisch sein)? Tötungsverbot und Personen. Gründe für ein Tötungsverbot: Recht auf Leben, Personenstatus.

Fünfte Vorlesung: Vorgeburtliches menschliches Leben (Abtreibung, Embryonenforschung, PID). Die klassischen Argumente zur Abtreibung: liberale Argumente: Thomsons Geigerbeispiel (Abtreibung sei auch dann zulässig, wenn der Fötus einen moralischen Status einer erwachsenen Person hat). Dann die konservative Position mit den Argumentationslinien Kontinuitätsargument (falsch, denn Kontinuität der natürlichen Prozesse ist nicht dasselbe wie ethische Grenzziehungen, siehe unten, im Kern ein naturalistischer Fehlschluss), Identitätsargument (eigentlich einen petitio principii), Speziesargument (Vorwurf des Speziezismus), Potentialitätsargument. Letzteres ist am interessantesten: Potentialität im Sinn von Möglichkeit (externe Perspektive, Gegenargument: absurde Konsequenzen wie Zeugungspflicht) oder Anlage (interne Perspektive, Gegenargument mit entsprechenden Beispielen, z.B. Prinz Charles). Dennoch kann man Potentialität nicht so einfach beiseite schieben. Zum Grundproblem der ethischen Grenzziehung scheint mir wichtig: Eigenschaften ist ein empirisches Kriterium, deren Zuordnung in einem kontinuierlichen Prozess immer schwierig ist – doch die ethische Begrifflichkeit ist viel diskreter von der Struktur, insofern gibt es notwendigerweise das Problem der Unschärfe einer Grenzziehung – das kann man nicht als Argument beiziehen (z.B. Kontinuitätsargument). Eigenschaften sind Produkt empirischer Theorien und ihre ethische Füllung (d.h. diese Eigenschaften moralisch relevant zu machen) ist ein anderer Prozess. In diesem Prozess geschehen die Setzungen in moralischer Hinsicht, und das ist unvermeidlich – aber auch revidierbar. Danach noch einige Infos zu Embryonenforschung – kenne ich.

 


25.09.07: Huppenbauer – Kolloquium

Einige kurze Bemerkungen zum ersten Kapitel von Peter Singers „Praktische Ethik“. Seine erste Frage: Was unterscheidet Ethik von Nicht-Ethik? Antworten umfassen unter anderem die Intuitionen (?), dass Vernunft und Universalisierbarkeit eine Rolle spielen müssen. Zweite Frage: wie lässt sich daraus eine Theorie der Ethik ableiten? Ausgehen von einem vormoralischen Zustand: Hier hat das Individuum Interessen, definiert als Wünsche die sich nicht widersprechen (damit ist viel Theorie verbunden, insbesondere eine Rolle der Vernunft zwecks Prüfung der Widerspruchsfreiheit, evt. Interessen als „rationale Wünsche“). Dann unter Einbezug der Idee der Universalisierbarkeit kommt man darauf, man müsse auch die Interessen der anderen berücksichtigen. „Berücksichtigen“ heisst dann abwägen (was wiederum Vernunft und eine Reihe impliziter Moralvorstellungen braucht!). Und dann kommt schliesslich das Maximierungsprinzip. Insofern (Punkte 2 und 3) ist alles andere als klar, ob eine utilitaristische Moral wirklich die „einfachste“ Moral ist, wie Singer meint.


17./24.09.07: Schaber – Vorlesung

Es folgt eine kurze Zusammenfassung der ersten beiden Vorträge aufgrund der Folien: Erste Vorlesung: eine Einführung in die angewandte Ethik. Was ist das überhaupt? Z.B. Anwendung ethischer Theorie auf konkrete moralische Fragen (umstritten). Hat aber zur Ausprägung verschiedener Bereichsethiken geführt (Klassifizierung aufgrund des Anwendungsbereichs – Überlegung: man will zusätzlich oft auch eine „neue“ Ethik behaupten, Neuheit im Sinne neuartiger Anwendungsprobleme und/oder neuartiger Prinzipien, die daraus folgen sollen). Behauptung: Rawls Theorie der Gerechtigkeit markiere Beginn der angewandten Ethik.

Weiter zur Unterscheidung Recht und Moral. Ersteres enthält Regeln mit explizitem Sanktionspotential, letzteres nur implizites Sanktionspotential (z.B. Kritik, Verachtung). These von Mill: damit Normen moralisch genannt werden dürfen, brauchen sie mindestens implizites Sanktionspotential. Sanktion muss nicht in jedem Fall de fakto erfolgen. Beziehungen zwischen Recht und Moral:

  • Naturrecht meint: rechtliche Normen müssen moralisch richtig sein. Insofern entspricht das Befolgen rechtlicher Normen dem Befolgen moralischer Normen und man kann auch nicht aus moralischen Gründen rechtliche Normen nicht befolgen (ausser man bezweifelt deren Naturrechts-Charakter). Der Übergang von einer moralischen zu einer rechtlichen Norm wäre hier wohl nur eine Formsache.
  • Rechtspositivismus meint, Rechtsnormen entstehen aufgrund eines verbindlichen Verfahrens. Rechtliche Normen können demnach aus aussermoralischen Gründen befolgt werden bzw. es ist aus möglich, rechtliche Normen aus moralischen Gründen nicht zu befolgen. Der Übergang von einer moralischen zu einer rechtlichen Norm wäre hier schwieriger (bzw. an das Verfahren gebunden).
  • Legaler Moralismus meint, dass das Rechtssystem auch moralisch richtiges Verhalten fördern soll. Eine Unterform ist hier Paternalismus, d.h. staatliches Handeln, das den Einzelnen vor sich selbst schützen soll. Als eine Gegenposition kann hier das Schadensprinzip von Mill genannt werden, d.h. nur zum Selbstschutz dürfen Normen erlassen werden, welche die Handlungsfreiheit anderer beeinflussen. Feinberg hat dieses Prinzip erweitert (auch schwere Beleidigung als Schaden).

Dann einige Bemerkungen zu Autonomie und Unabhängigkeit – werden unterschieden, was man aber nicht muss. Hierzu gäbe es mehr zu sagen.

Zweite Vorlesung: Zur Frage, was eine ethische Theorie ist. Partikularismus behauptet, jeder Fall müsse separat behandelt werden und die moralische Valenz einer Eigenschaft hängt von den Eigenschaften der Situation ab. D.h. es gibt keine „automatische“ Anwendung von Prinzipien und es brauche keine Moraltheorie. Zweite Position: Kasuistik, d.h. Orientierung an paradigmatischen Fällen. Der Prozess der Orientierung geschieht durch Intuitionen. Ethischer Pluralismus schliesslich geht davon aus, dass eine ethische Theorie aus Prinzipien bestehen, die sich aber widersprechen können (bzw. es gibt unterschiedliche Prinzipien, die nicht aufeinander rückführbar sind). Rolle der Intuitionen: sie stützen Prinzipien. Prinzipienkonflikte werden durch praktische Urteilskraft gelöst. Andere Position: kohärentistische Positionen. Der meines Erachtens interessanteste Ansatz. Bedingt Vorstellungen von Kohärenz und Stabilität in der Zeit (z.B. von Werten).

Eventuell kann man Intuitionen dmait in Verbindung bringen, worum es in der Ethik gehen soll, z.B. Konsequentialismus, Kontraktualismus, Deontologie


17.09.07: Technisierung des Gehirns – Tag 1

Grunwald: Klassische Technikethik befasst sich nicht so sehr mit dem Gehirn. Seine Kernfrage: was bedeutet „Selbsttechnisierung“? Nebenbemerkung: Ein Kennzeichnen von Technik: Erweitern des Handlungsspielraums der Menschen. Wie könnte man das eigentlich quantifizieren? Diverse Charakteristika von Technik: erweitert Handlungsmöglichkeiten, macht verfügbar, transformiert Gefahren in Risiken, eröffnet neue Denkräume, steigert die Kontingenz der conditio humana, bringt neue Entscheidungszwänge, erhöht Verantwortung, ist unumkehrbar (nicht vergessbar). Deshalb brauche es eine prospektive ethische Evaluation, beinhaltend unter anderem Zuordnung von Verantwortung, Umgang mit Unsicherheit, Ermittlung der normativen Basis von Zukunftsoptionen. Was ist nun relevant bei Hirn-Technologien. Ein Beispiel: brain-machine-interfaces erfordern Anpassungsleistungen. Doch was macht eigentlich Selbsttechnisierung so speziell? Vorschlag: Untersuche Technikbegriff: Beinhaltet Artefakt und Prozess. „Technik“ erlaubt generalisierendes Reden über Techniken. Technik thematisiert regelhaftes. Doch inwieweit stimmt das eigentlich (Naturgesetzliche „Regeln“, Unterschied generelle Regeln zu Sozialtechnologie?) Manchmal vermindert (therapeutisch eingesetzte) Technik ja das Regelhafte, d.h. erhöht Autonomie. Verhältnis Technik und Regelhaftigkeit umfasst demnach mindestens drei Dimensionen: Nutzung von Technik im sozialen Kontext braucht regeln (zeitlich lokal), verändert Handlungsspielräume und damit Anwendungsgebiete von Regeln (z.B. Gesetze, langfristige Ebene) oder re-etabliert Nutzung von Handlungsfeldern (therapeutisch – d.h. Abbau von „Regeln“, die den Betroffenen betreffen können) – das allein macht eine entsprechende Technik aber nicht ethisch unbedenklich, sondern auch Beurteilung des Massstabs, anhand dessen Abbau von Regeln als solcher gewertet wird. Zudem unterscheidet er starke von schwachen Argumenten. Starke Argumente sind transzendental (betreffen z.B. Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung), schwache Argumente berufen sich auf unsichere Zukunftsszenarien.

