Forschungsverständnis
In diesem Teil thematiisiere ich, wie ich meine Rolle im Wissenschaftsbetrieb sehe. Grundsätzlich betrachte ich die aktuellen Entwicklungen im Hochschulwesen mit grosser Sorge: Standardisierung der Laufbahnen, daran gebundener Evaluationsdruck, die Pflicht zur Massenbildung etc. zerstören (bzw. verhindern) die Ausbildung von Vielfalt. Praktisch alle Professoren, die ich kenne, beklagen eine massive und steigende Belastung durch Aktivitäten, für die sie nicht selektiert und ausgebildet wurden (bzw. sie werden mehr und mehr danach selektiert, was die Sache noch schlimmer macht) und die das Nachdenken und wissenschaftliche Arbeiten mehr und mehr marginalisieren. Ich strebe deshalb an, einen Teil meiner Arbeitszeit auf dem freien Markt zu verkaufen und mich ansonsten via Forschungsprojekte zu finanzieren, indem ich Instituten damit einen Mehrwert verschaffe (mehr dazu später).
Insbesondere wird untenstehend eine Projektskizze für eine Freie Private Universität in der Schweiz vorgestellt, die 2006 formuliert wurde und zu welcher sich im gleichen Jahr eine Gruppe mehrfach getroffen hat. Derzeit sind die Arbeiten dazu auf Eis gelegt. Ein (sehr) langfristiges Ziel meinerseits ist es aber, die Hochschullandschaft Schweiz mit einem solchen Projekt zu bereichern.
|
|
Projekte aktuell in Arbeit:
Stand: Mai 2009
|
BEMERKUNG: HIER SPÄTER MEHR SCHREIBEN ZUR PROBLEMATIK DES KARRIEREBEGRIFFS IN DER WISSENSCHAFT. DAS EIGENE VORGEHEN VERDEUTLICHEN.
Das Projekt einer Freien Privaten Universität in der Schweiz
Warum eine private Universität in der Schweiz?
-
Weil die heute interessanten und wichtigen Forschungsfragen an den Disziplinengrenzen angesiedelt sind. Die klassische, europäische Struktur der Universität erschwert die Bildung solcher interdisziplinären Gruppen.
-
Weil der Bezug dieser Forschungsfragen zu praktisch relevanten Problemen sowohl als Erkenntnisquelle wie als Bestätigung der erzielten Resultate unabdingbar ist und neue Strukturen einer Theorie-Praxis-Beziehung braucht.
-
Weil die öffentlichen Universitäten unter einer Doppelbelastung stehen: steigende Studentenzahlen und die Forderung nach einer Performance-basierten Evaluation als Folge des Spardrucks. Dies lässt die Universitäten zu Evaluations-optimierten Durchlauferhitzern verkommen.
-
Weil es nötig ist, dass eine Universität Ihre Studierenden und Forschenden auswählt, mit ihnen dann aber langandauernde Beziehungen eingeht. Forschung braucht ein Bekenntnis zur Dauerhaftigkeit und Langfristigkeit.
-
Weil die klassische Lehrstuhl-Hierarchie einen zu grossen Energieverlust für inner-organisatorische Streitigkeiten zur Folge hat. Führung und Management von Forschung ist nicht Aufgabe der Forschung selbst, sondern Aufgabe einer kleinen, schlagkräftigen Einheit innerhalb der Struktur einer Universität.
-
Weil die Schweiz eine hervorragende Ausgangslage für die Gründung einer privaten Universität hat. Bildungs- und Wohlstandsdichte bieten einen guten Nähboden und der Umbruch des Universitätssystems wird den Wunsch nach Neuem wecken. Es gilt, im Zuge der laufenden Gesetzgebung im Hochschulbereich den Platz für solche privaten Initiativen zu schaffen bzw. zu erhalten.
Welchen Grundfragen soll sich diese Universität widmen?
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und im Wissen auf die Möglichkeit von Ausweitung und Ergänzung sehe ich drei zentrale Grundfragen, denen sich Forschungsgruppen dieser neuen Universität widmen sollen:
-
Die Komplexität des Natürlichen: Das Verständnis des Zusammenspiels natürlicher Einheiten auf allen Hierarchieebenen – molekular, zellulär, organismisch – ist eine zentrale Herausforderung für das Verständnis des Lebendigen. Dies verlangt nach einer begrifflichen Engfassung von Konzepten wie Komplexität, Netzwerk und Informationsverarbeitung in natürlichen Systemen. Die Entstehung neuer Gebiete wie Systembiologie weist darauf hin, das dieses Erfordernis langsam erkannt wird. Damit einher gehen voraussehbare Veränderungen im Selbstverständnis praktischer Gebiete wie die Medizin. Mit dem Oberbegriff „die Komplexität des Natürlichen“ ist ein Feld definiert, in denen sich Disziplinengrenzen zwischen angewandter Mathematik, statistischer Physik, Biologie und Medizin verwischen müssen, damit die sich stellenden Forschungsfragen angegangen werden können.