Stier: Geht von einem utopischen Szenario aus (Schwäche: Mangel an Beispielen). Thema: Technisierung von Verantwortung. These: redistributive Verantwortung (rückwirkend zuschreibend) funktioniert nicht. Auch andere Alternativen haben Probleme, er will eine de-individualisierte Verantwortung. Ebenen der Technisierung des Gehirns: deskriptiv (z.B. Reduktion mentaler Phänomene), manipulativ (Therapie/Enhancement), präskriptiv (Neurodetermination, in Richtung eines „soll anders können“ – interessant, braucht aber eine Art Metaebene auf der das Gesollte bestimmt und begründet wird). Danach siehe auch seinen Beitrag. Was interessant ist: Verantwortungsbeziehungen als Ausdruck sozialer Realitäten (man sollte soziale Netzwerke mal mit solchen Kanten erzeugen). Unterscheidung zwischen einer teilnehmenden Perspektive (Rechtfertigung) und objektiven Perspektive (Erklärung) – er meint, man müsse sich entscheiden. Glaube ich nicht. Im Gegenteil: man wägt jeweils ab, letztlich macht man Setzungen (z.B. hinsichtlich Zurechnungsfähigkeit bei einem Gerichtsfall). Ort der Setzung hat kulturelle Komponente (denke z.B. an Verwahrungsdiskussion). Wann könnte jemand mit einem brain-chip kein moral agent mehr sein? Das ist nicht uninteressant. Denke an Beispiele der unintendierten Nebenfolgen von DBS. Denke daran, dass man Wirkungsweise nicht an sich selber merken kann. Überlege dir enhancement-Szenarien: z.B. anhand des Beispiels, dass Leute mit Amygdala-Läsionen weniger risikoavers sind, was in gewissen Spielsituationen was bringen kann (Gewinn). Ein Enhancer für Trader?

Weber: Ausgangspunkt: Natur des Menschen ist irrelevant für die Beurteilung moralischer Fragen, weil es keine feststehende Natur gibt und weil diese meist in Letztbegründungs-Argumentationen zum tragen komme, die nicht funktionieren (ersteres kann man angreifen mit Blick auf andere Verwendungsweisen von „Natur“, letzteres ist nicht zwingend). Danach eine eher lockere Zusammenstellung von dem was möglich sei, nicht wirklich durchdacht. Dann eine Auflistung medizinethischer Gemeinplätze (Verteilungsgerechtigkeit, normative Kraft des Faktischen). Argumentationsschema hinsichtlich Beurteilung von Enhancement ist rein subjektiv fundiert (kann man so tun, doch wo bleiben die Inhalte anhand derer Beurteilt wird). Obwohl er das ablehnt, sieht das nach einer geschichtslosen Idee von Autonomie aus. Drei Dimensionen von Geschichtlichkeit solcher Enhancement-Technologien sollten aber beachtet werden: Therapeutische Linie (denn daher kommen die meisten: Forscher-Patient-Beziehung), strategische Linie (d.h. Erforschung z.B. durch Militär, Pharmaindustrie („Krankheiten“ erfinden) mit externen Zielvorgaben), Linie der medialen Berichterstattung (auch hier wirken andere Kräfte).

Bohlken: Interesse am ethischen Status von Natürlichkeit am Beispiel von Plessner untersucht. Plessners Stufenmodell: 1: Invarianzen (Reflexivität, Freiheit, Kulturfähigkeit), 2: Grundfiguren des schöpferischen Potentials des Menschseins (homo faber, homo ludens, homo diviens,… - wäre homo homini lupus auch hier dabei?. Wer definiert dieses Set?), 3: Konkrete Ausgestaltung. Mensch gemäss Plessner als „natürliche Künstlichkeit“. Dann die Feststellung, die Transhumanen wollten eine Steuerung der Evolution (inkl. einige inhaltliche Bestimmungen wie Abschaffen des Alterns und so Zeugs). Dadurch werde homo faber verabsolutiert (und warum soll das ein Problem sein? Wird nicht einsichtig). Dann die Verknüpfung von Anthropologie und Ethik durch den Begriff der Person (OK) – und die These, durch die Position der Transhumanen werde die Bedingung für Möglichkeit von Moral verletzt (warum?). Warum sich nicht auf die Werte der Stufe 1 konzentrieren?

Gruber: Ihn interessieren die rechtlichen Auswirkungen der Nutzung von Enhancement-Neurotechnologien. Ausgangspunkt ist der aktive Externalismus von Clark/Chandlers (Analyse 58, 1998: 7-19). Interessante Ideen: Genutzte Artefakte und soziale Netze (evt. auch Spuren) von agents als möglicher Teil eines kognitiven Systems (könnte man auch Moral so auffassen?). Lese den Text. Schlussidee: Ein Neuroimplantat hat einen verkörperten und einen vergeistigten Aspekt – das Recht solle beide Beispiele unterschiedlich behandeln (mit Sachenrecht bzw. Urheberrecht, wenn ich ihn recht verstanden habe). Problem: Real wird sich die Grenze zwischen diesen beiden Aspekten nicht einfach bestimmen lassen.

 


18.09.07: Technisierung des Gehirns – Tag 2

Karafyllis: Ausgangspunkt: Biofakte. Später im Vortrag eine kurze Typologie der Biofaktizität mittels: Imitation, Automatisierung, Simulation, Fusion (muss keine Sequenz sein). Hinweis darauf, dass Kategorisierungen im Labor anders funktionieren als in der Lebenswelt. Drei Strategien gegen die Verdinglichung des Humanen: Wachstum, Emotion, Sozialität. In den Prozessen in den Wissenschaften selbst interessiert: Wie wird bewusstes Nichtwissen generiert (ignorance claims), Wie geschieht Wissensvermittlung in unterschiedlichen Textgattungen (pop-science), wo gibt es unterschiedliche Wissenschaftsontologien. Ein interessantes und derzeit stark untersuchtes Thema der Hirnforschung: Autismus. Hinweis darauf, dass Ursachendiskussionen im Westen anders laufen (genetisch, Defekt in einem Modul der Theory of Mind, extreme Form des männlichen Gehirns, wegen Testosteron im Blut der Mutter), als in Asien (Folge der Übernahme westlicher Lebensweise). Autismus wird zur Kontrollgruppe in der social neuroscience (!). Untersuchungen bauen sich ein in die Diskussion über Sexualisierung des Gehirns – mit teilweise seltsamen Argumentationen: Da Autismus vorab in Männern zu finden ist und (kulturell gewachsene) Idee der emotionalen Verarmung des Mannes wird das Autistenhirn (obwohl ja eigentlich pathologisch) zum paradigmatischen Männerhirn. Hinweis auf die drei Mechanismen der pop-science: Reduktion, Translation, Trivialisierung.

Heilinger: Plädiert für anthropologisch fundierter Gelassenheit betreffend dessen, was durch die Technisierung des Gehirns geschehen wird (wobei man zeigen müsste, dass eine Aufgeregtheit auch besteht). Zeigt eine Kontinuitätsthese anhand mehrerer Merkmale: Neuartigkeit der Mittel (Eingriffstiefe – wird fehlverstanden als rein räumlich –, Grad der Künstlichkeit, Irreversibilität, Schnelligkeit/Präzision). Zudem „Natur des Menschen“ habe keine Orientierungsnorm (wohl schon so, wenn man die Sache auseinandernimmt – aber auf der praktischen Ebene wirkt dieses Bild immer noch stark – das will man doch auch erklären). An sich gut im Paper erklärt. Horrorszenario der „Feststellung“. Ein interessanter Gedanke, da ist aber noch viel drin, das ausgebeutet werden kann.

Stoppenbrink: Eigentlich eine Zusammenstellung der Diskussionslage. Einige Szenarien, die erforscht bzw. von den Philosophen diskutiert werden: Hippocampus-Chip, Hirntransplantation, Brain in the tank, Roboter mit Bewusstsein, ferngesteuerte Menschen. Plädoyer dafür, solche Szenarien vorsichtig anzuwenden.

Schulze-Bonhage: Berichte aus dem klinischen Alltag (typisch: dauern ist die Rede von „Information“ statt von „Signal“). Beispiel Epilepsie (Prävalenz: 0.5 bis 1 Prozent). Diese Patienten dienen als Forschungsobjekt (Implantation von Elektroden zum Finden der epileptischen herde). Idee des Brain-Machine-Interface: closed-loop feedback (visuell). Wie die Patienten mitmachen. Kleine Minderheiten wollen entweder gar nicht oder sehr aktiv mitmachen, die meisten; „dann halt“ (man muss ja warten auf die Anfälle). 25-30% von Epilepsie-Patienten lehnen eine Implantation von Elektroden ab.

Meier: Zu den Lobotomien 1935 bis ca. 1970. Auch damals wurde stark diskutiert, inwieweit dies ein Eingriff in die Persönlichkeit der Menschen darstellt. Sie fokussiert den medizinischen Diskurs, inwieweit der Entscheid zu einer Lobotomie als Wertentscheid angesehen wurde und welche Vorstellungen von Persönlichkeit und Normalität damit verbunden waren. Sehr auffallend: es gab gar keinen festen Begriff von Persönlichkeit. Einige Kernpunkte: Diskussion im deutschsprachigen Raum war anders als GB/USA (kritischer). Vorstellung, dass es nach der Operation eine Neubildung der Persönlichkeit brauche. Man war sich einig, dass eine Lobotomie die Persönlichkeit „absenkte“. In den 1950ern 1960ern wurde dann aber ein neuer Denkstil in der Psychiatrie aktiv: Betonung der individuellen Persönlichkeit. Deshalb wurde die Lobotomie abbelöst, nicht wegen den Psychopharmaka. Was genau zeichnet einen „Denkstil“ aus? Hier ein mögliches Ansatzfeld für Clustering.

Müller: Ethische Dilemmas bei Hirnoperationen und Auswege. Hinweise auf die Studien von Bothe in Münster: Veränderung der moralischen Urteilsfähigkeit. Problem. Wie bewertet man Persönlichkeitsveränderungen? Anhand der Kriterien Wohlergehen, soziale Funktionalität, Autonomie. Viele Informationen, gut im Text beschrieben.

 


19.09.07: Technisierung des Gehirns – Tag 3

Stieglitz: Zu den technischen Anforderungen von Neuroimplantaten (davon weiss ich schon eine Menge). Kodierung, Energieversorgung (idee: biologische Brennstoffzelle, d.h. Ankopplung an den Stoffwechsel), Korrosion.

Inomed: Einige Informationen zur Firma: Gegründet 1992. Marketing passiert nicht via Patienten, denn dadurch würde das Vertrauen mit den Ärzten geschmälert (und diese machen Kaufentscheide). Umsatz 50% in Deutschland, jährliche Steigerungen jeweils um die 20%, Aufgebaut mit Eigenkapital und Banken, derzeit 7 Mio Umsatz (Medtronic zum Vergleich: 9 Milliarden!). 25-30% Förderquote (d.h. staatliche Gelder).

 


20.09.07: Technisierung des Gehirns – Tag 4

Mehring: Überblick über die Technologie, auch da ist mir vieles bekannt. Hinweis auf Training: zuerst denkt man an bestimmte Körperbewegungen, um mittels EEG einen Cursor zu bewegen, nach dem Training dann an die Cursorbewegung selbst – ist nicht überraschend, passiert ja bei einem Instrument lernen auch. Einsatz von Machine Learning bei BCI. Hippocampus.Chip ist zudem nicht biomorph, sondern ein Input-Output-Korrelator eines bestimmten Gebiets des Hippocampus.

Boldt: In der Neurotechnik fallen zwei Bemühungen zusammen: Bemühung um ein gutes Leben und kontrollierte Veränderung der Welt. Zum Spannungsverhältnis von Technik und Ethik bei Kant (Ethik als Ausdruck der Eigenständigkeit der Vernunft, Technik als Mittel für Dienlichkeiten) und Kierkegaard (Ethik als Perspektive des Angesprochen- und Gefordertseins, Technik als Vergegenständlichung). Wichtige Bemerkung „Neurotechnik“ impliziert eine oftmals nicht vorhandene Präzision des Eingriffs. Neurotechnik könnte Neuroessentialismus fördern (braucht ihn evt. gar).

Nikkhah: Zur klinischen Praxis der DBS. Eine solche kostet 15'000 Euro. Potentiell hätte es 50'000 Patienten in Deutschland, die das brauchen könnten. Elektroden: 1mm Durchmesser, 4 Wolfram-Elektroden auf 10 mm Länge mit 1.5 mm Abstand definieren räumlichen Parameterraum der Stimulation. Derzeit keine Rückkopplung der Stimulation auf Physiologie wir beim natürlichen dopaminergen Regelkreis. Zu mayberg: An-Aus-Effekt bei psychiatrischen Erkrankungen ist diffus und nur in Tests erkennbar. Psychiatrische Nebenwirkungen bei DBS bei Bewegungsstörungen: 1-2%. Suizidrisiko: hat dazu geführt, dass besser ausgelesen wird (könnte ein ethisches Problem sein, wer macht die Risikoabwägung).

Aschendorff: Zu Hirnstammimplantaten und Cochlea Implantaten. Viel ist mir hier bekannt. Derzeit haben 500 Personen (in Deutschland?) ein Hirnstamm-Implantat. Man arbeitet derzeit an penetrierenden Elektroden oder sucht Stimulationspunkte weiter oben in der Hörbahn. Kosten: CI/Hirnstamm-Implantat: 24'000 Euro.

Huber: Exzeptionalismus meint die Aussage, Neurowissenschaft sei so speziell, dass es eine neue Neuroethik braucht. Viel Information (eine Abspeckung der Fachtermini würde es verständlicher machen). Fokus auf Wissenschaftstheorie mit vier Komponenten, die es zu prüfen gilt: Produktionsbedingungen des Wissens, explanatorische Reichweite der Termini, Basisannahmen der (psychologischen) Tests, wissenschaftshistorische Entwicklung.

 


21.09.07: Technisierung des Gehirns – Tag 5

Kipke: Zur Frage der Beeinflussung von Freiheit durch Enhancement. Freiheit wird als Vorhanden und wertvoll vorausgesetzt und in Handlungs- und Willensfreiheit unterteilt. Handlungsfreiheit wird auf den ersten Blick erweitert, doch andere Techniken des Enhancement könnten wegfallen (ist das ein Problem?). Von den Willensfreiheitsaspekten ist vorab die Idee der Selbstdisziplin interessant. Unterteilen in einen Kontrollaspekt (Mechanismus der Selbstdisziplin) und inhaltliche Aspekte (d.h. an welchen kulturell gewachsenen Werten orientiert sich Selbstdisziplin) wäre noch sinnvoll. Selbsterkenntnis als Mass für Willensfreiheit, Neuroenhancement kann Aufmerksamkeit gegenüber sich selbst verändern. Was wichtiges: Neuroenhancement basiert möglicherweise auf der Idee es geben geistige Module die technisch ersetzbar seien – das funktioniert nicht.

Talbot: Tiefenhirnstimulation und Autonomie. Nochmals Bothe, der zehn DBS-Personen untersucht hat und bei zwei eine Verschlechterung des Moralverhaltens gefunden hat. Sie untersucht dann Autonomie hinsichtlich Handelnder, Person und Handlung und für die Fälle DBS für somatische und psychiatrische Krankheiten, sowie Enhancement. Idee der Odysseus-Verfügung. Wird im Text gut erklärt.
 


22.09.07: Technisierung des Gehirns – Tag 6

Schockenhoff: Im Wesentliche die klassische Gegenposition zu Singer in der Willensfreiheitsdebatte. Die beiden Grundpositionen zur Willensfreiheit: schwach im Sinne von Hume (Handlungsfreiheit ohne Willensfreiheit), stark im Sinne von Kant. Preis der Position von Kant: Dualismus zwischen homo pheinomenon und homo numenon. Im Weiteren ein schön konstruiertes Gebäude, doch irgendwie wird das wirklich Interessante damit nicht angetönt. Z.B. was sind die Kontrollbeziehungen zwischen diesen beiden Welten (auch „objektiv“ und „subjektiv“). Interessant sind die Ausführungen zu den Handlungsgründen mit ihren zwei Aspekten: haben bestimmende Kraft und sind Ergebnis einer Wahl. Eine Frage, die man ihm stellen sollte: was passiert, wenn Menschen unter Nutzung ihrer Willensfreiheit sich für das Böse entscheiden?

 


09.-11.07.07: Konferenz ESPP Genf

Peter Goldie: Stellt sich die Frage, welchen Stellenwert thick concepts bei der Theorie des dual thinking spielen kann. Diese Theorie (u.a. Kahnemann) postuliert zwei Prozesse: rasche, automatisch ablaufende Denkprozesse, emotionale Bewertungen involvierend. Und langsame, kognitive Prozesse (deliberative) mit einer Art Kontrollfunktion (lese dazu die nobel laureat lecture von 2003). Hinsichtlich Prozess- und Content-Eigenschaften dürfte es aber beim System 1 Überlappungen geben. Diese Überlappung dürften unter anderem durch die thick concepts (eingeführt durch Williams 1985) charakterisiert sein. Zu den definierenden Eigenschaften solcher thick concepts: hoher deskriptiver Gehalt (im Vergleich zu thin concepts wie z.b. gut, böse), evaluativ, keine klare fact-values-Unterscheidung, sind world guded und action guiding. Zudem lässt sich eine klare Verbindung zu Emotionen schaffen – wenn auch nicht immer eins-zu-eins. Man könne thick concepts gebrauchen, um Konflikte zwischen Emotionen zu verstehen, und um Aussagen über die Grenzen der korrigierenden Rolle des Systems 2 zu machen. Er braucht diese Begriffe für seine Idee eines „sensible cognitivism“. Siehe zudem Haidt 2007 in Science 316.

Paul Harris: Zur Rolle von desire und duty bei Kleinkindern. Es zeigt sich, Kleinkinder erklären und prognostizieren Handlungen aufgrund der desires and beliefs der Handelnden. Dann eine Reihe von Studien, die vorgestellt werden. Seine These: Kleinkinder (4-5 Jahre) kennen zwar die Konzepte von desire und duty, können sie aber nicht verknüpfen (das zeigt sich u.a. in paradox erscheinenden Bewertungen, wonach in Szenarien Handlungen als schlecht erkannt, dem Handelnden aber emotional sich keinesfalls davon berührt fühlen muss (auch sie selbst nicht)). Bei älteren Kindern (so ab 8 Jahren) findet sich aber diese Verknüpfung.

Klaus Scherer: Seine Themen: guilt und shame und die Frage, wie man das unterscheiden könnte. Die Literatur gibt dazu zahlreiche Vorschläge. Shame: extern, Verletzung von Werten, Fokus auf fehlbares Selbst, intensiver, betrifft Reputation. Guilt: internal, Verletzung von Normen, Fokus auf Handlung, weniger intensiv, betrifft Wiedergutmachung. Siehe dazu einen Review von Deonna (?) / Teroni. Dann eingehen auf zahlreiche offene Fragen mit (zu) viel Fakten. Wichtiger Gedanke: unterscheide emotionale Kategorien von den verwendeten Wörtern (eben ein Klassifizierungsproblem).

Session 3 (14.30-16.30): Zuerst Francesca de Vecci über das Konzept der spontanen Handlung als etwas, das eine Person langfristig prägt (auch voluntary und Ausdruck von Willensfreiheit). Interessanter Ansatz, wenn auch für mich etwas konfus dargestellt. Dann Hannes Rakoczy über Entwicklungspsychologie. Interessant: verwendet Spiele als etwas, wo Konventionen gelernt werden (anderer Gedanke: Wenn Wahrnehmung als Prozess der Wahl von Szenarien verstanden wird, dann ist das normative evt. was inhärentes in einem Wahrnehmungsprozess (das Gehirn produziert im Szenarienspektrum wahrscheinlichere Szenarien und das wäre das gesollte) – weiterdenken). Harriet Over über Intentionen und eine Hierarchie von Intentionen (von allgemein zu speziell bzw. konkreter zu abstrakter): movement – intention of action – prior intention – communicative intention – social intention – collective intention. Und die Unterscheidung Intentionen haben vs. Intentionen (anderer) verstehen. Experiment mit Kindern: Puppen wird eine agency zugeschrieben (sagen Puppen falsche Sätze, werden sie von den Kindern korrigiert, wenn eine Lautsprecherbox das sagt, nicht). Röska-Hardy zum autobiographischen Gedächtnis, das mehr ist als episodisches Gedächtnis (Tulving 1972). Ein Unterschied: Episoden müssen als etwas selbst erlebtes verstanden werden.

Michael Waldmann (10.07.): Zum moralischen Dilemma, das erst recht spät Thema der Psychologie wurde. Sein Haupt-Dilemma: Trolley-Dilemma in mehreren Abwandlungen (auch Transplantations-Dilemma als Beispiel: jemanden für Organe töten, damit fünf gerettet werden können). Ihn interessieren die Kontext-bedingungen, die bei der Lösung solcher Dilemmas durch Versuchspersonen auftreten. Seine Grundidee: attention allocation. Zur generellen Kritik an solchen Dilemmas: sie unterscheiden sich stark, z.B. Art des Todes, Distanz zur Körperlichkeit der Handlung, Art des Opfers, kausale Struktur. Letzteres interesiert ihn. Er glaubt nicht an die Idee der moral grammar von Hauser. Grundansatz: einfache moralische Probleme werden durch die Anwendung von Regeln gelernt. Komplexe moralische Probleme (Dilemmas) durch einen entsprechenden Fokus der moralischen Aufmerksamkeit. Vier Schritte: Wahrnehmung des Problems, Analyse der kausalen Struktur des Problems, Fokussierung der Aufmerksamkeit, moralische Handlung. Seine Komponenten der kausalen Struktur: Prognose des Ergebnisses und Einschätzung der Interventionsmöglichkeiten. Letzteres kann aus der Perspektive des Handelnden oder der Perspektive des Opfers gesehen werden. Diverse Szenairen zeigen: agent intervention (= Schaden als Nebenfolge) werden anders beurteilt als patient intervention (Schaden als Zweck) – aber je nach Dilemma ist das Ergebnis klarer oder weniger klar. Zudem: nur bei Menschen macht man solche Unterschiede (bei anderen Spezies: Gorillas, Hunde, Ratten, nicht)Zu den Dilemmas: Seine Publikationen konsultieren.