-
Die Entstehung des Normativen: Den Sein-Sollen-Fehlschluss kann man als Marker eines Bruchs zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft auffassen. Man könnte hingegen den Begriff einer Norm weiter fassen – angefangen von Randbedingungen physikalischer Systeme bis hin zu den ausgefeilten Rechtssystemen der modernen Welt. Eine evolutionäre Perspektive hin zu einer Naturgeschichte des Normativen dürfte die Zacken und Ausbuchtungen der Natur-Kultur-Bruchlinie verständlicher machen und nicht zuletzt von praktischer Relevanz hinsichtlich der Erfassung des Möglichkeitsraums des künftigen Rechts schaffen. Ich sehe hier die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit zwischen Disziplinen wie Verhaltensforschung, Anthropologie, Recht und Philosophie.
-
Die Schaffung und Wahrnehmung von Autonomie: Die Entstehung des Neuen ist eine Folge der Wahrnehmung von Autonomie. Dieser Begriff ist vorab im westlichen Kulturraum untrennbar mit unserem Bild des Menschen verbunden. Doch lassen sich auch soziale und nicht zuletzt technische Systeme unter dem Gesichtspunkt der Autonomie untersuchen. Nicht zuletzt im Hinblick auf die Endlichkeit unserer materiellen und zeitlichen Ressourcen ist ein Verständnis von Autonomiefähigkeit und ihrer Einbettung in diese Begrenztheit zentral. Wichtig scheint mir auch die Frage, welche materiellen Bedingungen der Autonomiefähigkeit zu Grunde liegen. Disziplinen wie Neurowissenschaft, Technologie komplexer Systeme, Politologie und Bioethik sollten hier zusammenarbeiten.
In methodischer Hinsicht wird eine solche Universität ihre diesbezüglichen Möglichkeiten schrittweise aufbauen müssen. In einem ersten Schritt werden vorab theoretische Wissenschaften unter Einbezug der modernen Computersimulation integriert. Experimentelle Forschung kann in einem Folgeschritt bis zu einem gewissen Grad integriert werden, wobei aber naturwissenschaftliche Grossforschung ausserhalb der Möglichkeiten dieser Universität liegen werden.
Welche Struktur hat diese Universität?
Strukturelle Aspekte lassen sich mit folgenden Stichworten charakterisieren:
- Formell unterschieden werden zwei Bereiche: Forschung und Praxis
- Der Bereich Forschung sucht Anknüpfungen an bestehende Universitäten, vorab im Sinn einer Aufnahme und Ausbildung von Studierenden ab Stufe Doktorat.
- Der Bereich Praxis sucht Anknüpfungen zu Fachhochschulen, vorab im Sinn gemeinsam getragener Studiengänge in Anlehnung an die praktisch relevanten Forschungsfragen der Universität.
- Die Forschungsgruppen sind klein und in ihrer inhaltlichen Ausrichtung weitgehend unabhängig. Forschungsgruppenleiter sind hierarchisch gleichgestellt.
- Projekte und Ausbildung (vorab im Bereich Forschung) sind längerfristig als üblich (Richtzeitraum: mindestens 5 Jahre).
- Die strategische Führung des Instituts trägt die Verantwortung für Finanzierung, Einbettung der Universität in die Bildungslandschafts Schweiz und definiert in Absprache mit den Forschungsgruppen die langfristigen Forschungsfragen.
|
|
 |
Die Entwicklung der Universität wird sich grob in drei Phasen abspielen, sobald die Rahmenbedingungen für den Start des Projektes geklärt sind (die Kostenvorstellungen sind hier noch nicht wirklich durchdacht):
-
In einer ersten Phase dürfte die Universität nur „virtuell“ bestehen durch Verknüpfung bestehender Institutionen und Gruppen. Zeitrahmen: 2-5 Jahre. Betriebskosten: 1 Mio./Jahr.
-
In einer zweiten Phase wird die Universität einen festen Standort erhalten. Ich denke hier an Biel, weil von hier aus vier Universitätsräume (Basel, das BeNeFri-Netzwerk, Lausanne und Zürich) innert einer Stunde erreichbar sind. In dieser Phase dürften ca. sechs Forschergruppen etabliert werden. Zeitrahmen: 5 Jahre. Aufbaukosten: 10 Mio., Betriebskosten: 10 Mio./Jahr.
-
In einer Aufbau- und Konsolidierungsphase soll der Umfang der Universität derart ausgeweitet werden, dass schliesslich gegen 20 Forschungsgruppen aktiv sind, Pro Jahr werden 20 Doktoranden eintreten und gegen 100 Personen eine Praxisausbildung erhalten. Betriebskosten: 100 Mio./Jahr.