Astrid Hopfensitz (Name?): Zur Rolle von Emotionen bei Bestrafungs-Experimenten – Fehr ausgebaut. Schaue auch Bosman & van Winden 2002 / De Quervain et al 2004. Was Strafen bewirkt: sorgt dafür, dass first mover mehr gibt, dass in der zweiten Runde der first mover mehr gibt (lernen), dass first mover die Möglichkeit des Strafens ausnutzt (und mehr – nicht alles aufgeschrieben).

Blair (11.07.): (erste 15 Minuten verpasst wegen SBB). Plädiert für die Stabilität der moral conventional Unterscheidung. Generelle Bemerkung: Emotionen sind in den Fokus gerückt (frühere Ansätze bezogen sich mehr auf RationalitätTuriel, Killen, Helwig 1987). Doch Rationalität kann nicht so wichtig sein denn man sieht keine entsprechende Hirnaktivierung beim moral decision making (Luo et al, Neuroimage, 2006), man sieht keine Probleme in rational thought bei Personen mit impaired moral decision making und man sieht keine Probleme im moral decision making in Personen mit Problemen in rational thought. Seine Klassen von Moralsystemen: Reziprozität, disgust-based, care based, social convention, affect free, in-group. Dann einige Spitzen gegen Haidt (dieser soll siziobiologischen Ansatz verfolgen mit Fokus auf evolutionäre Basis solcher Moralsysteme).Blair hingegen glaubt, dass einige Systeme (care/disgust) reflektieren eine art generelles emotional learning system. Dann mehr zur care based morality. Man lernt Verhalten zu vermeiden, das Schmerzen/Schäden bei anderen verursacht. Hinweis auf eine Psychopathen-Studie in press (Marsh & Blair): Psychopathie als Problem bei der moralischen Wahrnehmung. Seine Frage: welche (neuronalen) Systeme braucht es für care-based moralische Intuitionen. Prüfe Phillips et al, Neuroimage, 2004 (fear/disgust). Fokus auf folgende Hirnregionen: Amygdala (wichtig beim lernen, was schlecht ist) und ventromedialer präfrontaler Cortex (representation of reinforcement expectancy information – Ausüben einer Handlung oder nicht).


22.-23.06.07: Workshop Struktur Moralische Orientierung

Vortrag Boothe: Psychoanalyse und Moral. Gemäss Freud ist Moral kein zentrales Thema der Psychoanalyse, vergleichbar wie seine Gedanken zur Religion. Sicher interessant, aber kein eigentliches Thema der Psychologie. Gewiss finden sich Moralvorstellungen in den Narrationen der Patienten – oft in der Struktur einer Opfer-geschichte, d.h. die für Taten verantwortliche werden moralisch disqualifiziert. Hieraus folgt die Idee einer „naiven Moral“ Orientierung an einer persönlich gewünschten Welt. Über-ich als möglicher Ansatzpunkt, Moral in der Psychoanalyse zu lokalisieren – aber nicht gleichsetzen. Über-ich ist vielmehr ein Instrument zur Bildung/Erhaltung eines inneren Gleichgewichts, weil die menschliche Natur triebverfasst ist. Zwei Aspekte beim sich entwickelnden moral agent: parentale und peer-Beziehung. Bei ersterem spielen Konzepte wie Macht und Wert eine Rolle, bei letzterem das „Recht des Siegers“. Hinweis auf die Geschlechterdifferenz: Penisneid (führt zu Resignation beim Mädchen) vs. Kastrationsangst (führt zu Wachsamkeit beim Knaben). Interessant ist evt. auch das Konzept der Courage. Wichtig: beachte Narrationen in der Modellbildung von moral agency.

Rita Casale: Bemerkungen zum Zusammenhang Entwicklung-Zivilisation (Elias). Ihre Frage: wann wird Moral jeweils zum Thema in der erziehungswissenschaft. Hinweise zu Durkheim („Physik der Sitten“ ?). Erziehung als Fähigkeit, sich selbst zu beherrschen (und damit eine Voraussetzung der Zivilisation). Betonung des historischen Kontextes (ist ja klar). Interessant ist der Begriff der „moralischen Literatur“: Gerichtsprozesse und Krankengeschichten moralischer Pathologien. Dann mehr zu Elias (sollte ich mal genauer lesen). Was micht interessiert hätte: Zusammenhang des Status von Moral in der Erziehung zu den Degenerationsdiskursen einer Gesellschaft. Mir unklar: Ihre Unterscheidung von Bildung und Erziehung. ein Gedanke zur Diskussion: beachte die moral-conventional-Unterscheidung. Überlege den Zusammenhang zwischen Pluralismus und Kohärenz in der Psychologie des Individuums.

Monika Keller: Ausgehend von einer naiven Handlungstheorie mit kognitiven (Personen, Beziehungen, Motoven, Normen…) und affektiven (Commitment, moralische Gefühle, emotionale Reaktionen auf moralische Konsistenz (Zufriedenheit) und Inkonsistenz (Scham, Ärger), handlungsdispositionen). Untersuchung eines Stufenmodells mit verschiedenen Längs- und Querschnittstudien in verschiedenen kulturellen Kontexten (sollte dazu wohl ihre Website ansehen). Stufenbidlung eher nach logischen Unterscheidungen, d.h. 1) Perspektivendifferenzierung (soziales Verstehen, Folgen einer Handlung verstehen, moralische Motive als Ergebnis dieses Verstehens), 2) Perspektivenkoordination (Das Selbst mit den Augen anderer betrachten, ermöglicht strategisches Verhalten, Lügen und Konformität). 3) Perspektive der Beziehung (Verständnis der eigenen innerpsychischen Prozesse, Verlässlichkeit, Bedeutung der Gruppe), 4) Systemperspektive (Einbezug der gesellschaftlichen Zusammenhänge, Gerechtigkeit, Fürsorge, Verantwortung). Studienobjekt war u.a. interkulturelles Verständnis von Freundschaft (A hat Versprechen mit B und erhält Angebot von C. Versprechen brechen?). Genereller kulturübergreifender Trend: Freundschaft wird wichtiger im Alter. Unterschiede westlich(Island) China: Ersteres eher hedonistisch, individualistisch, letztere eher altruistisch, kollektivistisch.

Hügli: Zum Vortrag gibt es ein Handout. Interessant ist seine Bestimmung des moral agent (verwenden!). Generell sollte man darauf achten, den moral agent nicht inhaltlich zu bestimmen, sondern nur formal (z.B. welche Fähigkeiten muss er haben). Erst die Pädagogik stellt die Frage nach den Inhalten – aber auch nach den formalen Bestimmungen des moral agent. Ein konsequenter Regelfolger sollte auch als moral agent bestimmbar sein – auch wenn man einen solchen vielleicht nicht will. Der moral agent sollte auch hinsichtlich der Möglichkeit seiner Einbettung bestimmt werden. Der Begriff des Selbst sollte Eingang finden. Bemerkung Fischer: Mitgefühl erschliesst Gründe.

Thomas Schlag: Auch hier gibt es ein Handout. Zur genannten VW (?) Studie, welche kaum einen Zusammenhang zwischen religiöser Ausrichtung und moralischen Wertvorstellunge  sieht (wenn schon: eher rigider). Man beachte, dass der moral agent in seiner Entwicklung (Modell Hügli) auch externe Legitimationen seiner Vorstellungen will – der religiöse Kontext ist dazu sehr geeignet. Idee: Erziehung des moral agent muss vom agent-Charakter ausgehen – d.h. es sollte keine strikte externe Orientierung geben. Interessante Bemerkungen zu Dewey („Gesellschaft generiert zinstragendes Wertekapital“).


19.06.07: Huppenbauer – Kolloquium

Noch zu moral absolutes und dem Text von Finnis. Klar ist: die Theologie dahinter ist zu dogmatisch und missachtet beispielsweise die historisch-kritische Bibelforschung. Ein interessanter Gedanke von Finnis ist aber die Idee, dass Folgenethiken (solche die sich auf ein aussermoralisches Gut ausrichten) den Horizont der Handelnden einschränken – mehr als absolute Verbote (mehr dazu nachdenken!). Aber ein Grundproblem aller moral absolutes bleibt: Was, wenn solche in Konflikt miteinander geraten? Alle drei Auswege dazu sind unbefriedigend: Erstens, man bezweifelt, dass solche Konflikte überhaupt existieren (aber das lässt sich leicht widerlegen). Zweitens, man bringt ein ranking der moral absolutes ins Spiel – aber nach welchen Kriterien soll das gehen (eine Güterabwägung auf der Metaebene? Das trifft aber voll gegen die Intuition der moral absolutes). Oder man verzichtet auf moralisches Handeln bei solchen Konflikten und lässt die Dinge geschehen – das aber ist eine Bankrotterklärung.


18.06.07: Schaber – Vorlesung

Zuerst noch Kant abschliessen: Vergleich Zweck-Formel versus Gesetzes-Formel. Letztere liefert kontraintuitive Resultate – vorab scheinen zu viele Maximen den Maximen-Test zu überstehen. Die Zweck-Formel wiederum ist interpretationsbedürftig. Z.B. in der Formulierung, man dürfe nicht so behandelt werden, dass man nicht zustimmen kann. Was meint „kann“: Nicht können im Sinn dass man von vorgespiegelten Voraussetzungen und Gründen ausgeht (oder nicht kann als „agent“), oder weil man keine Gründe hat, zuzustimmen? Die Zweck-Formel formuliert aber eine wichtige Intuition der Ethik – die Forderung Menschen nicht zu instrumentalisieren.

Zur Deontologie, die man nicht mit der Kantschen Ethik gleichsetzen sollte. Wie genau bestimmt man eine deontologische Ethik? Wohl am besten in Abgrenzung zu einer konsequentialistischen Ethik. Hier gilt es aber zu beachten: auch konsequentialistische Theorien haben Regeln. Eine gute Interpretation liefert Rawls: Vorrang des Richtigen vor dem Guten.

Eine Intuition deontologischer Ethiken: die Idee des moral absolute (oder auch Naturrecht). Es gibt Handlungen, die in sich schlecht sind, unabhängig von Motiven und Folgen – d.h. es gibt absolute Verbote. Kernproblem ist die Beschreibung der Anwendungsbedingung der Regel. Ein anderes Kernproblem sind mögliche kontraintuitive Folgerungen. Hierzu brachte Thomas von Aquin die Idee der Doppelwirkung ins Spiel, d.h. die Unterscheidung intendierter Handlungsfolgen und nicht-intendierter Nebenfolgen. Um letztere abzuschätzen, bringt man auch Proportionalitätskriterien ins Spiel – da ist man aber wieder verkappter Konsequentialist. Absolute Verbote bringen aber ebenfalls eine wichtige Intuition der Ethik ins Spiel: man brauche absolute Regeln, sonst spreche man nicht von Moral.


12.06.07: Huppenbauer – Kolloquium

Zunächst noch zu Kant, vorab Begriff der Würde. Bei Kant kein empirischer Begriff im Sinn, dass es Eigenschaften gebe, die eine Abstufung von Würde erlauben. Würde ist wohl begrifflich an Vernunftfähigkeit gekoppelt und insofern haben für Kant auch nichtmenschliche vernunftfähige Wesen Würde (aber irgendwie kann er den Begriff nicht völlig empirisch entleeren – sobald das Zuordnungsproblem kommt – ist x Element der „Würdemenge“ – kommt die Empirie rein). Das ist ja auch der Grund, warum manche darüber diskutieren, ob bestimmte Tiere Würde haben können oder bestimmte Menschen nicht (obgleich hier andere Probleme auftreten – vorab bei der Würde der Kreatur). Die Kopplung von Würde an Selbstachtung und Erniedrigung scheint mir ein sinnvollerer Ansatz.

Dann zum Text von Nagel. Verschiedene interessante Kategorisierungen: unpersönliche versus persönliche (relative) Grunde und subjektive versus objektive Gründe. Relative Gründe zeigen auf, warum konsequentialistische Ansätze nicht vollständig seien (drei Klassen relativer Gründe: gekoppelt an Autonomie, an Deontologie und an Gründe der Verpflichtung (lokales soziales Netz)). Der Punkt betreffend Austauschbarkeit und agent-Relativität erscheint hier besonders interessant. Dieser Text sollte von mir nochmals genauer gelesen werden.


05.06.07: Huppenbauer – Kolloquium

Zuerst Besprechung der Tugendethik: Gibt es Tugenden von Kollektiven? An sich interessantes Problem – auch im Kontext kollektiver Handlungen. Bei Aristoteles galt der Staat noch als Ermöglicher zur Entwicklung individueller Tugenden (darum geht es aber nicht). Juristisch können heute juristische Personen bestraft werden – und es gibt auch Sachen wie Renomée von Firmen, die abgekoppelt sein können von den Handlungen der Akteure des Kollektivs. Doch inwieweit sind das schon Tugenden? Es stellt sich vorab ein ontologisches Problem. Weiteres Problem: Wie kann Tugendethik Einzelhandlungen beurteilen?

Was interessant ist: Tugendethik schärft den Blick auf eine ganzheitliche Wahrnehmung, die auch die Innenperspektive des Wahrnehmenden mit einschliesst. Schliesslich lassen sich auch normative Ethiken als Tugenden auffassen – insofern ist die Tugendethik evt. nur ein anderer Filter, durch das das Problem der Moral betrachtet werden kann.

Nun zu Kant: Der Maximen-Test als kriterium für das „gut“ im „guten Willen“. Ist das nur ein logisches Problem, wie Kant meint? Habe Mühe mit dem logischen Gegenteil von Kant. Das logische Gegenteil einer Welt in der Lügen verboten ist, ist nicht die Welt, in der alle lügen (das braucht er um die logische Unmöglichkeit zu zeigen und damit die Maxime „lüge nicht“ als solche zu festigen), sondern die Welt, in der mindestens einer lügt.

Zum Pflichtbegriff: eine Manifestation des guten Willens? Nein, eher ein Instrument, dessen sich das Individuum bedient um der materialen Beschränktheit des guten Willens entgegentreten zu können und dem moralisch gebotenen in der Praxis zum Durchbruch zu verhelfen. Wichtig ist auch die Unterscheidung zwischen:

  • Pflichtgemäss handeln ohne unmittelbare Neigung (wo das Motiv nicht der gute Wille ist und der Agent aufgrund seiner „Konstruktion“ nicht für diese Handlung disponiert ist.
  • Pflichtgemäss handeln mit unmittelbarer Neigung (wenn die Disposition auch da ist)
  • Handeln aus Pflicht (wenn der gute Wille motiviert – selbst dann, wenn man wider seine Disposition handeln muss).

Das ist primär eine logische Unterscheidung: empirisch dürfte es zuweilen kaum möglich sein zu erfahren, ob nun jemand wirklich moralisch gehandelt hat (ist natürlich eine praktische Schwierigkeit der Theorie).

Was diskutiert aber nicht geklärt wurde: der Begriff der Maxime: ein subjektives Prinzip des Wollens (wie Fussnote) oder doch eher ein (objektives) Gesetz?


04.06.07: Schaber – Vorlesung

ERSTE STUNDE NICHT ANWESEND.

Thema: Tugendethik. Tugendethik setzt den Fokus auf die richtigen Motive, den tugendhaften Menschen, der keinen starren Regeln folgen soll, sondern die Fähigkeit zur Einschätzung der moralischen Relevanz von Situationen hat. Kritische Position gegenüber den anderen Theorien, welche kaum einen Platz für Motive wie Liebe, Zuneigung, Freundschaft, Mitgefühl, Gemeinschaft hat – vor allem nicht in einem auf den Menschen bezogenen Sinn (nur abstrakt).

Gründe für die Tugendethik: Erstens, keine Gesetzesmoral, d.h. Appell an Pflichten und abstrakten Regeln ist suspekt. Vielmehr das Selbstverständnis der Person soll eine zentrale Rolle spielen. Zweitens ist die Tugendethik besser adaptiert an moralische Wahrnehmungen als andere Ethiktheorien, d.h. Tugendethik ist eine Wahrnehmungsschule. Drittens kann der Beziehungsaspekt zwischen Menschen besser eingebracht werden: eine tragfähige Variante, um legitime Parteilichkeit (z.B. gegenüber dem eigenen Kind) in die Moral einbinden zu können. Viertens schliesslich kann das Gute Leben fokussiert werden, d.h. keine Überforderung oder Entfremdung des moralischen Menschen vom Menschsein.

Probleme der Tugendethik: Sind Tugenden nicht reformulierte Regeln? Kann die Unterscheidung zwischen moralisch richtig und moralisch wertvoll getroffen werden (ist a priori vorhanden: man kann richtig handeln aus unlauteren Motiven – diese Unterscheidung sollte gemacht werden können. Doch ist das eigentlich ein Problem für die Tugendethik? Sie kann ja unterscheiden zwischen dem Tugendideal und dem realen Menschen… WEITERDENKEN). Ist die Tugendethik evt. nur eine Theorie des guten Lebens? Inwieweit muss die Tugendethik auf andere Ethiktheorien zurückgreifen, um die Tugenden als solche zu begründen? Kernproblem ist also die Frage, wie eigenständig die Tugendethik ist.


22.05.07: Huppenbauer – Kolloquium

Zur Utilitarismus-Vorlesung von Schaber. Hinweis, das Utilitarismus ein Ansatz ist, der vorab für Kollektive geeignet sein kann.

Tugendethik (Philippa Foot): Tugenden als Dispositionen für aktives, positives Handeln. Tugenden müssen gelernt und geübt werden, binden sich also stärker an die Person als andere ethische Ansätze. Evt. muss man Tugenden generell und Tugenden geknüpft an konkrete Personen unterscheiden. Tugenden sind verhaltensoffener als Regeln und erweitern (?) damit auch die Autonomie der Person (prüfen). Frage: gibt es Tugenden kollektiver Akteure?


21.05.07: Schaber – Vorlesung

Weiter zum Utilitarismus, bzw. zum „Beweis von Mill“. 1) Wünschenswert ist, was gewünscht wird. 2) Gewünscht wird allgemeines Glück. Konklusion: allgemeines Glück ist wünschenswert. Standardeinwände sind: naturalistischer Fehlschluss (zu 1) und dass der Schluss nur das Wünschenswertsein des individuellen Glücks und nicht des allgemeinen Glücks zulasse.

Neuere Begründungen basieren auf Werten. 1) Wertaxiom: Wertvolle Zustände sind bewahrens- und hervorbringenswert. 2): Es existiert ein Mass für Bewertung wertvoller Zustände. Konklusion: Tue das jeweils wertvollste. Moralisches sollen beruht also auf Werten (was macht man eigentlich bei Werten, die nicht maximiert werden können sondern ein Optimum haben? Wohl Flucht auf Metaebene: Optimum ist dann das Wertvollste).

Unterscheidung von Akt- und Regelutilitarismus. Ersteres: die richtige Handlung bringt den grösstmöglichen Nutzen. Letzteres: richtige Regel bringt den grösstmöglichen Nutzen. Handlungen sind gesollt, wenn sie die Regel befolgen. Dieses Konzept entlastet den Einzelnen und rückt den Utilitarismus näher an das common sense Verständnis von Moral. Kritik von Smart: Ist Regelutilitarismus überhaupt Utilitarismus? Das Problem zeigt sich beim Verhältnis zu Ausnahmen. Sind keine Ausnahme von Regeln zugelassen, dann ist der Regelutilitarismus kein Utilitarismus. Sind Ausnahmen zugelassen, dann gibt es keinen Unterschied zum Aktutilitarismus.

Das Zwei-Ebenen-Modell von Hare. Intuitive Ebene mit einfachen Regeln, die leicht lernbar und praktikabel sind und sich dadurch eignen, (unmoralischen) Eigeninteressen entgegentreten zu können. Kritische Ebene als Aktutilitarismus. Hier werden komplexe Prinzipien generiert. Diese Ebene kommt auch zum Zug, wenn die Prinzipien der intuitiven Ebene in einen Konflikt geraten. Für den Zusammenhang zwischen den Ebenen zu illustrieren, verwendet Hare die Figuren des „Erzengels“ (handelt nur auf zweiter Ebene) und des „Proleten“ (handelt nur auf erster Ebene). Menschen liegen dazwischen.

Grundproblem des Utilitarismus: Wie passieren Nutzenvergleiche/Nutzenberechnung? Was, wenn fundamental erscheinende Schranken tangiert werden (jemand zum Wohle aller foltern – die klassischen Sachen – kann man natürlich durch entsprechende nichtlineare Nutzenfunktion kontern (Polstelle bei Folter)). Dann Hinweise auf die pig philosophy Debatte zur Zeit von Mill und die Lösung von Mill (Qualitätsunterschiede) – d.h. letztlich eine Theorie des objektiv Guten.

Ein weiteres Problem gemäss Schaber: Utilitarismus ist eine revisionistische Moral und weiche stark vom common sense ab. Trennung von Handlung und Handelnder, kontraintuitive Begründungen von Grundregeln wie „Versprechen sind zu halten“, ethische Überforderung bei der Beurteilung von Alltagshandlungen. Rawls: Utilitarismus nehme die Verschiedenheit von Menschen nicht ernst.


15.05.07: Huppenbauer – Kolloquium

Noch eine Bemerkung zu Rawls: später vertritt er die Ansicht, es gebe vernünftige Meinungsverschiedenheiten – die Bürde des Urteils. Mögliche Quellen rationaler Meinungsverschiedenheiten: widersprüchliche wissenschaftliche Befunde, Gewichtungsprobleme, Abstützen auf unpräzise definierte thick concepts, unterschiedliche Lebenserfahrungen. Hier erneut das Problem von Habermas: was macht die Diskursethik mit rationalen Meinungsverschiedenheiten?

Dann weiter mit dem Utilitarismus. Einige Problempunkte: wie kommt man vom individuellen Glück auf das allgemeine Glück? Welche Inhalte hat das? Was, wenn diese in einem Widerstreit stehen? Dann zur Bedeutung des Bildungsaspekts: Ermöglicht die Wahl hinsichtlich individueller Glücksvorstellungen. Zudem muss er die prozedurale Frage lösen: wie genau geschieht die Maximierung von Glück im Einzelfall? Evt. ist das allgemeine Glück das Streben nach Glück (und nicht die Inhalte).


14.05.07: Schaber – Vorlesung

Zuerst einmal zur Diskursethik: eine Verfahrensethik, keine inhaltlichen Vorgaben. Und auch keine privilegierte Geltungsmacht durch Ethiker. Bestimmung der Normen, die Geltung finden könnten: Gerechtigkeitsnormen und nicht Normen des guten Lebens, so Habermas.

Was ist Ethik: das Einlösen von Ansprüchen, das explizit nur durch den Diskurs geschehen kann (Frage: gibt es ein implizites Einlösen von Ansprüchen und auch ein impliziter Konsens – denke nach, was das bedeuten könnte). Zum expliziten Diskurs: Argumente spielen eine entscheidende Rolle (Schaber: aber auch beim Wahrheitsdiskurs). Schaber: Habermas verwendet eine antikognitivistische Ausgangslage – aber anders als etwa Hare, weil im Diskurs Gründe und nicht subjektive Präferenzen eine Rolle spielen.

Problem: was heisst Zustimmungswürdig? Ich denke, man muss zwei Ebenen unterscheiden: Ebene der Zulassung von diskurswürdigen Normen (hier spielt diie Zustimmungswürdigkeit eine Rolle. Kriterium: man hat (gute) Gründe). Ebene der Akzeptanz: man hat die richtigen Gründe, welchen die anderen zustimmen können. Grundproblem: gibt es rationale Meinungsverschiedenheiten – also eine Situation, die durch den Habermasschen Diskurs nicht gelöst werden kann?

Dann Beginn mit dem Utilitarismus: Nützlichkeitsprinzip (d.h. moralische Normen werden durch ein aussermoralisches Gutes begründet: das Glück) und Ausweitung des moralischen Universums auf die leidensfähigen Wesen. Umschreibungen des Glücks: das gute, Gewünschte, Vorteil, Freude. Und von Unglück: Unheil, Leid, Böses.

Natürlich ist die inhaltliche Bestimmung des Glücksbegriffs eine zentrale Herausforderung für den Utilitarismus. Mindestens drei Ansätze kann man unterscheiden: hedonistische Tradition, Nutzen als Wunscherfüllung, objektive Theorien (d.h. Existenz eines objektiven Guten).

Das Problem der „besten Folgen“ kann von zwei Standpunkten aus gesehen werden: subjektiv: Folgen bemessen sich am Prognoseraum des handelnden Individuums zum Zeitpunkt des Handelns. Hier stellt sich die Frage der Tiefe der Prognose, die man vom Handelnden erwarten darf. Objektiv: Folgen bemessen sich an einer post fakto Beurteilung der Handlungsfolgen zu einem späteren Zeitpunkt (Problem: finden der richtigen Zeitskala) – dieser Ansatz muss zwischen der Beurteilung der Handlung und der Beurteilung des Handelnden unterscheiden.


08.05.07: Huppenbauer – Kolloquium

Thema: Text von Gauthier. Die wichtigsten Gedanken und Kritikpunkte: Ist das Maximierungsprinzip wirklich der einzige Kandidat um Kohärenz zwischen Präferenzen zu erzeugen? Bestreite die Idee des Rankings aufgrund Gewichtung von Präferenzen. Nimm vielmehr die Idee eines Netzes von Präferenzen, gewichtete Verbindungen, Aktivierung im Netz, Stabilität der Aktivierung in Abhängigkeit vom Netz. Dürfte ganz wichtig sein als Gedanke.

Beachte weiterhin: Maximierungsidee als Verfahren scheint mir zwar Ideologiefrei zu sein (da keinerlei Aussagen über Art der Präferenzen gemacht wird) – ist aber Inhaltsleer. Zudem die Idee: die Inhalts-Entleerung der Moral selbst ist wiederum eine ideologische Position.

Warum spielt bei Gaultier eigentlich die Sanktion keine Rolle? Evt. weil er lieber via Vorteile als via Sanktionen argumentiert, da letztere Zwang beinhalten.

Worin besteht Unterschied zwischen Moral und Klugheit? Evt. in der Zeitskala, da diese eine längerfristige Betrachtung der Situation verlangt und damit allgemeine Aussagen generiert werden, die im Bereich der Klugheit nicht auftauchen (z.B. Versprechen sollte eingehalten werden). Diese allgemeinen Aussagen zeichnen Moral aus.

Zudem interessant: Stabilität der sozialen Struktur der miteinander verhandelnden agents hat einen Wert (denn Stabilität ermöglicht Gesamtnutzenoptimierung). Dieser Wert eignet sich dafür, zwischen verschiedenen pareto-optimalen Situationen auswählen zu können.


07.05.07: Schaber – Vorlesung

Themen sind Vertragstheorie, Kontraktualismus, Diskursethik. Vertragstheorie generiert eine Minimalmoral (hier gilt zu Fragen: machen das eigentlich nicht alle Moralsysteme?). Diese Minimalmoral liefert eine Begründung für Sanktionen. Das Problem, das sich dann stellt, ist das Trittbrettfahrer-Problem. Könnte man mit Hinweis auf Quantität lösen (wenn es nur sehr wenige Trittbrettfahrer gibt, dann wäre das Problem vernachlässigbar. Doch das Problem bestehe ja darin, dass es Situationen geben, in denen das moralische Verhalten irrational wäre (aber das betrifft einen anderen Aspekt hinsichtlich „wenige Trittbrettfahrer“: nicht wenige Personen, sondern wenige Situationen, wo Trittbrett fahren Sinn machte). Zudem sind die von Stemmer vorgeschlagenen „innere Sanktionen“ irrationale Grössen (das ist korrekt).

Eine Fragen zu „irrationalen Präferenzen“: Gibt es die überhaupt? Das Modell der rational choice macht ja keine inhaltlichen Aussagen hinsichtlich der Art der Präferenzen, die maximiert werden müssen. Zudem: was, wenn man robuste Aussagen über die innere Mechanik des rationalen agent derart machen kann, dass dieser eben gewisse moralische Präferenzen systematisch bevorzugt? Bringe das in einen Zusammenhang mit dem moralischen Relativismus, d.h. der Frage, dass unterschiedliche solche Mechanismen Grund dafür sind, dass es unterschiedliche Moralsysteme gibt. Zudem gibt es ja auch Mechanismen der Ausschliessung von agents aus der Gemeinschaft der moral agents.

Eine Frage von Schaber: Ist Vertragstheorie überhaupt ein Sprechen über Moral? Der Unterschied zwischen Klugheits-Sollen und moralischem Sollen werde nicht klar. Und noch ein Gedanke zur Konsensfähigkeit. Argument der Vertragstheoretiker: dies generiere eine konsensfähiges Moralsystem. Doch ist das Verfahren der Vertragstheoretiker selbst konsensfähig? Evt. beinhaltet ein Moralsystem eben beides: Den Mechanismus zur Generierung der Regeln und die Regeln selbst. Unterscheide hier die konzeptuelle Ebene und die praktische Ebene.

Dann zum Kontraktualismus: Rawls und Scanlon (ist eigentlich unklar, warum Scanlon ein Kontraktualist ist). Rawls liefert ein kriterium dafür, was Moral ausmacht: es ist das, worauf sich vernünftige (nicht rationale) agents einigen. Vernünftige agents verfolgen nicht nur die eigenen Interessen, sondern auch Ziele, die sich gegenüber anderen nicht nur mit Bezug auf Eigeninteresse rechtfertigen lassen. Dann die Konzepte von Rawls: Urzustand, Schleier des Nichtwissens (man weiss de fakto nichts über die eigene Identität).

Zu Scanlon: Eine Handlung ist falsch, wenn diese auf einem Prinzip beruht, das vernünftigerweise zurückgewiesen werden kann (auch hier der Unterschied zwischen vernünftig und rational). Moralische Falschheit ist also etwas, das in einer Kritikhandlung auftritt, es geht um Rechtfertigbarkeit (darum sei Moral für viele Menschen auch so wichtig). Die Frage stellt sich demnach: Welche Einbusse von Eigeninteresse ist nicht zumutbar und wie findet man das heraus?

Diskursethik und Habermas: Eine normative Aussage ist ein Anspruch auf Richtigkeit (nicht Wahrheit – das machen deskriptive Aussagen) – und diese Richtigkeit kann nur diskursiv eingelöst werden. Dieses Einlösen geschieht im idealen Diskurs und dafür definiert Habermas gewisse Regeln (Argumentationsregeln). Ziel des Diskurses ist der Konsens (und was passiert, wenn kein Konsens erreicht wird?). Daraus folgen Universalisierungsgrundsatz und Diskursgrundsatz. Es handelt sich also um ein Verfahren – doch kann man einen Existenzbeweis dafür führen, dass dieses Verfahren Konsens erzeugen kann?


30.04.07: Schaber – Vorlesung

Mehr zur moralischen Epistemologie. Es gibt letztlich drei mögliche Positionen hinsichtlich der Kriterien, die eine gerechtfertigte/wahre ethische Position/Norm kennzeichnen:

  • Intuitionismus: Selbstevidenz als Basis.
  • Kohärentismus: Kohärente Systeme (wobei: Verfahren zur Unterscheidung verschiedener kohärenter Systeme das Überlegungsgleichgewicht benötigt).
  • Konsenstheorie: Bedingungen der Dynamik der Konsensfindung als Kriterium.

Bemerkung zum Intuitionismus: zwei Positionen werden unterschieden. Die Position von Ross besagt, dass bestimmte Prinzipien, die moralische Handlungsweisen beinhalten, selbstevident sind und einem gewahr werden, indem man diese Begriffe durch die Handlung lernt (Kritik dann: „Unreife“ ist ein schlechtes Argument in Debatten und zudem werden ethische Debatten zu Begriffsdebatten – was aber deren Natur nicht wiedergebe). Der Partikularismus (Pritchard und andere) hingegen behauptet, es gebe so etwas wie moralisches Sehen, das in allen Fälle dazu führe, dass man erkenne, was richtig und was falsch sei (da müsste man wohl noch genauer nachfragen).

Zum Kohärentismus: Die wichtigste Position geht auf Rawls zurück mit der Idee des Überlegungsgleichgewicht (ÜGG): eine Methode, um zu Kohärenz zu kommen und um zwischen verschiedenen kohärenten Systemen das Beste wählen zu können. Das ÜGG ist insbesondere durch zwei Aspekte charakterisiert:

  1. Moralische Prinzipien und wohlerwogene Einzelurteile werden in ein Überlegungsgleichgewicht gebracht, wobei beide Seiten revidierbar sind. Auch das Ergebnis ist nicht für alle Zeiten gültig sondern kann revidiert werden. Norman Daniels hat das dann ausgeweitet auf ein Dreieck: Hintergrundstheorien (z.B. Theorien der Person etc.) spielen auch eine Rolle.
  2. Das ÜGG wird unter bestimmten Bedingungen realisiert, etwa Abwesenheit von Angst, Abwesenheit einer zu starken Betonung eigener Interessen und Anwesenheit eines Gerechtigkeitssinns.

Zur Konsenstheorie (Habermas). Diskurs wird hier zu einem Prüfkriterium von ethischen Prinzipien, Rechtfertigung ist ein diskursives Unternehmen. Mehr dazu dann in der Vorlesung zur Diskursethik.

Beginn mit Vertragstheorien der Moral. Grundmotivation leitet sich von Hobbes ab: Menschen im Urzustand haben natürliche Rechte und sind immer im Kriegszustand. Um den Friedenszustand zu erreichen, müssen diese Rechte an eine strafende Instanz abgegeben werden. Grundidee: Man will den moralischen Skeptiker davon überzeugen, einer Moral beizutreten. Der moralische Skeptiker ist charakterisiert als rationale Person durch:

  • maximiert den Nutzen hinsichtlich des eigenen guten Lebens
  • ist in der Lage, Präferenzen zu befriedigen
  • hat keine genuin positiven (Altruismus) oder negativen (Bösartigkeit) Interessen gegenüber anderen (d.h. Begründungen mit Verweis auf Empathie funktionieren nicht)
  • steht ausserhalb der Moral (d.h. moralische Gründe haben keine argumentative Kraft).
  • weist die Idee objektiver Werte und Normen zurück.

Erst wenn man den moralischen Skeptiker überzeugt habe, habe man die Gewissheit, dass die Normen der Moral, in die der Skeptiker eintritt, universal sind. Der Vertragstheoretiker geht dazu wie folgt vor:

  • Grundidee der Überzeugungsstrategie: Man zeige, dass Normen auf allgemeine Wünsche (Lebenswunsch, kein Schmerz, helfen, nicht erniedrigen etc.) zurückgeführt werden können.
  • Problem: Kooperation ist wünschbar, selber kooperieren aber nicht rational.
  • Lösung 1: Einführung der Institution der Bestrafung von Normbrechern.
  • Problem 2: Normenverletzung im Verborgenen.
  • Lösung 2 von Stemmer: Es sei rational, Dispositionen für moralisches handeln zu entwickeln wegen der inneren Sanktionen (doch funktioniert das unter der Voraussetzung der rationalen Person?).

23.04.07: TA-Expertenseminar

Grundziel: Rückmeldungen für Autoren des Berichts geben und helfen, Empfehlungen zu geben.

Grundprobleme autonomer Systeme: Stabilität bei deren Interaktion, Fragen der Kommunikation mit einem autonomen System. Was, wenn das System auch hinsichtlich seiner Verhaltensressourcen autonom ist – also Energie, Regeneration, Selbstreproduktion. Problem der Voraussagbarkeit (das ist eine Perspektive von Seiten des Nutzers. Was ist mit evolutionären Aspekten? Warum überhaupt eine Klassifikation? Um relevante Übergänge festnageln zu können (tönt formal – ist das praktikabel?).

Ansatz via Indikatoren. Mögliche Indikatoren sind: Fehlende Prognostizierbarkeit führt dazu, dass man die verbotenen Systemzustände gar nicht mehr kennt. Keine klare innere Kausalstruktur verlangt vom Nutzer Lernen, um das System verstehen zu können, was zu Überforderung führen kann. Zuschreibung von agency durch den Nutzer kann notwendig werden – was, wenn Systemkonflikte als agency-Konflikte gesehen werden (Grenzen der sozialen Metapher). Und: was wenn Interaktion autonomer Systeme dazu führt, dass der Nutzer in ein sozial gewolltes Verhalten getrieben wird? Was, wenn Autonomie nur vorgegeben wird, der Nutzer das meint, aber er in Tat und Wahrheit subtil manipuliert wird? Was bedeutet Vertrauen in autonome Systeme?


23.04.07: Schaber – Vorlesung

Thema: Naturalismus. Charakterisiert sich zum einen durch eine andere Kernfragestellung, die Frage nach der Funktion der Moral. Zum anderen charakterisiert sich Naturalismus durch den Ansatz, durch den diese Kernfrage beantwortet werden soll: empirisch (Natur- oder Sozialwissenschaften, z.B. Biologie).

Historische Anmerkung: Sozialdarwinismus (Herbert Spencer und dann andere): gehört in den Kontext von Rassenideologien etc. Renaissance dann in den 1970er Jahren mit dem Konzept der Soziobiologie: verstehe die biologischen Grundlagen von Sozialbverhalten (Wilson, Dawkins, Michael Ruse). Ein paradigmatisches Problem aus einer evolutionären Perspektive: wie ist Altruismus möglich (d.h. Verhalten, mit dem man Kosten, die andere Organismen sonst targen, übernimmt – das soll Fortpflanzungserfolg vermindern). Problem: es macht einen grossen unterschied, ob man Altruismus in hoch spezialisierten sozialen Insektenstaaten untersucht oder bei Tieren, die ein komplexeres Sozialverhalten haben. Hierhin gehört auch die Hamilton-Regel (Altruismus als Funktion der Verwandschaftsbeziehung). Aus diesen Überlebungen folgte die Idee der „Moral als Illusion“ – d.h. man orientiert sich nur scheinbar an Normen, in Wirklichkeit wirken andere Ursachen.

Grundproblem: es gibt Erklärung aus Ursachen und Erklärung aus Gründen (und der Zusammenhang ist die zentrale und interessante Frage). Und dann gibt es noch zwei Perspektiven: jene der empirischen Wissenschaften und die lebensweltliche Perspektive. Argument: Aus letzterer Perspektive werden die „tieferen Ursachen“ die aus der empirischen Analyse folgen, nicht als Gründe angesehen – deshalb habe der ethische Naturalismus eigentlich keine Relevanz für die Ethik (oder höchstens indirekt: als Hinweisgeber für Normen, die nicht praktikabel sind).

Doch das Zusammenwirken ist komplexer. Zum einen ist folgendes Relevanzszenario denkbar: Verständnis des „moralischen Mechanismus“ ermöglicht die Generierung von Massnahmelisten zwecks Unterstützung des Mechanismus – wobei hier eine ethische Beurteilung der Massnahmen erfolgen kann (um nicht sozialdarwinistisch zu werden). Hier können dann aber auch Geltungsansprüche bei scheinbar rein ethischen Diskussionen verändert werden – etwa bei der Diskussion des Unterschieds zwischen Handeln und Unterlassen. Zudem (was wir ja tun wollen): wie genau funktioniert die Analyse der moralischen Maschinerie? Wo beginnt die Festlegung dessen, was zur Identifizierung der Module der moralischen Maschinerie dienen?

Dann eine Einführung in das nächste Thema: ethische Epistemologie: Welche Kriterien definieren gerechtfertigte oder gar wahre Begründungen? Antworten lieferte zum einen der Intuitionismus, d.h. es gibt nicht ableitbares moralisches Wissen, das basiert auf gewisse Emotionen, gewisse Wahrnehmungen oder Selbstevidenz. Gründe gegen den Intuitionismus: Evidenz scheint auf nur sehr wenige Prinzipien überhaupt anwendbar zu sein – zudem besteht bei fast allen Prinzipien inhaltliche Dissonanz. Der Intuitionist kann hier nur argumentieren, indem dem Andersdenkenden ein mangelndes Verständnis des Begriffs vorgeworfen werden kann. Deshalb werde der Intuitionismus heute kaum mehr vertreten.

Kohärentismus ist der Ansatz der Wahl heute. Kriterien der Konsistenz: positiv (gegenseitige Stützung), negativ (kein Widerspruch), logisch (Folgerungsbeziehungen). Grundidee: jede moralische Überzeugung lässt sich als Schluss eines Arguments darstellen. Hier kommt dann das Überlegungsgleichgewicht von Rawls zum Zug.


17.04.07: Huppenbauer – Kolloquium

Zum Relativismus: Klar ist: Nonkognitivisten sind (nur) deskriptive Relativisten. Kognitivisten können metaethische Relativisten oder keine Relativisten sein.

Moralische Wahrheiten impliziere moralisches Sollen: Wie korrekt ist das? Ich denke, es besteht eine Identität zwischen „x ist Teil der Kultur X“ und „x sagt: a ist wahr“ wobei a eine moralische Wahrheit von X ist. Keine Implikation. Könnte Kern des Problems sein, das Schaber hat. Das „ist wahr“ unterscheidet sich vom „glaubt, dass a wahr“ dadurch, dass „a“ den Status einer notwendigen Aussage für die Zugehörigkeit zu X hat. Zudem (Huppenbauer): verbirgt sich hier eine Art naturalistischer Fehlschluss?


16.04.07: Schaber – Vorlesung

Ethischer Relativismus. Unterscheide:

  • Deskriptiver Relativismus: Es gibt unterschiedliche Moralsysteme, wobei diese Unterschiede durch die Sozialwissenschaften untersucht werden. Philosophisch folgen aus der Feststellung eines deskriptiven Relativismus die beiden anderen Versionen noch nicht.
  • Metaethischer Relativismus: Moralische Aussagen sind relativ zu einer Bezugsgruppe wahr oder falsch (damit verbindet sich eine bestimmte Auffassung von Wahrheit – etwa im Gegensatz zum allgemeinen Wahrheitsbegriff mit universellem Gültigkeitsanspruch).
  • Normativer Relativismus: Die Geltung von Normen ist relativ zu bestimmten Standards (?).

Zum deskriptiven Relativismus: Ein wichtiger Gedanke: nicht jeder festgestellte Unterschied ist per se einer: Gegenstand und dessen Bedeutung (im Sinne der moralischen Bedeutung, die man dem Gegenstand zurechnet) müssen gleichgewichtig sein. Zudem muss man unterschiedliche Prinzipien von der unterschiedlichen Anwendung gleicher Prinzipien unterscheiden. Eine weitere Bemerkung: Aus dem (generellen) Relativismus folgt kein Toleranzgebot – denn das wäre eine universelle Regel. Dieses Argument ist klar.

Interessant ist der metaethischer Relativismus, da er eine Erklärung für den festgestellten deskriptiven Relativismus gibt (die „beste“ Erklärung? Das braucht Kriterien für das Ranking von Erklärungen). Alternative Erklärungen wären: kollektive Irrationalität. Fehlende Fähigkeiten moralischer Wahrnehmung.

Der Punkt von Schaber: metaethischer Relativismus sei keine kohärente Position, da er auch ein universales Sollen braucht. Argument: Man habe ein Kriterium für die Zuordnung einer Person zu einer Kultur X. Ein wahrer Satz für diese Kultur impliziert ein moralisches Sollen. Daraus folgt aber eine universale Norm: die Mitglieder einer Kultur X sollen die Normen ihrer Kultur befolgen. Widerspruch!

Denke, das geht nicht auf. Kernproblem: Die universale Norm lautet: Wenn du Mitglied von X sein willst, dann musst Du deren Normen befolgen. Das erscheint mir ein Klugheitssollen zu sein. Ausführen!

Zudem: partieller Relativismus, der zwischen universalen Normen (gelten aus Vernunftgründen) und relativen Normen (gelten aus sozialen Gründen) geht nicht auf. Da stimme ich zu, denn soziale Gründe sind keine moralischen Gründe.


03.04.07: Huppenbauer – Kolloquium

Zum Bild der Trennung zwischen Welt und moral agent: wie strickt soll man sich diese Trennung denken? Methodisch sicher gerechtfertigt. Doch wo eigentlich sind die Gründe in dieser Sicht lokalisiert: beim agent oder bei der Welt? Zudem: was genau ist von der Unterscheidung zwischen objektiven und subjektiven Gründen zu halten (folgt daraus die Unterscheidung zwischen dem objektiven und dem subjektiven sollen?). Ich denke: Gründe sind nichts Vereinzeltes – deshalb die Metapher vom Raum der Gründe, und deshalb auch die Suche nach Zusammenhängen zwischen Gründen und Motiven, bzw.: charakterisiere, was ein Rechtfertigungszusammenhang ist. Auch zu klären: der Zusammenhang zwischen Gründen und Handlungen.


02.04.07: Schaber – Vorlesung

Zum moralischen Realismus, der durch zwei Thesen charakterisiert wird:

1. Moralische Aussagen sind wahrheitsfähig
2. Es gibt moralische Tatsachen und Eigenschaften

(Kognitivisten unterschreiben nur die erste These). Es gibt vier motivierende Argumente für den moralischen Realismus:

  • Er hat einen Zug zur Objektivität (wir verhalten uns im Alltag meist alle als moralische Realisten) – doch ist das nicht eine Frage des argumentativen Stellenwerts der Emotionen?
  • Die Expression bei moralischen Aussagen ist nicht konsistent (das Argument von Geach, verstehe ich nicht).
  • Moralische Uneinigkeit existiert – was aber auf ein (plausibles) Verständnis von „Uneinigkeit“ abstützt.
  • Wir haben Argumente in der Moral – das ist der interessanteste Punkt. Beim Nonkognitivismus hätten diese einen seltsamen Stellenwert.

Zwei Exkurze zum naturalistischen Fehlschluss (im Sinne von Hume und nicht von Moore – dort geht es um Semantik) und die Notwendigkeit normativer Brückenprämissen. Und zur Unterscheidung Tatsachen und Werte. Hier sehen die Realisten eine Überlappung. Argument der thik ethical terms – Ausdrücke, die zugleich beschreiben und bewerten (aber: wie qualifiziert man hier die Bedeutung des Kontext? Da könnte es interessant werden).

Zwei Einwände gegen den Realismus:

  • Relativismus. Kann man umgehen mit möglichen mehreren Realitäten – ist sowieso Thema der kommenden Vorlesung.
  • Argument der Absonderlichkeit: Gemäss Platon sind moralische Tatsachen solche, welche sowohl die Richtung von Handlungen angeben als auch motivierend wirken – das ist seltsam, Fakten tun das nicht.

Die Kernfrage ist, woher kommt das sollen. Gegner des Realismus sagen: aus dem Wollen (in der Tradition von Hume). Es braucht immer einen Wunsch in den Prämissen. Doch: es braucht auch eine normative Brückenprämisse: welchen Status hat denn hier das Wollen? Hier kommt das Sollen aus der instrumentellen Vernunft. (und auch noch: welcher Zusammenhang besteht zwischen Wünschen und Gründen)?


27.03.07: Huppenbauer – Kolloquium

Zur (nicht besuchten) Vorlesung von Schaber: Realismus (Kognitivismus) vs. Nonkognitivismus. Zum Nonkognitivismus: was ist dessen Erkenntnisideal? Was ist der Status von Emotionen? Zum Kognitivismus: inwiefern kann dieser sicher sein, dass die Menschen kohärente Moralsysteme erzeugen – selbst wenn der Realismus recht hat? Die Methoden zur Erkennung der moralischen Tatsachen könnten ja falsch sein.

Eventuell bin ich ein nonkognitivistischer Entdecker von Moral (bitte prüfen, was genau das bedeuten kann). Zudem: Schaber lesen!

Wie werden unterschiedliche Ethiken gerankt? Kohärenz und Lebensvollziehbarkeit als Kriterien.


23.03.07: Vortrag von Fehr an Verhaltensneurologischer Gesellschaft

Zu den Begriffen die er verwendet: „neuronale Kräfte“, „decision making“. „Macchiavelli-Score“. Dann die bekannten Papers (Science, Nature) als Hauptthemen. Knoch 2006: nicht die Urteile ändern, sondern die Fähigkeiten, den Urteilen Folge zu leisten.

Gibt es im Übrigen ein methodisches Problem, wenn er sagt, alle wählen die „maximale Strafe“, obgleich dies von den Leuten unterschiedlich gesehen werden kann? Prüfe die Publikation von Kringelbach in Nature Reviews: Neuroscience


19.03.07: Schaber – Vorlesung

Charakterisierung von Metaethik anhand von vier Fragen:

  • Rolle von „Wahrheit“ in der Ethik
  • Status der Universalisierbarkeit der Aussagen/Geltungsansprüche
  • Reduktionismusproblematik (insb. Naturalisierung)
  • Was ist moralische Erkenntnis (& Methode für ihre Erlangung)

Erstes Thema ist das „moralische Sollen“. Was unterscheidet dieses vom nichtmoralischem Sollen – d.h. es gibt implizit eine kategoriale Unterscheidung. Mögliche Kriterien sind:

  • Universalisierbarkeit von Aussagen. Hält er für nicht so interessant. Meistens meint man damit wohl Unparteilichkeit. Zudem denke ich, dass die Universalisierbarkeit das Problem auf die Eigenschaften verschiebt (bzw. auf die Kriterien zur Bestimmung der Gesamtheit, welche das Universum festlegen)
  • Sollen entsteht im Kontext sozialer Interaktion. Frage ist dann: wie nahe stehen sich moralisches Sollen und Klugheit? Und: gibt es Pflichten gegenüber sich selbst (müsste man wohl in Relation zur Selbstachtung sehen).
  • Moralisches Sollen ist unbedingt – also nicht hypothetisch im Sinne von abhängig von den Zielen und Interessen der Handelnden. Doch entscheidet da nicht der Status der Bedingtheit? Inwieweit sind Begründungen auch Bedingungen?
  • Gewicht der Moral, d.h. die Priorisierungsmacht des moralischen Sollens.
  • Unparteilichkeit: Das aber braucht ein Verfahren zur Identifizierung von Parteien.

Zudem: das moralische Solle beinhaltet auch das moralisch gute sollen – kann man anders gar nicht denken. Doch verliert man da nicht an Entscheidungskraft? Im Kolloquium dann: eventuell hilft hier die Moral-Ethik-Unterscheidung, d.h. wir haben zwei Arten von moralischem Sollen. Die erste verlangt nach einem Set von Kriterien zur Auszeichnung moralischer Sollensaussagen im Gegensatz zu anderen (z.B. ästhetischen) –wobei die Frage nach dem guten sollen noch nicht beantwortet werden soll. Die zweite beinhaltet dann diese Frage.

Meine Frage: kann man moralisches und nichtmoralisches Sollen derart einfach trennen? Wäre es nicht sinnvoller, Sollensaussage im Hinblick auf deren Distanz zu einer normativen Theorie zu verstehen? Diese Distanzidee sollte bottom-up verstanden werden, d.h. keine top down vorgegebene Kategorisierung. Soll man die Distanzidee relativ zu einem abstrakten Theoriekörper berechnen oder zu den Überzeugungen der Person?

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